Gesundheit : Man spricht "Globalesisch"

Juliane von Mittelstaedt

Die Hybris der Turmbauer von Babel ist die Strafe Europas. Elf Amtssprachen gibt es im Euroland und noch viel mehr Dialekte und Regionalsprachen - das macht die Verständigung oft schwer. "Sprachen öffnen Türen" lautet daher das Motto des "Europäischen Jahres der Sprachen 2001" (EJS). Das Ziel: Lust auf Sprache machen. Jeder Europäer soll nach dem Willen der EU neben seiner Muttersprache zwei Fremdsprachen sprechen. Das Jahr ist fast vorbei - Zeit Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu wagen. Im Rahmen der dreitägigen Sprachmesse Expolingua schilderten Bildungsexperten und Sprachwissenschaftler die Perspektiven und Chancen der europäischen Sprachen. Wie wird die europäische Sprache des 21. Jahrhunderts aussehen? Englisch als "Lingua Franca", als Kernsprache des Eurolands, oder bleibt die bisherige Sprachenvielfalt?

Jürgen Trabant, Professor an der Freien Universität, sieht Englisch als die de facto institutionalisierte Sprache an. Er bedauere dies, bekennt Trabant, denn schließlich sei er Romanist. Ironisch fragt er: "Griechisch und Finnisch sind genauso wichtig wie Englisch? Da lachen ja die Hühner!" Lerne der Portugiese noch Dänisch nebenbei und der Franzose Polnisch? "Edel gedacht, funktioniert aber nicht", schätzt er den EU-Plan zur Mehrsprachigkeit ein.

Er sieht die Nationalsprachen als Opfer der Anglisierung und eine neue Sprache im Aufwind: "Globalesisch". Man sei in Europa aufgrund "einer tiefen europäischen Sehnsucht" nach einer einheitlichen Sprache eilfertig zum Englischen übergegangen. Dabei sind Sprachen nicht nur "Techniken zum Schwatzen", sondern erschließen darüber hinaus Kultur, Identität, Emotionen.

Peter Thiele vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zieht eine positive Bilanz des Sprachenjahres. Der "interkulturelle Dialog" sei gestärkt worden, es habe wichtige Denkanstöße gegeben. Das EJS dürfe jedoch kein Schlusspunkt sein, sondern bedeute erst den Beginn der "Idee Europa". Thiele fordert eine eigene, supranationale Bildungspolitik der EU. Sein Kollege Karsten Brenner: "Ohne Fremdsprachen ist keine aktive europäische Bürgerschaft möglich". Als Vorbild nennt er Wilhelm von Humboldt: Der bevorzugte ein kurzes, intensives Sprachenlernen statt neun Jahre Schulqual, um so möglicherweise drei oder vier Sprachen anstatt einer zu lernen. Und wenn das Sprachenlernen schwerfällt? Sprachexpertin Rita Franceschini lächelt: "Verlieben Sie sich!"

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