• Ob sich der Bevölkerungszuwachs weiter beschleunigt, hängt von der Politik der Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen ab

Gesundheit : Ob sich der Bevölkerungszuwachs weiter beschleunigt, hängt von der Politik der Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen ab

Rainer Münz

Rainer Münz (45) ist seit 1992 Professor für Bevölkerungswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Nach dem Studium der Soziologie und Philosophie in Wien war er Lehrbeauftragter in Wien und Klagenfurt, später Gastprofessor in Bamberg, Berkeley /Kalifornien und Frankfurt/M. und schließlich 1990 Direktor des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In zahlreichen Büchern und Zeitschriftenbeiträgen hat er sich mit Fragen der Migration vor allem innerhalb Europas auseinander gesetzt.

Vor 12 000 Jahren lebten auf unserem Planeten 5 bis 10 Millionen Menschen. Um Christi Geburt waren es bereits 300 Millionen. Aus Jägern und Sammlern waren Ackerbauern und Viehzüchter geworden. Die produzierten wesentlich mehr Nahrungsmittel als ihre nomadischen Vorfahren. Es folgte die erste Bevölkerungsexplosion in der Geschichte der Menschheit. Danach gab es Zuwächse, aber auch Bevölkerungsrückgänge. Ursachen waren Epidemien, Hunger, Klimaschwankungen sowie Tod und Verwüstungen als Folge von Kriegen. Ab 1650 beschleunigte sich das Wachstum erneut. Im Jahr 1804 beherbergte die Erde 1 Milliarde Menschen. 123 Jahre später, 1927, waren es bereits 2 Milliarden. Wichtigste Ursachen dafür waren die industrielle Revolution und eine beträchtliche Steigerung der Agrarproduktion.

Für die dritte Milliarde (1960) benötigte die Menschheit 34 Jahre, für die vierte Milliarde (1974) bloß 14, für die fünfte Milliarde (1987) 13 und für die sechste Milliarde nur noch zwölf Jahre. Am 12. Oktober war es soweit. Dann leben auf unserem Planeten sechs Milliarden Menschen - vier Mal mehr als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Bis Anfang der 90er Jahre vergrößerte sich die Zahl der Erdenbürger mit steigender Zuwachsrate. Seitdem nimmt das Tempo wieder ab. Derzeit beträgt der Zuwachs 1,3 Prozent bzw. 78 Millionen pro Jahr. Die Hälfte davon entfällt auf nur fünf Länder: Indien (+16 Mio.), China (+11 Mio.), Pakistan (+4 Mio.), Indonesien (+3 Mio.) und Nigeria (+2,5 Mio.). Einziger Industriestaat mit nennenswertem Bevölkerungswachstum sind die USA (+2,2 Mio.).

Anfang der 60er Jahre bekamen Frauen in der Dritten Welt im Schnitt mehr als sechs Kinder. Heute sind es bloß drei Kinder. Vorreiter dieser Entwicklung waren Länder wie Südkorea, Thailand, Tunesien, China, Mexiko und Brasilien. Gesellschaftliche Modernisierung, bessere Bildungs- und Berufschancen für Frauen und das Wachstum der Städte spielten dabei eine Rolle. Mehr Kinder bedeuten dann nicht automatisch mehr Einkommen. Bei rasch sinkender Kindersterblichkeit gibt es auch keinen Grund, Kinder in Überzahl zur Welt zu bringen. All dies verringerte den Wunsch nach möglichst vielen eigenen Kindern. Hinzu kamen gezielte Aufklärung über Familienplanung und wirksame Kampagnen zur Verbreitung von Verhütungsmitteln.

Das Wachstum der Weltbevölkerung beruht auf einem Ungleichgewicht: Tag für Tag kommen rund 372 000 Kinder zur Welt. Aber nur 160 000 Erdenbürger sterben. Pro Jahr sind das 136 Millionen Neugeborene und 58 Millionen Verstorbene. Für die bisherige Geschichte der Menschheit ist ein solches Ungleichgewicht untypisch. Vor 1750 wuchs die Menschheit um weniger als 0,1 Prozent pro Jahr. Auch im Europa des 19. Jahrhunderts lag das jährliche Bevölkerungswachstum kaum je über 1 Prozent. In vielen Entwicklungsländern sind es bis heute 2-3 Prozent. Außerdem konnten die Europäer einen Teil ihrer Probleme durch Auswanderung nach Übersee lösen. Im Weltmaßstab ist dies unmöglich.

Etlichen Entwicklungsländern fällt es schwer, ihre rasch wachsende Bevölkerung zu ernähren und ausreichend mit Trinkwasser zu versorgen. Durch extensive Bewirtschaftungsmethoden - z.B. Brandrodung oder nomadische Viehwirtschaft - konnte sich die Bevölkerung in vielen Regionen über Jahrhunderte ernähren. Ab einer bestimmten Einwohnerzahl ist dies nicht mehr möglich. Zunächst wird die Nutzung verstärkt. Die Fähigkeit der Böden und Ökosysteme, sich zu regenerieren, wird dabei meist überstrapaziert. Im Sahel führt die Überweidung zu einer Ausdehnung der Wüstenflächen. In Dürrejahren kommt es zu lokalen Hungersnöten. Ähnlich ist die Situation in Teilen Brasiliens und Indiens. Anderswo fällt der Regenwald einer wachsenden Zahl von Nutzern zum Opfer.

Seit den 70er Jahren blieb die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion in 50 von 105 Entwicklungsländern hinter dem Wachstum der Bevölkerung zurück. Früher oder später sind diese Länder auf Importe oder internationale Hungerhilfe angewiesen. Diese Hungerhilfe hilft zwar, die Überschussproduktion der EU und der USA abzubauen. Aber sie beseitigt in vielen Fällen für die Bauern vor Ort jeden Anreiz, ihre eigene Agrarproduktion zu steigern und den Überschuss zu verkaufen. Denn die Hilfsgüter werden in der Regel gratis verteilt oder zu sehr niedrigen Preisen verkauft.

95 Prozent des weltweiten Bevölkerungswachstums entfallen auf Länder der Dritten Welt. Gerade dort gibt es schon heute Engpässe bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser. Es fehlt an Arbeitsplätzen. Und es gibt zu wenig Schulen und Spitäler.

Der Mangel lässt sich beziffern: Im weniger entwickelten Teil der Welt sind derzeit 600 Millionen Menschen ohne Arbeit. Noch größer ist die Zahl der Unterbeschäftigten. 800 Millionen Menschen sind unterernährt. 1 Milliarde Jugendliche und Erwachsene können weder lesen noch schreiben. Mindestens 1,3 Milliarden leben in absoluter Armut. Und mehr als 60 Prozent aller Erdenbürger haben weder Kranken- noch Rentenversicherung. All dies verhindert ein menschenwürdiges Dasein. Und es verstärkt den Druck, aus der jeweiligen Heimatregion abzuwandern.

Hauptursache des Mangels ist zwar nicht das Bevölkerungswachstum. Schuld sind in der Regel ökonomische Unterentwicklung, unfähige und unverantwortliche Eliten, extreme soziale Ungleichheit, aber auch politische und militärische Konflikte. Dort aber, wo Mangel herrscht, verschärft rasches Bevölkerungswachstum zweifellos die Lage. Denn Zuwachs belastet die ohnedies schon überforderte Infrastruktur. Dies gilt für Schulklassen und Gebärstationen genauso wie für öffentliche Verkehrsmittel. Und Bevölkerungswachstum macht etliche Regionen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas noch abhängiger von Nahrungs- und Energieimporten.

Derzeit kommt alle 13 Jahre eine weitere Milliarde Menschen hinzu. Ein Teil des Zuwachses ist unvermeidlich. Er ist Folge der hohen Geburtenzahlen der letzten beiden Jahrzehnte. Deshalb gibt es mehr potenzielle Eltern als je zuvor. Doch wenn sie selbst weniger Kinder bekommen, als die Generation davor, sinkt der Zuwachs.

Alle heutigen Prognosen gehen von rückläufigen Kinderzahlen aus. Entscheidend ist, wie schnell die Familien kleiner werden. Davon wird es abhängen, ob und wann es zu einer Stabilisierung der Weltbevölkerung kommt. Die mittlere UN-Prognose rechnet bis zum Jahr 2050 mit einer Weltbevölkerung von 8,9 Mrd. Menschen. Langfristig würde sich die Zahl der Menschen nach 2100 bei 10 Milliarden einpendeln.

Was würde passieren, wenn die Verhältnisse für lange Zeit etwa so blieben wie zur Zeit? Bei geringem Rückgang der Kinderzahlen pro Familie würde die Weltbevölkerung weiter rasch ansteigen - bis 2050 auf 10,7 Milliarden Menschen. Danach würde die Weltbevölkerung bis 2100 auf 17 Mrd. und im 22. Jahrhundert auf 27 Mrd. Menschen wachsen. Ob unser Öko-System für längere Zeit so viele Menschen tragen könnte, ist allerdings ungewiss.

Aber selbst bei einem sehr raschen Rückgang der Kinderzahlen auf zwei pro Familie rechnet die UN-Prognose bis 2050 mit einem Anstieg auf 7,3 Mrd. Menschen. Doch langfristig würde die Weltbevölkerung danach bis 2100 wieder auf unter 6 Mrd. zurückgehen.

Auf jeden Fall kommt es früher oder später zu einer massiven Alterung der Bevölkerung. Dafür sorgen Geburtenrückgänge und die in der Mehrzahl der Länder weiter steigende Lebenserwartung. Voraussichtlich wird der Anteil der Menschen über 60 von derzeit 10 bis 2050 auf 22 Prozent steigen. In den Industriestaaten wird dann rund ein Drittel der Einwohner über 60 Jahre alt sein, in der Dritten Welt knapp ein Fünftel.

Was können wir tun?

Wie es weitergeht, hängt von Weichenstellungen in den Entwicklungsländern, aber auch von politischen Entscheidungen in den reichen Industriestaaten ab. Denn das Menschenrecht auf freiwillige und verantwortete Elternschaft setzt sich nicht von selbst durch. Und auch die Prävention von AIDS und anderen Krankheiten erfordert den gezielten Einsatz von Ressourcen. Was dazu nötig ist, liegt auf der Hand: nicht mehr Geld für Entwicklungshilfe im klassischen Sinn. Denn damit wurde und wird der Bau von Stahlwerken, U-Bahnen, Staudämmen, Atomkraftwerken und Hochleistungsstraßen gefördert. Vieles davon ist versteckte Exportförderung der Geberländer. Statt dessen geht es um Investitionen sowohl der reichen Geberländer als auch der Entwicklungsländer selbst in mehr Bildung, bessere Gesundheitsvorsorge, Frauenförderung, intelligente Familienplanung sowie um wirksame Empfängnisverhütung und AIDS-Prävention. Es geht darum, 130 Millionen Paare und eine noch größere Zahl jugendlicher Singles zu erreichen, die derzeit weder Zugang zu Verhütungsmitteln noch zu wirksamer AIDS-Prävention haben. Die Folgen sind bekannt: Jahr für Jahr werden 80 Millionen Frauen ungeplant schwanger. Es kommt zu 40 Millionen Abtreibungen. Fast 6 Millionen Millionen Menschen infizieren sich jährlich neu mit dem tödlichen HIV-Virus. Und pro Jahr sterben 570 000 Frauen an den Folgen einer Geburt und 80 000 an den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs. Dies sind deutliche Hinweise darauf, welche Prioritäten wir setzen sollten.

Bessere Familienplanung und Geburtshilfe sind allerdings zu wenig. Praktische Hilfe muss zugleich die Lebensverhältnisse von Frauen und Jugendlichen verbessern. Sie muss energisch politische und militärische Konflikte eindämmen. Und sie muss Formen landwirtschaftlicher und gewerblicher Produktion unterstützen, die den Menschen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas unmittelbar zugute kommen. Es geht also um die Achtung der Rechte aller Menschen. Es geht um mehr Geld für Bildung, Gesundheit und soziale Entwicklung. Und es geht um weniger Ungleichheit und eine fairere Verteilung der auf unserem Planeten verfügbaren Ressourcen.

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