• Harald Martenstein unter Nobelpreisträgern: Die zwölf Weltgefahren für die Menschheit

Harald Martenstein unter Nobelpreisträgern : Die zwölf Weltgefahren für die Menschheit

Klimawandel, Atomkrieg, Ökokatastrophe, Seuche - das sind nur vier der zwölf wichtigsten Weltgefahren für die Menschheit. Diese muss sich da einfach überraschen lassen, findet unser Kolumnist, der das 65. Lindauer Nobelpreisträgertreffen begleitet.

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Harald Martenstein
Harald MartensteinFoto: Britta Pedersen/dpa

Zu den Besonderheiten eines wissenschaftlichen Kongresses gehört es, dass alle englisch reden. Die Deutschen sogar manchmal auch, wenn sie unter sich sind. Die Akzente sind ein Problem. Ich kann einigermaßen Französisch und war überrascht, als bei einer Diskussionsveranstaltung in Lindau die Moderatorin einfach auf Französisch loslegte. Als ich nach zehn Minuten immer noch kein einziges Wort verstanden hatte, wurde mir langsam klar, dass es Englisch sein sollte.

Wenn die Vorträge langweilig sind, geht man in Lindau nicht hinaus, sondern klappt den Laptop auf und beantwortet Emails. Kaffee gibt es immer nur in der Kaffeepause. Es wird viel mit dem Projektor gearbeitet, aber die Bilder sind manchmal nur ganz kurz zu sehen, man sollte sie am besten fotografieren. Der Japaner Noyori, Nobelpreis für Chemie, 2001, hat eine Liste der zwölf wichtigsten Weltgefahren an die Wand geworfen. Wegen einer dieser zwölf Sachen wird die Menschheit eines Tages untergehen: Klimawandel, Atomkrieg, Ökokatastrophe, Seuche, globaler Zusammenbruch der politischen Systeme, Supervulkan, Asteroid... mehr  konnte ich in der Eile nicht mitschreiben. Ich glaube, die Menschheit muss sich da einfach überraschen lassen. Die griechischen Schulden waren beruhigenderweise nicht in der Liste.

Nicht jeder Platz ist besetzt bei einem Vortrag am Mittwoch währen der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung.
Nicht jeder Platz ist besetzt bei einem Vortrag am Mittwoch währen der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung.Foto: Harald Martenstein

Eine der charismatischsten und folglich umstrittensten Persönlichkeiten in Lindau ist der bereits erwähnte Sir Richard Roberts, der Chemie, Physik und Mathematik studiert hat, bevor er sich der Biologie zuwandte, den Nobelpreis hat er dann 1993 in Medizin bekommen. Roberts klagte in seinem Vortrag Greenpeace und die Grünen eines „Verbrechens gegen die Menschheit“ an. Jährlich sterben zwei bis drei Millionen Menschen an Vitamin-A-Mangel, viele davon sind Kinder. Sie erblinden und sterben qualvoll. An Aids sterben deutlich weniger Menschen. Es gibt einen gentechnisch hergestellten Reis, er heißt „Golden Rice“, der viel Vitamin A enthält und diese Leben, laut Roberts, retten könnte.

Nobelpreisträger Richard Roberts für genmanipulierte Lebensmittel

Seit 2002 sei dieser Reis verfügbar – 15 Millionen Tote könnten noch leben, wenn dieser Reis angebaut werden dürfte, sagt Roberts. Es handele sich, was die Zahl der Toten betrifft, um einen zweieinhalbfachen Holocaust. Die Medien interessierten sich nicht dafür. Es sind politisch unkorrekte Tote, denn das, was sie retten könnte, heißt bei den Ökomenschen „genmanipuliertes Lebensmittel“, das wollen sie im Supermarkt nicht haben, und deshalb dürfen es die sterbenden Kinder auch nicht bekommen. Greenpeace, grüne Parteien und die Medien verhinderten die Zulassung dieses Lebensmittels, aus irrationaler Angst vor Genfood.

Schön ist es in Lindau. Eine Bank in einem Park läd zum Verweilen ein - und zum Nachdenken über die Zukunft des Menschen.
Schön ist es in Lindau. Eine Bank in einem Park läd zum Verweilen ein - und zum Nachdenken über die Zukunft des Menschen.Foto: Harald Martenstein

„Die Menschen manipulieren seit 10 000 Jahren, durch Züchtung, die Gene von Pflanzen“, sagt Sir Roberts. „Diese Leute, die einen Supermarkt um die Ecke haben, können sich nicht in Bauern hineinversetzen, die entweder das anbauen, was sie essen, oder vor Hunger sterben müssen.“

Der Vortrag mündet in einen Appell an seine Kollegen, sich stärker in die Politik einzumischen. Draußen spreche ich mit zwei jungen Chemikerinnen. Golden Rice lasse sich nicht von den Bauern vermehren, sie müssten jedes Jahr neues Saatgut kaufen, werden total abhängig, und dort, wo Golden Rice angebaut wird, kann kein anderer Reis mehr wachsen. Golden Rice sei ein gigantisches Geschäft für die Industrie.

Wenn sie ein Heilmittel gegen Aids finden, ist es natürlich auch so. Das neue Mittel wird ein Riesengeschäft für die Pharmaindustrie sein, und die Patienten werden abhängig sein von diesem Medikament. Würde man es deswegen nicht zulassen?

Auf Einladung der Veranstalter bloggt Harald Martenstein zur 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Zu finden sind die Blog-Einträge auf der Homepage der Tagung. Wir übernehmen die Beiträge mit freundlicher Genehmigung des Veranstalters. Lesen Sie hier auch Harald Martensteins Kolumne im Tagesspiegel.

 

 

 

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