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Hardheim im Odenwald : Stadt stellt Knigge für Flüchtlinge ins Netz

"Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann" - so beginnt der "Leitfaden für Flüchtlinge" der Stadt Hardheim. Trotz Kritik will der Bürgermeister daran festhalten.

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Die Stadt Hardheim in Franken.
Die Stadt Hardheim in Franken.Foto: dpa

Die Stadt Hardheim im fränkischen Odenwald zählt 4636 Seelen - mit den neu ankommenden Flüchtlingen sind es 1000 mehr geworden. "Und dort, wo die dunklen Wälder des Odenwaldes die freundlichen Fluren des Frankenlandes grüßen, liegt das alte Städtchen Hardheim...", heißt es von Bürgermeister Volker Rohm auf der Website (welche am Donnerstag nicht mehr zu erreichen war). "Liebe fremde Frau, lieber fremde Mann" - so begrüßt die Stadt in Baden-Württemberg die Flüchtlinge. Es ist der Anfang eines "Leitfadens für Flüchtlinge", in dem beschrieben wird, was in Deutschland zu beachten sei. Eine Art Kulturanleitung, wie sie sich in vielen Reiseführern findet. Ein "Do or do not", ein Knigge für Flüchtlinge.

Die "Süddeutsche Zeitung" meint bereits, ein "zeitgeschichtliches Dokument" gefunden zu haben. Mit dem Leitbild der deutschen Willkommenskultur, wie sie Angela Merkel am Mittwoch in der ARD-Sendung "Anne Will" geäußert hatte, hat dieses Dokument wohl wenig zu tun. Deutschland sei ein Land, das Flüchtlinge freundlich empfange und "darüber bin ich froh", hatte die Bundeskanzlerin bekräftigt.

In Hardheim heißt es: "Sie sind jetzt in Deutschland. Deutschland ist ein friedliches Land. Nun liegt es an Ihnen, dass sie nicht fremd bleiben in unserem Land, sondern ein Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Einwohnern erleichtert wird." Dann folgen einige Regeln, zum Beispiel auf die Nachtruhe nach 22 Uhr zu achten oder "die Notdurft" nicht in Gärten und Parks zu verrichten. Weiterhin heißt es:

"In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet."

"Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen."

"Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy- Nr. und facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun!"

"Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört."

Der "Leitfaden für Flüchtlinge" endet mit einem Appell: "Auch wenn die Situation für sie und auch für uns sehr beengt und nicht einfach ist, möchten wir sie daran erinnern, dass wir sie hier bedingungslos aufgenommen haben. Wir bitten sie deshalb diese Aufnahme wert zu schätzen und diese Regeln zu beachten, dann wird ein gemeinsames Miteinander für alle möglich sein."

"Die Menschen haben das Gefühl, ihre Heimat zu verlieren."

Die "Tipps" für Flüchtlinge auf der Website der Stadt sind ausschließlich auf Deutsch. Sicher möchte die Gemeinde damit nicht nur die Flüchtlinge beraten, sondern den eigenen Anwohnern zeigen, dass etwas unternommen wird. In der fränkischen Stadt war es immer wieder zu Komplikationen zwischen Einwohnern und Flüchtlingen gekommen. Am Mittwoch hatte es deswegen eine Bürgerversammlung gegeben. Die Abgeordneten des Wahlkreises stellten sich den Fragen der Bevölkerung. Gemeindevertreter monieren, dass Hardheim bei der Unterbringung von Flüchtlingen überproportional belastet sei und auch die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer bei der Versorgung der Flüchtlinge an ihre Grenzen stießen. 

Die Bürger wollen wissen, wie viele weitere Flüchtlinge in der Carl-Schurz-Kaserne in Zukunft noch untergebracht werden sollen. Dazu war Joachim Pampel vom Ministerium für Integration zu Gast. Er konnte den Bürgern nicht versprechen, dass keine weiteren Flüchtlinge in den zwei Aufnahmestätten in Hardheim aufgenommen werden. "Derzeit ist jedoch nicht vorgesehen, dass die Zahl steigt."

"Das Ortsbild von Hardheim verändert sich natürlich"

Der "Leitfaden für Flüchtlinge" wurde auf der Versammlung laut Rüdiger Busch von der "Rhein-Neckar-Zeitung" nicht besprochen. "Das Ortsbild von Hardheim verändert sich natürlich", sagte der Redakteur der Lokalzeitung dem Tagesspiegel weiter. "Die Menschen haben das Gefühl, ihre Heimat zu verlieren." Ein Reporter der "Süddeutschen Zeitung" berichten von vor Ort: "Wer sich einlässt auf die Hardheimer, erlebt ein Gemeinwesen, das mit sich ringt."

Am Donnerstag folgte über der "Hilfestellung für Flüchtlinge" auf der Website ein Hinweis, wonach der Text in "vereinfachter Form" in den verschiedenen Landessprachen den Flüchtlingen vor Ort näher gebracht werde. Laut "Bild.de" wurde der Text in den letzten Tagen immer wieder verändert und entschärft.

Bürgermeister Volker Rohm sagte dem Tagesspiegel am Freitag, er werde inhaltlich an seinem "Leitfaden für Flüchtlinge" festhalten. Es habe nicht nur Kritik, sondern auch immensen Zuspruch gegeben. Deswegen wolle er die "Linie der Aufklärung" weitergehen. Die Website der Stadt sei nicht abgeschaltet, sondern überlastet. Sobald sie wieder funktioniere, werde unter dem Leitfaden ein Dankeschön an die vielen positiven Zuschriften stehen – dazu eine "Erklärung", dass es sich hierbei nicht um Rassismus, sondern um einen Versuch der Deeskalation handeln würde.

Bürgermeister: Vorschläge haben sich aus den Erzählungen der Einwohner ergeben

Die "Vorschläge für Flüchtlinge" hätten sich aus den Erzählungen der Einwohner ergeben. "Wenn unsere Werte aufgeweicht werden, muss ich dem als Bürgermeister entgegen wirken. Die mündlichen Absprachen mit den Übersetzern in unserer Erstaufnahme haben nicht mehr ausgereicht. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, einen solchen Katalog zusammenzuschreiben."

Weiter erzählt der Bürgermeister, die Bürger würden sich nachts nicht mehr auf die Straßen trauen und morgens ihre Kinder wieder zur Schule bringen – "aus einem generellen Gefühl des Unwohlseins heraus." Einen bekannten Fall habe es jedoch nicht gegeben. Die Idee für den Leitfaden hat Rohm der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" entnommen. In dem Kommentar von Michael Martens mit dem Titel "Es gilt das Grundgesetz" heißt es unter anderem: "In Deutschland steht das Grundgesetz über der Bibel und dem Koran. Das sollten wir den Flüchtlingen von Anfang an klarmachen." Auf seine fehlerhafte Grammatik angesprochen, sagt Rohm, er habe den Leitfaden bewusst einfach halten wollen. Dass in den vergangenen Tagen nun ein "Nebenkriegsschauplatz" zur Flüchtlingsdebatte in seiner Stadt eröffnet wurde, gibt ihm das Signal, weiter "an den Mut der Gemeinde" zu appellieren, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Unterschriftenaktion gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge

Auf der Website wird auf eine Unterschriftenaktion hingewiesen, bis zum 7. Oktober konnten Bürger ihre Forderungen an die Politik zum Thema Flüchtlingsunterbringung kundtun. Die Liste steht als Download zur Verfügung. In ihr heißt es: "Wir erwarten sowohl auf Landes- wie auf Kreisebene eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen und fordern daher keine weiteren Flüchtlingszuweisungen. Wir bekennen uns zur humanitären Hilfe, aber nur in dem Maß, wie dies von uns selbst zu bewältigen ist." An dieser Unterschriftensammlung nahmen 218 Menschen teil. Die Liste wurde Joachim Pampel währen der Versammlung am Mittwoch übergeben.

In Hardheim war es auch immer wieder zu Missverständnissen gekommen. So gingen Gerüchte um, unter den untergebrachten Flüchtlingen befänden sich Islamisten oder IS-Kämpfer, weiter waren von einem SEK-Einsatz und von Flaggen extremistischer Organisationen die Rede, die angeblich in den Flüchtlingsheimen aufgehängt worden waren. Das Polizeipräsidium Heilbronn sagt jedoch: "Uns sind keine Vorfälle mit irgendwelchen Flaggen bekannt." Vor allem im Internet seien immer wieder Falschmeldungen über kriminelle Flüchtlinge gelaufen.

Bekannt sind ein konkreter Fall von sexueller Belästigung und mehrere kleinere Delikte: Bei "Stern-TV" hatte Bürgermeister Rohm auf Obst- und Gemüsediebstahl hingewiesen. Bereits in einem Interview Ende September hatte der 53-Jährige gesagt, die Spannung im Ort sei regelrecht spürbar. "Ängste von Frauen gegenüber einer großen Zahl junger Männer im Ort dürfen nicht verharmlost werden. Hardheimer fahren in umliegende Gemeinden zum Einkaufen, der Schlossplatz ist wegen kostenloser W-LAN-Verbindung fast ganztägig von Flüchtlingen besetzt. Gemüsegärten und Rasenflächen werden zu Tummelplätzen und Müllhalden - das geht nicht!" Nun also der öffentliche Leitfaden für das Zusammenleben zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen.

"Pünktlichkeit ist wichtig in Deutschland."

"Orientierungshilfen" für Flüchtlinge sind durchaus nichts neues, auch werden Verhaltensregeln oder kulturelle Gebräuche Deutschlands in Integrationskursen besprochen. Einen in mehreren Sprachen einsehbaren "Guide" bietet unter anderem refugeeguide.de. Projektinitiator Michael Strautmann versichert, dass Projekt sei "in keiner Weise verbunden mit irgendeiner politischen oder religiösen Institution oder Organisation. Die Herausgabe des Refugee Guides wurde durch vielfaches individuelles ehrenamtliches Engagement ermöglicht." In den Kapiteln "Öffentliches Leben", "Persönliche Freiheiten", "Gesellschaftliches Zusammenleben", "Gleichberechtigung", "Umweltfreundlichkeit", "Essen, Trinken und Rauchen", "Formalitäten" und "in Notfällen" werden die Basics des deutschen Wertesystems erläutert.

Alltag im Flüchtlingsheim
Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet sich im Hintergrund. Im Februar hat die deutsch-schweizerische Künstlerin Barbara Caveng in einem Heim für Asylsuchende in Spandau ein Kunstprojekt begonnen. Beim "Kunstasyl" entscheiden die Bewohner mit den Künstlern gemeinsam, was sie tun wollen, um das Heim zu einer Heimat zu machen - und sei es auf Zeit. Ein Teil der Fotos von Till Rimmele sind am 23. Juli 2015 auch in einem vierseitigen Dossier zum Thema im gedruckten Tagesspiegel erschienen, oder nachzulesen im E-Paper.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Till Rimmele
23.07.2015 00:02Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet...

Die Website ist erst seit zwei Wochen online und hat bereits 100.000 Zugriffe erreicht. Gestartet wurde das Projekt in Hamburg, an den Texten arbeiten zahlreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, berichtet Initiator Strautmann dem Tagesspiegel. Viele Behörden, Institutionen und Privatpersonen melden sich und fragen, ob sie das Material der Website tatsächlich kostenfrei nutzen dürfen. Strautmann versichert, dass man auch in Zukunft kein Geld mit der Website verdienen wolle.

"Homosexualität ist Normalität in Deutschland"

In Deutschland würde es bis zu 6 bis 12 Monate dauern, bis Flüchtlinge Zugang zu Sprach- oder Integrationskursen erhalten. Mit dem Projekt wolle man diese Lücken schließen. Die Hinweise auf refugeeguide.com verstehen die Autoren nicht als deutsche Leitkultur. Hier heißt es unter anderem:

"Homosexualität ist Normalität in Deutschland (ein ehemaliger Außenminister war offen schwul). Homosexuelle Partnerschaften können legal und der Ehe ähnlich registriert werden."

"Pünktlichkeit ist wichtig in Deutschland. Jemand anderen warten zu lassen, gilt als unhöflich. Wenn man zu spät zu einem Termin oder Treffen kommt, können fünf Minuten bereits als Mangel an Respekt angesehen werden."

"Deutsche sagen oft direkt, was sie denken. Sie möchten damit nicht unhöflich sein, sondern ehrlich. Konstruktive Kritik wird als hilfreich erachtet, um sich selbst und andere zu verbessern."

"Menschen, die im Sommer wenig bekleidet sind, gelten als normal. Dazu gehört beispielsweise das Tragen von T-Shirt und kurze Hosen. Es ist unhöflich, diese Menschen für längere Zeit anzusehen."

"In der Öffentlichkeit (besonders im Bus und im Zug) wird es als unhöflich angesehen, laute Gespräche zu führen. Man spricht oder telefoniert eher leise, um andere Leute nicht zu stören."

"Lächeln wird üblicherweise nicht direkt als Flirten interpretiert, auch dann nicht, wenn man mit Fremden spricht. Die Menschen versuchen normalerweise einfach nur freundlich zu sein."

Hier haben sich die Autoren Gedanken darüber gemacht, wie ihr Leitfaden auf Flüchtlinge wirken könnte. Man wisse, dass "einige der Hinweise als überheblich oder abwertend empfunden werden können", schreiben die Autoren. "Dies wurde bei der Erstellung kontinuierlich kritisch hinterfragt und reflektiert. Um dieser Unsicherheit zu begegnen, wurde diese Orientierungshilfe in enger Zusammenarbeit mit Menschen aus verschiedensten Ländern verfasst."

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