Hass im Netz : Die Verachtung als Lebensgefühl

Die Verrohung der Gefühle wird im Netz täglich zelebriert. Doch da bleibt sie nicht. Vielmehr bestimmt sie zunehmend unseren Alltag. Ein Kommentar.

Arno Makowsky
Es beginnt im Internet.
Es beginnt im Internet.Foto: dpa

Es ist ein regnerischer, ungemütlicher Vormittag, die junge Mutter, die Kapuze ins Gesicht gezogen, hetzt mit ihren beiden kleinen Töchtern über die Straße. Die Ampel zeigt grün. Da biegt ein SUV um die Ecke, haarscharf an den Kindern vorbei. Drin: ein gut angezogener Mittdreißiger, Anzug, weißes Hemd. „He“, ruft die Mutter erschrocken dem Fahrer zu und zeigt auf die grüne Ampel. Der Mann hält an, öffnet das Fenster und sagt: „Halt’s Maul, Schlampe!“

Schon klar, solche Episoden konnte man mit ein wenig Pech auch früher erleben. Aber täuscht der Eindruck, oder geht es im Alltag heute tatsächlich rauer, unmenschlicher zu als noch vor ein paar Jahren? Wer sich in der Stadt bewegt, am Straßenverkehr teilnimmt, mit der U-Bahn fährt, dem drängt sich diese Beobachtung geradezu auf. Im zwischenmenschlichen Umgang, so scheint es, herrscht Krieg. Liegeradfahrer gegen Ferrari-Piloten, Dauertelefonierer gegen Buchschmöker, Rucksackträger gegen Handtaschenladys, Bioväter gegen Konsumproleten, Teenagerterror gegen Kampfrenter. Die vielbeschworene Individualisierung der Gesellschaft findet ihren Ausdruck auch in den vielfältigen Formen des Kampfes aller gegen alle.

Unverschämtheiten und Unhöflichkeiten sind dabei noch das Harmloseste. Wobei schon die rein verbalen Auseinandersetzungen an Schärfe zugenommen haben, und das nicht nur, was die Wortwahl betrifft. Wenn es wenigstens beim emotional herausgeschleuderten „Arschloch“ bliebe! Aber leider geht es praktisch nie ohne grundsätzliche Belehrungen und Besserwisserei ab. Wissen Sie nicht, was dieses Verkehrszeichen bedeutet? Vielleicht, dass man hier links abbiegen darf? Der Pfeil zeigt geradeaus, Vollpfosten!

Solange es bei derartiger Wichtigtuerei bleibt, ist das nur nervig. Schlimm wird es, wenn die Kommunikation mutiert zu Hass – und dem unbedingten Willen, jemandem zu schaden, zu mobben, fertigzumachen. Der dänische Pädagoge Jesper Juul beschreibt dieses Phänomen als „Definitionsmacht“: Man teilt seine Kritik nicht jemandem direkt mit, sondern urteilt im größeren Kreis über andere; eine ganze Gesellschaft wird zur Normpolizei, die jeden Abweichler an den Pranger stellt.

Schneller, besser, effizienter

Man kennt derartigen Psychoterror aus dem Internet; so wie auch das menschenverachtende Gepöbel in der Anonymität der Onlineportale immer schrankenloser geworden ist. Kann es sein, dass wir im Moment die nächste Stufe der privaten Radikalisierung erleben? Was sich bisher im Netz abspielte, bestimmt zunehmend unseren Alltag. Was wiederum etwas mit dem Netz zu tun hat: Wer dort – in Echoräumen mit Gleichgesinnten isoliert – lange genug das Lebensgefühl der Verachtung gepflegt hat, der glaubt offensichtlich, dass auch das wahre Leben nach diesen Regeln funktioniert.

Nach dieser Logik ist es nur eine Frage der Zeit, dass die verbale Internet-Gewalt in reale Alltags-Gewalt umschlägt. Dabei müssen nicht einmal Flüchtlingsheime brennen. Auch harmlose Streitereien eskalieren unfassbar schnell. So wie in der vergangenen Woche in Köln, wo verfeindete Schüler, unter ihnen viele Abiturienten, mit selbst gebastelten Stichwaffen und zerbrochenen Flaschen aufeinander losgegangen sind. Bilanz: zwei Schädelbasisbrüche und andere schwere Verletzungen. Der Abiturstreich 2016.

Natürlich wäre es zu einfach, solche Vorkommnisse allein auf das Konto des bösen Internetkonsums zu schieben. Und doch: Die Verrohung der Gefühle wird im Netz täglich zelebriert. Warum sollte das ohne reale Auswirkungen bleiben?

Vielleicht ist es noch ein anderes Lebensgefühl, das zur Eliminierung von allem geführt hat, was man früher einmal als „Anstand“ bezeichnet hat: der Zwang, immer schneller, besser, effizienter zu sein als die anderen. Untersuchungen zeigen, dass die bürgerliche Mittelschicht in den vergangenen Jahren immer aggressiver und sozialverächtlicher geworden ist. Das Funktionieren in einer durchökonomisierten Gesellschaft lässt Rücksichtnahme offenbar immer weniger zu. Konkurrenten? Hauen wir weg. Freundlichkeit? Überflüssig. Die Mutter da drüben steht mit ihren Kindern im Weg und beschwert sich noch? Schlampe.

Dabei geht es nicht darum, zu beweinen, dass der Anstand als Folge von digitaler Kommunikation und Konkurrenzdruck verloren gegangen ist. Auch Kategorien wie „Benehmen“ unterliegen einem Wandel. Womöglich braucht es noch einmal 20 Jahre, bis man sich auf neue Regeln geeinigt hat. Mal sehen, wie man den Konflikt an der Ampel dann beilegt.

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