Haustiere am Arbeitsplatz : Neuer Trend: Hund am Schreibtisch

Darf ein Hund mit an den Arbeitsplatz? Das ist eine kulturelle Frage. Ein Hund entspannt nachgewiesenermaßen das Betriebsklima, der Blutdruck aller Mitarbeiter sinkt. Doch wenn die Tiere mal bellen, kann es bis vors Gericht gehen.

Jan H. Wasserziehr
Hund im Büro? Durchaus untypisch. Sind sie gut erzogen, haben sie positiven Einfluss aufs Betriebsklima.
Hund im Büro? Durchaus untypisch. Sind sie gut erzogen, haben sie positiven Einfluss aufs Betriebsklima.Foto: dpa

„Ein Hund im Büro?“, schnauzt Stromberg in der gleichnamigen Serie seinen Mitarbeiter Ernie an. „Wir sind hier ja nicht bei Daktari“, grollt der Chef.

Nein, das sind wir nicht. Wir sind in ganz normalen deutschen Büros. Und stellen uns die Frage – gehört ein Hund dahin?

Ja, findet Jürgen Schäfer. Wenn der Hund gut erzogen ist. Schäfer arbeitet in einem Berliner Verlagshaus, hat eine berufstätige Frau und eine Tochter, die zur Schule geht. Tico, ein Mix aus Großpudel und portugiesischem Wasserhund, ist dann auch mal allein zu Hause. Weil das nicht gut ist, entschloss sich Schäfer kurzerhand, seinen Hund mit ins Büro zu bringen.

Tico ist ein schöner Hund. Portugiesische Wasserhunde, die haben sogar die Obamas. Trotzdem versteckte sich die Sekretärin bei seinem ersten Besuch unter ihrem Tisch, vor Hunden hat sie panische Angst. Dort liegt auch schon die Krux an der Bürosache – der Hundehalter ist nicht allein. Ein Kollege hat vielleicht eine Allergie, der zweite findet Hunde schmutzig und der dritte ist genervt, wenn jemand einen Freund mit auf die Arbeit nimmt. Denn nichts anderes ist ein Hund.

Auch deshalb ist Tico inzwischen ein gern gesehener Gast im Büro. Die Kollegen freuen sich, wenn er ihn alle zwei Wochen mal mitbringt, erzählt Schäfer. Wichtig seien klare Absprachen, sagt er: „Wenn sich eine Familie überlegt, sich einen Hund zuzulegen, dann müssen es alle wollen. In der Firma ist das genauso!“ Ohnehin bekämen die Kollegen nicht viel von ihm mit, sagt Schäfer, „Tico ist gut erzogen und stört niemanden – das ist das A und O“.

Wenn der Hund der Sekretärin ihren Chef anknurrt

Wenn der Hund nicht gut erzogen ist, kann die Sache durchaus bis vor Gericht gehen. In Düsseldorf hatte eine langjährige Mitarbeiterin einer Werbeagentur geklagt, als ihr vom Chef untersagt wurde, ihre Hündin weiter mit ins Büro zu bringen. Dass Arbeitgeber grundsätzlich das Recht haben, Hunde am Arbeitsplatz zu untersagen, ist unstrittig; da jedoch die anderen Kollegen nicht vom Hundeverbot betroffen waren, sah sich die Hundebesitzerin im Gleichbehandlungsgrundsatz verletzt und klagte.

Als Assistentin der Geschäftsführung hatte die Mitarbeiterin ihre dreibeinige Hündin jahrelang ins Büro mitgebracht. Die gewöhnte sich jedoch zunehmend ein Verhalten an, dass nur noch schwierig mit dem Verständnis von „guter Erziehung“ vereinbar war. Während die Besitzerin selbst die Hündin vor Gericht als friedfertig beschrieb, fühlten sich Kollegen bedroht. Der Chef konnte das Zimmer seiner Assistentin nicht mehr betreten, ohne angeknurrt zu werden, andere Kollegen hatten sogar eine solche Angst, dass sie Unterlagen nur noch unter der Tür durchschoben, anstatt das Büro des Frauchens zu betreten.

Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf entschied eindeutig: Dem Arbeitgeber, als Herr des Hauses, steht es frei, das Mitbringen von Hunden zu erlauben oder zu untersagen. Solange das Mitbringen von Hunden nicht arbeitsvertraglich zugesichert ist, ist der Chef an keine Zusage gebunden – selbst wenn er das Mitbringen von Hunden jahrelang geduldet hat. Und: „Auch wenn andere Mitarbeiter einen Hund mit in den Betrieb bringen dürfen, kommt ein Verbot in Betracht, wenn der konkrete Hund die betrieblichen Abläufe stört.“

Hündin Kaya. Sie war es, die den Chef immer angeknurrt hatte. Das Gericht entschied gegen ihre Anwesenheit im Büro.
Hündin Kaya. Sie war es, die den Chef immer angeknurrt hatte. Das Gericht entschied gegen ihre Anwesenheit im Büro.Foto: dpa

Die Bürohundebesitzer organisieren sich

Also, was denn nun? Hund oder nicht? „Eindeutig ja!“, erwärmt sich Markus Beyer, Hundetrainer in Berlin. Er ist 1. Vorsitzender des BVBH – dem Bundesverband Bürohund e.V. Der Verein, so die Selbstbeschreibung auf der Homepage, ist eine „Interessengemeinschaft, die dem dramatischen Anstieg von psychischen Erkrankungen und Burnout im Arbeitsleben, mithilfe der Eingliederung von Hunden im Büro entgegenwirken will“.

Klingt ambitioniert. „Nein“, beschwichtigt Beyer, sicherlich sei der Hund kein Wundermittel. Doch bringe seine Anwesenheit am Arbeitsplatz entscheidende Vorteile mit sich – für die Mitarbeiter, für das Unternehmen und für den Hund selbst.

Zentraler Aspekt sei die Gesundheit: So profitiere der Mensch von der tierischen Anwesenheit sowohl seelisch als auch körperlich. „Bei dem riesigen Schlaganfallrisiko!“, ereifert sich Beyer, „tut etwas Bewegung jedem gut!“. Die sei durch den Hund, der auch ausgeführt werden will, garantiert. „Ein Hund ist wie eine App, die dir sagt ‚Hey, beweg dich doch ein bisschen!’“.

Noch mehr als dem Körper, tue der Hund auch der Seele Gutes. Das Streicheln von Hunden, so ergab eine schwedische Studie, fördert die Ausschüttung von Oxytocin, einem Liebeshormon. Bei Burn-Out, sagt Beyer, wirke ein Hund tatsächlich Wunder. Eine andere Studie, durchgeführt von der Universität Buffalo, ergab, dass allein die reine Anwesenheit von Tieren am Arbeitsplatz dazu führt, dass der Blutdruck aller Mitarbeiter sinkt. Wer braucht da noch ACE-Hemmer?

Doch nicht nur auf den Krankenstand in Unternehmen wirkt ein Hund positiv. Auch sollen Hunde zu einer Verbesserung von Teams führen, da sie die Kommunikation befördern. „Hunde wirken wie Katalysatoren“, erklärt Beyer.

Die Anwesenheit von Hunden macht die Mitarbeiter entspannter, motivierter und gesünder. Hierin liege auch der Mehrwert für die Unternehmen. Nach eigenen Berechnungen kommt die BVBH zu dem Schluss, dass die Anwesenheit von Hunden im Büro zu einer 15%igen Umsatzsteigerung in Unternehmen führt. Wie nah diese Prognose an der Realität ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Beyer schließt: „Wenn der Chef seinem Mitarbeiter erlaubt, seinen Hund mit ins Büro zu bringen, ist das auch eine Wertschätzung seiner Arbeit!“

Alles Hund – oder was?

Ob Hunde in Büros gehören, ist nicht weniger als eine kulturelle Frage – und deren Beantwortung braucht in der Regel seine Zeit. Jürgen Schäfer konstatiert: „Hunde sind die umstrittensten Wesen in Berlin. An ihnen scheiden sich die Geister.“ Bei ihm jedenfalls hat es geklappt mit dem Hund im Büro – wenn die ängstliche Sekretärin da ist, dann kommt der Hund zu einem Kollegen ein Stockwerk tiefer.

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