HIV in der Schwarzmeerregion : Der verborgene Kampf

In der Ukraine und anderen Schwarzmeerländern infizieren sich immer mehr Menschen mit HIV. Auf der von Russland besetzten Halbinsel Krim wurden Entzugsprogramme für Drogenabhängige komplett eingestellt.

Michael Bird
Im Bann der Droge. Ein Heroinabhängiger im russischen Twer.
Im Bann der Droge. Ein Heroinabhängiger im russischen Twer.Foto: Reuters

Die Kämpfe zwischen den ukrainischen Regierungstruppen und den Separatisten sind jeden Tag in den Nachrichten allgegenwärtig. Doch der Osten der Ukraine ist gleichzeitig auch der Schauplatz einer menschlichen Katastrophe, die im Verborgenen abläuft. Jeder vierte Ukrainer, der HIV-infiziert ist oder an Aids leidet, lebt in den Regionen Lugansk und Donezk. Die erschreckend hohe Zahl von Neuinfektionen ist nicht allein auf die Kriegsregion im Osten der Ukraine begrenzt – sie betrifft inzwischen die gesamte Schwarzmeerregion. Ein Paradoxon: Während HIV und Aids in vielen anderen Weltregionen auf dem Rückzug sind, steigt die Ansteckungsrate entlang eines Krisenbogens, der von Russland und dem Kaukasus über die Ukraine und Bulgarien bis in die Türkei reicht.

Nichtregierungsorganisationen: Rebellen lassen Drogenabhängige Gräben ausheben

Zu denen, die die HIV-Ausbreitung im Osten der Ukraine miterleben, gehören die Mitarbeiter der Organisation „HIV/Aids Alliance Ukraine“. Seit mehr als 14 Jahren ist die Organisation bei der Aids-Bekämpfung in der Ukraine tätig. Aber wegen des Krieges ist unklar, wie es mit ihren Projekten in Lugansk und Donezk weitergeht – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem dort immer mehr Drogenabhängige Ausgabestellen für saubere Spritzen aufsuchen. Drogenabhängige in den Kriegsgebieten werden aber von den prorussischen Rebellen vollends ins gesellschaftliche Abseits gedrängt. Nichtregierungsorganisationen berichten davon, dass die Rebellen Drogenabhängige regelrecht rekrutieren, um Gräben für die Soldaten auszuheben. Gleichzeitig fliehen immer mehr Abhängige nach Charkiw und Kiew, um sich dort mit Ersatzdrogen wie Methadon einzudecken.

Aus den offiziellen Statistiken der Behörden in der Region ergibt sich, dass die HIV-Ansteckungsrate steigt. Doch damit nicht genug: Auch die Zahl der Neuinfektionen bei Syphilis und Tuberkulose werde zunehmen, prophezeit Pavel Skala von der Organisation „Alliance Ukraine“.

Methadon-Programm auf der Krim wurde beendet

Während die Organisation ihre Arbeit im Osten der Ukraine immerhin noch fortsetzen kann, wurden die Entzugsprogramme für Drogenabhängige auf der von Russland besetzten Krim ganz eingestellt. Nach der Annexion der Schwarzmeerhalbinsel im vergangenen März hat Russland auf der Krim die Programme mit Ersatzdrogen wie Methadon oder Buprenorphin beendet – mit der fatalen Folge, dass einige der Abhängigen wieder auf Drogen wie Heroin zurückgreifen. Betreuer schätzen, dass seither 30 Menschen an den Folgen einer Überdosis oder an Herzversagen gestorben sind. „Die Verweigerung von Methadon auf der Krim und den von den Separatisten besetzten Gebieten in der Ukraine bedeutet für viele Menschen ein Risiko, sich mit HIV zu infizieren“, sagt Robert Heimer von der Yale School of Public Health.

Russland verfolgt strikten Kurs gegenüber Drogenabhängigen - mit fatalen Folgen

Was sich auf der Krim seit einigen Monaten im kleinen Maßstab beobachten lässt, hat in Russland in den letzten Jahren die Ausmaße einer regelrechten HIV-Epidemie angenommen. Inzwischen leben etwa 560 von 100000 Menschen in Russland mit HIV oder Aids. Von allen Staaten im Umkreis um das Schwarze Meer ist Russland am stärksten von HIV und Aids betroffen. Russland wird im Umgang mit der HIV-Epidemie die harte Linie gegenüber Drogenabhängigen zum Verhängnis. Süchtige müssen nämlich erst ihren Drogen abschwören, bevor sie Hilfe vom Staat erhalten. In westlichen Ländern gibt der Heroin-Ersatzstoff Methadon Abhängigen dagegen die Möglichkeit, der Drogenszene den Rücken zu kehren und ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Anders in Russland: Hier ist Methadon als Medikament verboten.

Methadon sei ebenso wie Heroin ein Suchtstoff, argumentieren die Gesetzgeber. Die Folgen sind verheerend: Da der Einsatz von Methadon, das oral eingenommen wird, nicht gefördert wird, teilen Heroin-Abhängige weiterhin ihre verunreinigten Spritzen miteinander. Im vergangenen Jahr wurde bei den in Russland registrierten HIV-Neuinfektionen in 58 Prozent der Fälle die gemeinsame Benutzung verunreinigter Spritzen von Heroin- und „Krokodil“-Abhängigen als Grund angegeben. „Krokodil“ ist ein lebensgefährlicher Heroin-Ersatz auf Codein-Basis, von dem Tausende in Russland abhängig sind.


Millionen für NGOs in der Ukraine

In der Ukraine stellt sich die Lage aus der Sicht der Abhängigen besser dar. Hier kümmern sich Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, die mit Millionenbeträgen von ausländischen Geldgebern unterstützt werden, um die Süchtigen. In der Ukraine erhalten 8000 Patienten eine Therapie mit Ersatzstoffen wie Methadon. Die Hälfte von ihnen ist HIV-positiv. Ukrainische Experten gehen davon aus, dass die Methadon-Programme wesentlich dazu beigetragen haben, die HIV-Ausbreitung zu drosseln.

In Russland geht der Staat trotz der guten Erfahrungen im Nachbarland einen anderen Weg bei der HIV-Bekämpfung. Hier gelten Abstinenz, ein gesunder Lebensstil und Sport als entscheidender Schlüssel für die Bekämpfung des Virus. David Wilson, der bei der Weltbank das Aids-Programm leitet, hält diesen Ansatz für falsch:  „Nach den internationalen Erfahrungen gibt es vor allem drei Maßnahmen, die Russland dabei helfen würden, die Epidemie in den Griff zu bekommen: die Versorgung mit sauberen Spritzen, eine Substitutionstherapie und eine Behandlung von HIV-Infizierten.“ Allerdings dürfte eine Umsetzung derartiger Ratschläge am mangelnden politischen Willen in Russland scheitern. „Leider sind all diese Gegenmaßnahmen  wegen des politischen Widerstands in Russland zum Scheitern verurteilt“, meint der Epidemiologe Robert Heimer von der Yale School of Medicine.

Ungeschützter Sex als Hauptursache für Neuinfektionen in Moldau

Es liegt aber nicht allein am Drogenkonsum, wenn sich das HI-Virus rund ums Schwarze Meer rasant verbreitet. In der Ukraine und in Moldau gilt inzwischen ungeschützter Sex als Hauptursache für die Neuinfektionen. „Die Leute haben irrtümlich geglaubt, dass HIV nur etwas mit Drogen zu tun hat“, erzählt Roma, ein Mitarbeiter in einem Beratungszentrum für HIV-Infizierte in der moldawischen Hauptstadt Chisinau. „Heute haben wir mehr Demokratie und mehr Freiheit. Dank des Internet ist es viel einfacher geworden, einen Partner zum Sex für zwei oder drei Tage zu finden.“ Obwohl die Benutzung von Kondomen in der Öffentlichkeit immer wieder propagiert wird, wird dies nicht immer beherzigt.

Der Ukraine droht nun eine Kürzung der Gelder aus dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, der wichtigsten Quelle zur HIV-Bekämpfung rund ums Schwarze Meer. Die Gelder aus dem Fonds, der in einem Zeitraum von drei Jahren 14,8 Milliarden US-Dollar zur Verfügung hat, sollen künftig vermehrt auf der südlichen Hemisphäre zum Einsatz kommen.

„Der Fonds gruppiert uns jetzt als Land mit überwiegend mittleren Einkommen ein und stellt uns auf einer Stufe mit anderen Staaten in Lateinamerika und Asien  – aber dabei wird die jüngste Krise auf der Krim und der Konflikt im Osten der Ukraine gar nicht berücksichtigt“, kritisiert Pavel Skala von „Alliance Ukraine“. Voraussichtlich wird der Globale Aids-Fonds 2017 seine jährliche Zuweisung an die Ukraine von 57 Millionen US-Dollar auf 27 Millionen Dollar kürzen.

 

Der Artikel entstand mit der Unterstützung des „Award for Best Initiatives of European Online Investigative Journalism“ und des „Robert Schuman Centre for Advanced Studies“ in Florenz. Übersetzung: Albrecht Meier.

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