• "Ich mache mir Sorgen um ihn" - Ljudmila Putina gilt als bescheiden und introvertiert

Welt : "Ich mache mir Sorgen um ihn" - Ljudmila Putina gilt als bescheiden und introvertiert

Doris Heimann

Es waren ungewöhnliche Umstände, unter denen die Welt Ljudmila Putina zum erstenmal wahrnahm: Am Neujahrstag reiste die zierliche blonde Frau an der Seite ihres Mannes an die Front nach Tschetschenien, posierte im dicken Arktikparka mit Soldaten vor den Kameras. "Wir verbringen Neujahr immer zusammen", war Putins schlichte Erklärung dafür, warum sich seine Frau diese Strapaze antat. Ein Tag zuvor, Silvester 1999, hatte Wladimir Putin kommissarisch die Macht von Präsident Jelzin übernommen.

Russlands neue First Lady Ljudmila Alexandrowna Putina stellt sich selbst nicht gern in den Vordergrund. Die 43-jährige Mutter der beiden Töchter Katja (14) und Maria (13) gilt als bescheiden und ähnlich introvertiert wie ihr Mann. Den pompösen Lebensstil vieler russischer Neureicher lehnt die sportliche Russin mit der Kurzhaarfrisur ab. Auch als Frau des amtierenden Kreml-Chefs war sie sich im Januar nicht zu fein, um im Skiurlaub auf der Kamtschatka im Speisesaal des Erholungsheimes zu essen.

"So ein unattraktiver Typ"

Ljudmila Putina stammt wie ihr Mann aus einfachen Verhältnissen. Sie wuchs in der russischen Exklave Kaliningrad auf, ihre Mutter arbeitete als Kassiererin. Ljudmila bricht ein Studium an einer Technischen Fachhochschule ab, macht eine Ausbildung zur Stewardess. Sie betreut die Passagiere auf den Inlandsflügen der Kaliningrader Abteilung von Aeroflot.

1981 lernt sie Wladimir Putin kennen - in Leningrad, wo sie einen Stopover eingelegt hatte. Freunde nahmen die damals 24-Jährige zu einem Konzert des populären Sowjet-Entertainers Arkadij Rajkin mit. "Wolodja stand auf den Stufen vor der Theaterkasse. Er war sehr bescheiden gekleidet, fast ärmlich", erinnert sich Ljudmila Putina in einem Interview, "So ein unattraktiver Typ, dem ich auf der Straße kaum Beachtung geschenkt hätte." Doch Putin organisierte nach dem ersten Konzertbesuch noch Theaterkarten für zwei weitere Abende in Leningrad, gab ihr schließlich seine Telefonnummer. Und die junge Stewardess beantragte nach ihrer Rückkehr nach Kaliningrad regelmäßige Flüge in die Stadt an der Newa. Zuerst habe sie sich das schöne Leningrad verliebt, dann folgte die Zuneigung zu dem jungen Juristen, gesteht sie heute in dem Buch "In der ersten Person". Es enthält Interviews mit Putin, seiner Frau, den Töchtern und Freunden der Familie. So sollen die Russen die menschlichen Seiten des neuen Kreml-Herrn entdecken, der vielen bislang als blutleerer Apparatschik galt.

Für russische Verhältnisse freimütig bekennt Putin in dem Buch, dass er in seinem Leben vor Ljudmila noch eine andere Frau gab. Selbst ein Heiratstermin sei schon festgelegt gewesen. Doch er habe bei der ganzen Sache von vornherein ein mulmiges Gefühl gehabt, "so von der Sorte: wenn es sein muss, muss es sein." Schließlich habe er die Hochzeit platzen lassen.

Seiner neuen Freundin Ljudmila erzählt Putin zunächst, er arbeite bei der "Kriminalpolizei". Erst später erfuhr die Stewardess die Wahrheit: Putin war beim KGB in der Abteilung für Außenspionage beschäftigt. Nach drei Jahren machte er ihr einen unbeholfenen Heiratsantrag. "Er fing damit an, er sei ein ungemütlicher Mensch: Schweigsam, ziemlich schroff, also ein riskanter Lebenspartner. Bei dieser Einleitung war ich erst sicher: Er wollte sich von mir trennen," erzählt Ljudmila. Die beiden feierten ihre Hochzeit mit vielen Gästen.

Das junge Paar lebt zunächst bei Putins Eltern in einer beengten Zwei-Zimmer-Wohnung. Auf Anregung ihres Mannes schreibt sich Ljudmila in der Philologischen Fakultät der Leningrader Universität ein, macht ihren Abschluss in Spanisch und Französisch.

Nach der Geburt der ersten Tochter bekommt Putin 1986 seinen ersten Auslandseinsatz für den KGB: Die Familie zieht für mehrere Jahre nach Dresden, Ljudmila lernt deutsch. Heute erinnert sie sich: "Das Leben in der DDR unterschied sich sehr von unserem. Saubere Straßen, die Fenster wurden einmal die Woche geputzt. Der Lebensstandard war höher als unserer. Unsere Nachbarn waren Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Sie verdienten besser als wir."

Für sowjetische Verhältnisse waren die Putins allerdings privilegiert: Ein Teil der Gehälter wurde in US-Dollar gezahlt, so dass am Ende selbst die Anschaffung eines Volvo möglich war.

Die Familie habe sich in der DDR sehr wohl gefühlt, erzählt Putins Frau: "Später, als die Mauer fiel, war das so ein schreckliches Gefühl, dass es das Land, das Dir fast zur Heimat geworden ist, nicht mehr gibt." Die beiden Töchter gehen in Dresden zur Schule. Ihren Freunden erzählen sie, der Vater sei "Spion".

Nach der Wende zieht die Familie zurück nach Russland. Dort wird Putin Stellvertreter des Leningrader Bürgermeisters Anatolij Sobtschak, seines ehemaligen Juraprofessors. In den frühen 90ern hat Ljudmila Putina einen schweren Autounfall: Rückgratverletzungen, Schädelbasisbruch, mehrere Operationen waren notwendig. "Ich lag völlig unter Schock im Krankenhaus, meine Gedanken kreisten die ganze Zeit nur darum, dass die Operationsnarben meinen Hals verschandeln würden. Erst später haben ich begriffen, welche knappe Überlebenschance ich hatte."

Die deutsche Schule verlassen

1998 erhält er den Posten als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB. Im August 1999 macht Präsident Boris Jelzin Putin überraschend zum Ministerpräsidenten, vier Monate später überträgt er ihm die Geschäfte. Die blitzartige Karriere ihres Mannes habe sie nicht überrascht, sagt Ljdumila Putina heute. "Ich habe immer geglaubt, dass mit Wolodja so etwas passieren könnte. Ich fürchte mich ein wenig für ihn, aber ihn bin nicht irgendwie stolz."

Das Leben der Familie hat sich verändert: Die beiden Töchter werden von einem Privatlehrer unterrichtet, weil sie aus Sicherheitsgründen die Deutsche Schule in Moskau nicht mehr besuchen dürfen. Zum Servicepersonal in der Kremlwohnung gehören ein Koch und Sicherheitsbeamte, die rund um die Uhr Wache schieben. Die beiden Töchter nehmen das hohe Amt ihres Vaters gelassen: "Die Politik beschäftigt uns wenig," erzählt die 14-Jährige Katja in einem Interview, "wir rufen unsern Papi, damit er mit uns Zeichentrickfilme guckt. Manchmal klappt das auch."

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