Indien : Frauen-Gang lehrt Männer das Fürchten
06.10.2011 17:22 Uhr
Devi ist zur Heldin, zur Anwältin dieser Frauen geworden. Die Mutter von fünf Kindern weiß, wogegen sie kämpft. Als Zwölfjährige wurde sie mit einem 13 Jahre älteren Eisverkäufer zwangsverheiratet. Aber sie hatte Glück. Er entpuppte sich als netter Ehemann, der sie sogar noch unterstützte, als sie mit ihrer Gulabi-Gang alle gängigen Normen herausforderte und Recht und Gesetz selbst in die Hand nahm. „Mein Vater war ein armer Viehzüchter der untersten Kaste. Anders als meine Brüder durfte ich nie zur Schule gehen. Er hatte auch kaum Geld für eine Mitgift“, erzählt sie. „Ich halte nichts vom Kastensystem. Ich glaube an Menschlichkeit und Gleichheit.“
Inzwischen ist die Gulabi-Gang eine Institution, die nicht nur von den Dorfbewohnern, sondern auch von der Regierung und Behörden anerkannt wird. Die Frauen rufen prügelnde und saufende Ehemänner zur Räson. Sie vermitteln bei Familienzwistigkeiten, kämpfen gegen Zwangs- und Kinderehen und setzen sich dafür ein, dass Mädchen zur Schule gehen. Und sie werden sogar gerufen, wenn sich Familien um Land streiten. „Nun kommen sogar Männer mit ihren Problemen zu uns“, sagt Devi. „Wir beschützen die Machtlosen vor den Mächtigen. Wir bestrafen brutale Ehemänner und jene, die ihre Familien im Stich lassen. Und wir zwingen die Polizei, Anzeigen von Armen aufzunehmen.“
Das ungerechte Kastenwesen nehmen sie nicht klaglos hin
Die Gulabi haben ein Instrumentarium der abgestuften Eskalation entwickelt. Sie versuchen es mit gutem Zureden, sie stellen Missetäter öffentlich bloß und drohen Uneinsichtigen. Erst wenn das alles nicht hilft, werden die Damen handgreiflich. Die Schlagstöcke tragen sie keineswegs nur zur Dekoration. „Wir reden dann erst mit dem Mann, der seine Frau schlägt. Wenn er es nicht versteht, fordern wir seine Frau auf mitzumachen, während wir ihn mit unseren Lathis verprügeln.“ Devi selbst schwört weiter auf die Sprache der Gewalt. Diese habe sich als wirksamstes Mittel erwiesen, um Probleme zu lösen. Aber heute halte sie sich ans Gesetz. „Wir müssen nur noch selten Gewalt anwenden. Unser Ruf ist meist genug, um die bösen Jungs einzuschüchtern.“
Angeblich soll die Truppe heute mehr als 20 000 Mitglieder haben, wobei solche Zahlen in Indien mit höchster Vorsicht zu genießen sind.
Mit einem klapprigen Fahrrad fährt Devi von Dorf zu Dorf, um sich mit ihren Mitstreiterinnen zu treffen und Streitfälle zu beraten. Doch sie haben auch Gegner. Devi selbst wird immer wieder bedroht, sie vermutet korrupte Beamte dahinter, denen die Mädels auf die Finger klopften. Einmal wurde sogar auf sie geschossen. „Aber ich habe keine Angst vor irgendwem. Meine Frauen stehen hinter mir und geben mir Kraft.“









