Internationaler Mädchentag der UN : Kicken für mehr Rechte

Millionen junge Frauen leiden unter Gewalt und Diskriminierung. In Brasilien soll der Fußball Schülerinnen selbstbewusster machen. Ein Besuch zum Weltmädchentag.

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Begeistert vom Kicken: 400 junge Frauen nehmen am Mädchen-Fußballprojekt des Kinderhilfswerks Plan International teil.
Begeistert vom Kicken: 400 junge Frauen nehmen am Mädchen-Fußballprojekt des Kinderhilfswerks Plan International teil.Foto: Felber

Die Habseligkeiten des Mädchens sind übersichtlich. Das wenige Quadratmeter große Zimmer teilt sich die 14-Jährige mit ihrem Bruder. Zwei Betten, Kopf an Kopf. Die kahlen Wände hat sie mit Comiczeichnungen verschönert – und mit ihrem Namen signiert: Karine. Ein Tisch, auf dem ein Malblock und ein Stift liegen. Und darunter vielleicht das Wichtigste: Die Fußballschuhe, die sie jetzt überzieht und fest verschnürt.

Wenn Karine sich auf den Weg zum Fußballplatz macht in ihrer rund 4000 Einwohner großen Gemeinde im Nordosten Brasiliens, dann nur in Begleitung. Auch für die Jungs ist es gefährlich auf den sandigen Straßen, aber die Mädchen verlassen nie allein das Haus. Vor der Tür drohen Überfälle, außerdem könnte Karine zwischen die Fronten von Banden geraten, die sich in der Gegend bekriegen. Ihre größte Sorge sei, dass Karine Opfer eines sexuellen Übergriffs werde, sagt die Mutter.

Doch vom Fußball können Karine weder die Gewalt und Drogenkriminalität noch die Temperaturen von mehr als 30 Grad abhalten. Sie ist eines der rund 400 Mädchen, die in der Region am Mädchenfußballprojekt der Patenorganisation Plan International teilnehmen. Neben dem wöchentlichen Training erhalten sie Unterricht zu den Themen Gesundheit, Gewaltvermeidung und vor allem: Gleichberechtigung. Im Rahmen der „Because I am a Girl“- Kampagne hat das Kinderhilfswerk auch den Internationalen Mädchentag zum 11. Oktober bei den Vereinten Nationen durchgesetzt, der am heutigen Sonntag zum vierten Mal stattfindet. Damit soll sich der Fokus auf die Mädchen der Welt richten, die gerade in Entwicklungsregionen besonders schlechte Perspektiven haben. Symbolisch werden dazu öffentliche Gebäude und Sehenswürdigkeiten in Pink angestrahlt. In Berlin zählen dieses Jahr der Funkturm und das Entwicklungsministerium dazu.

15 Millionen Mädchen werden nach UN-Schätzungen jedes Jahr vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. 16 Millionen bekommen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren ein Kind. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO werden 30 Prozent der jungen Frauen dieses Alters Opfer von Gewalt durch ihren Partner.

"Ich werde für dich ein Tor schießen"

Karine zieht ihr Trikot über den Kopf. Auf dem Rücken prangt ihre Nummer, die 43. Darüber steht der Name ihrer Gemeinde, deren Bewohner in der Landwirtschaft und als Männer oft im Baugewerbe der Umgebung arbeiten. Sie liegt etwa eine Autostunde von der Eine-Million- Einwohner-Stadt São Luís entfernt. Dass Karine als Mädchen ihr Dorf repräsentiert, wäre vor wenigen Jahren in dem Land mit seinen 200 Millionen Einwohnern unvorstellbar gewesen. Karine ist stolz. „Ich werde für dich ein Tor schießen“, sagt sie zu ihrer Mutter und läuft mit ihren Freundinnen Richtung Fußballplatz. Dort bekamen die Bewohner vor dem Start der Initiative selten ein Mädchen zu sehen. In den brasilianischen Projektregionen geben knapp 70 Prozent der Mädchen an, den Hausputz zu machen.

Alcenira hat sich extra frei genommen. Die 52-Jährige arbeitet als Haushälterin in São Luís, möchte aber heute das Training sehen, an dem vier ihrer Enkeltöchter und -söhne teilnehmen – seit zwei Jahren gibt es auch ein Projekt für Jungs. Der Sand auf dem Platz ist heiß, Alcenira flüchtet sich unter einen der wenigen Bäume am Rand und filmt von dort mit ihrem Handy. Sie hat sechs Kinder. Das erste bekam sie mit 18 Jahren. „Für meine Enkel wünsche ich mir ein besseres Leben“, sagt sie. „Dass sie die Schule abschließen und studieren.“

Das Kinderhilfswerk betreibt viele Projekte in der Region, die Mädchen fördern. Damit die Schullaufbahn nicht durch eine frühe Schwangerschaft vorzeitig endet, werden beispielsweise Multiplikatoren ausgebildet. Wie die 19-jährige Joyce, die mit Theaterprojekten und Gesprächen aufklärt. Seit sie vor vier Jahren damit begonnen hat, sehe sie starke Veränderungen, berichtet Joyce. „Damals gab es etwa 20 Teenagerschwangerschaften an meiner Schule“, sagt sie. „Jetzt sind es zwei."

Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität

Monica Souza, Kommunikationsleiterin von Plan Brasilien, sieht die größten Probleme in der Gewalt. 500.000 Fälle sexuellen Missbrauchs gebe es pro Jahr, sagt sie. Nur zehn Prozent würden bei der Polizei angezeigt. „Die Dunkelziffer kennen wir über die Frauen, die in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen Hilfe suchen.“ Landesweit wird zum Weltmädchentag ein Film gezeigt, der von der brutalen Gruppenvergewaltigung in Indien berichtet, die vor drei Jahren weltweit Entsetzen auslöste.

In den Projektgemeinden gibt es Feiern und Workshops. Den Aufklärungsunterricht dabei leitet Arlenilse Santos. Sie ist der Liebling von Karine und den anderen Spielerinnen und Spielern. „Ein großes Problem sind für Mädchen die persönlichen Beziehungen untereinander“, sagt sie. Der Umgang sei durch Misstrauen und Konkurrenz bestimmt gewesen. Jetzt ändere sich dies. Es gebe eine kollektive Identität.

Mädchen-Rosa war gestern

Die hat auch die 17-jährige Laenny entdeckt. Sie lebt ebenfalls in der Region um São Luís. Heute stattet sie einer Schule einen Besuch ab, an der es Mädchenfußball und Aufklärungsprojekte für junge Frauen gibt – und sie ist gewissermaßen Stargast. Auf ihrem Smartphone zeigt sie ein Foto, auf dem sie mit vier anderen Mädchen zu sehen ist – sowie Präsidentin Dilma Roussef, seit 2011 erstes weibliches Staatsoberhaupt Brasiliens. Im Juli haben die Mädchen ihr eine Erklärung zu Mädchenrechten überreicht.

„Früher wäre ich niemals selbstbewusst genug gewesen, anderen Mädchen Rat zu geben“, sagt Laenny. „Man wird nur erzogen, Mutter zu sein.“ Jetzt weiß Laenny, was sie will. Sie möchte studieren, Lehrerin werden und als Politikerin für Frauenrechte kämpfen. Für sich, für ihre Freundinnen, genauso wie für Karine, für Joyce und für alle jungen Frauen, die weltweit benachteiligt sind. An ihrem Kleid prangt der Anstecker mit dem „Because I am a Girl“- Schriftzug. Mädchen-Rosa war gestern – der Stecker leuchtet kräftig in Pink.

Der Beitrag entstand im Rahmen einer Reise mit Plan Deutschland.