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Internet-Pranger : Wenn Stalker über Facebook kommen - der Fall Ariane Friedrich

Die Debatte um die Star-Sportlerin Ariane Friedrich verschärft sich. Es stellt sich die Frage, inwieweit soziale Netzwerke Stalking begünstigen. Der Täter kann sich leichter einbilden, am Leben des Opfers teilzunehmen.

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Opfer von Belästigungen. Leichtathletikstar Ariane Friedrich. Foto: dpa
Opfer von Belästigungen. Leichtathletikstar Ariane Friedrich. Foto: dpaFoto: dpa

Die Debatte um Ariane Friedrichs „Zwangs-Outing“ eines zudringlichen Fans auf Facebook wird immer heftiger. Mehr als 6000 Kommentare haben Nutzer inzwischen auf dem Profil der 28-jährigen Hochspringerin hinterlassen. Friedrich hatte Namen und Wohnort eines Mannes veröffentlicht, der sie in einer Mail sexuell belästigt hatte. Stalking-Experten beurteilen die heftige Reaktion der Hallen-Europameisterin von 2009 als emotional nachvollziehbar, aber wenig hilfreich. „Der Fall Friedrich ist nach fachlichen Kriterien kein Stalking, weil der mutmaßliche Täter eine einzige Mail geschickt hat. Erst wenn sich jemand wochenlang wiederholt unerwünscht einem anderen nähert, trifft der Begriff zu“, sagt Rita Steffes-enn vom Darmstädter Institut für Psychologie- und Bedrohungsmanagement. Täter wollten in Fällen wie dem Ariane Friedrichs bewusst die Prominenz ihres Opfers nutzen, um sie mit Zugriffen im Netz zu schockieren. „Wenn sich ein so berühmter Star dann erbittert wehrt, kann das die Allmachtsfantasien des Täters noch verstärken“, sagte Steffes-enn. Werde er öffentlich an den Pranger gestellt, falle es ihm leichter, Mitgefühl für sein Opfer zu verdrängen und überzureagieren.

Durch soziale Netzwerke können „Cyberstalker“ heute weitaus einfacher am Leben ihrer Opfer teilhaben – und sie bedrohen und belästigen. „Das Opfer sieht im Netz, anders als bei Zugriffen im realen Leben nicht, von wem es angegangen wird und kann die Nähe des Täters nicht einschätzen. Der Täter wiederum kann sich leicht hinter einem Fake-Profil in der Anonymität verstecken“, sagt Rita Steffes-enn.

Die Opfer von Zugriffen im Internet leiden darunter aber ähnlich schwer, wie unter Stalking im realen Leben. Sie berichten von Stress, Schlafstörungen, Ängsten, Ohnmachtsgefühlen. Das belegt eine Studie des Stalking-Forschers Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Dreßing befragte für seine Untersuchung 2009 mehr als 6000 Nutzer des Netzwerks Studi-VZ. 43 Prozent der Befragten gaben an, bereits mehrmals durch unerwünschte, zudringliche Kontaktaufnahmen belästigt worden zu sein. Mehr als 80 Prozent dieser Opfer waren weiblich - der Großteil der Täter männlich. Und über die Hälfte der von "Cyberstalking" Betroffenen wurden mindestens ein Mal am Tag vom jeweiligen Täter kontaktiert. "Opfer und Täter kennen sich in den meisten Fällen aus dem realen Leben. Dass Täter ihnen völlig fremde Menschen im Netz stalken, ist sehr unwahrscheinlich", sagt Harald Dreßing.

Facebook aber erleichtert es potenziellen Stalkern, sich einzubilden, mit dem Opfer eine echte Beziehung zu haben, weil dieses die Öffentlichkeit an seinem Privatleben teilhaben lässt. Das gilt besonders für Prominente, die ihren Facebook-Auftritt nutzen, um Kontakt zu ihren Fans zu halten. Ariane Friedrich etwa teilt auf ihrem Profil mit, was sie zu Abend gegessen hat, dass sie den Rasen gemäht hat oder welche Songs sie beim Training hört. Jeder Nutzer kann das lesen. Die Sportlerin hat sich bislang nicht zu ihrer Aktion geäußert. Ihr Trainer und Manager Günter Eisinger erklärte, Ariane Friedrich habe inzwischen Klage bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Friedrichs Arbeitgeber, die hessische Polizei, kündigte an, zu überprüfen, ob die Kommissarin gegen ihre Dienstpflichten verstoßen habe. Im schlimmsten Fall erwartet Ariane Friedrich ein Disziplinarverfahren.

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