Jan Delay als Erziehungsratgeber : "Bio-Eltern züchten Weicheier ran"

Er hat ein neues Album herausgebracht, er wechselt das Genre - aber nicht nur in der Musik. Jan Delay versucht sich in diesen Tagen auch als Erziehungsratgeber und hält den Eltern von heute mit klaren Worten vor, sie würden ihre eigenen Kinder viel zu sehr behüten.

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Jan Delay nicht nur Sänger, sondern neuerdings auch Erziehungsratgeber...
Jan Delay nicht nur Sänger, sondern neuerdings auch Erziehungsratgeber...Foto: dpa

Er hat ein neues Album. Und er redet darüber, auch im Tagesspiegel. Er sagt: "Keiner macht, was ich da gerade mache. Also ist es genau das Richtige." Jan Delay, der gerade vom Rapper zum Rocker mutiert, ist selbstbewusst. Und er sagt ziemlich offen, das, was er denkt. Auch über Heino. Aber es gibt da auch ein paar Sätze, die er in den vergangenen Tagen gesagt hat und die nichts mit Musik zu tun haben, die Deutschland auch vernehmen sollte. Vor allem Deutschlands Eltern. Denn der Sänger und Songwriter mischt sich ein in eine zwar nicht neue, aber durchaus ernstzunehmende Debatte: Wie erziehen wir unsere Kinder?

Jan Delay kritisiert "Bio-Eltern"

Es gibt mittlerweile schon Bücher über die "Neuen Eltern" oder die "Helikopter-Eltern", Eltern jedenfalls, die sich sehr intensiv und allumfassend um ihre Kinder kümmern. Der Begriff bezeichnet den Hang zur Überbehütung und zur exzessiven Einmischung in die Angelegenheiten der eigenen Kinder und Jugendlichen. Wenn man liest, was Delay gerade der Zeitschrift "Freundin" gesagt hat, dann muss man zunächst sehr oft lachen, und wenn man Kinder hat, fragt man sich, meint der das ernst, kann man so etwas sagen, ist das jetzt nur Aufreger-PR für das neue Album? Oder, schluck, ist da was Wahres dran?

Er sagt zum Beispiel über heutige Eltern: "Die ganzen Bio-Eltern züchten heute so eine Generation von Weicheiern ran." Delay hat eine Tochter, sie ist erst ein paar Monate alt, aber der Sänger weiß schon genau, was sie machen soll: "Sie soll sich ruhig im Dreck wälzen." Und weiter: „Obwohl ich ein linker Öko bin, stecke ich sie lieber in die siffigste Kita, statt in so eine bescheuerte Bildungsbürger-Besserverdiener-Öko-Tagesstätte."

Heute, sagt er, habe er Geld, aber "ich will, dass mein Kind aufwächst wie ich und kein verwöhntes Gör wird. Sie soll auch mit ausländischen Kindern spielen, nicht nur mit deutschen Kartoffelkindern. Wenn die mit Vier zum Geigelernen gezwungen werden, gehe ich mit ihr auf Spielplätze, wo sie normale Menschen trifft“.

Dürfen Kinder heute Niederlagen einstecken?

Natürlich kann man das jetzt abtun. Ein Spinner? Man kann sich aber auch die Debatte anschauen und gucken, wo hat er vielleicht auch recht? Langeweile und Abenteuer sind beispielsweise zwei Erfahrungen, die Kinder, aus bürgerlichen Verhältnissen in Deutschland, heutzutage kaum noch machen. Werden Eltern nicht schon nervös, wenn Kinder sagen, sie würden sich langweilen? Verabreden sich Kinder heute noch selbständig oder gehen einfach mal raus auf die Straße, um zu schauen, ob sie jemanden zum spielen treffen, oder werden sie überwiegend verabredet? Von den Müttern.

Sicherlich soll Jan Delays Tochter später auch unbedingt rauchen! Hier mit Rocklegende und Vorbild Udo Lindenberg.
Sicherlich soll Jan Delays Tochter später auch unbedingt mal rauchen! Hier mit Rocklegende und Vorbild Udo Lindenberg.Foto: dpa

Haben wir das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu den Kindern, wenn, wie beispielsweise an einer Grundschule in Berlin-Zehlendorf, Kinder der vierten Klasse noch bis zum Klassenzimmer gebracht werden? Zudem: Dürfen Kinder heute Niederlagen einstecken oder schlechte Noten nach Hause bringen, ohne das die Eltern mindestens nervös, wenn nicht gar panisch werden? Wie viele Eltern mischen sich heute massiv in die Hausarbeiten ihrer Kinder ein mit der Begründung, das Kind könnte sonst den Anschluss verpassen, sei dann, später, nicht mehr wettbewerbsfähig in der globalen Konkurrenz.

Natürlich haben sich in den Online-Foren oder auch in der "Bild"-Zeitung Eltern gefunden, die Delay sehr ernsthaft widersprechen, er solle erst einmal selbst eine Kita suchen müssen, heißt es. Oder, die eigenen Kinder seien keine Versuchstiere.

Die Folge lautet: Machtumkehr

Eltern-Bashing ist einfach, wie überhaupt jede Art von Stammtisch-Beschimpfung. Allerdings ist die Entwicklung und die Gefahr, auf die Delay hinweist, längst eingegangen in einen wissenschaftlichen Diskurs. Seit vielen Jahren beobachten Kinderpsychiater wie etwa Michael Winterhoff, dass Kinder immer häufiger zu Logopäden, Ergotherapeuten oder Kinderpsychologen in Behandlung kommen. In seinem Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" vertritt er vor allem drei Thesen: Das Kind wird als kleiner Erwachsener behandelt, wie ein Partner, der Erwachsene entwickelt das Bedürfnis, vom Kind geliebt zu werden, das ist seine Projektion, das Kind wird im Rahmen einer psychischen Verschmelzung ein Teil des Erwachsenen.

Die Folge lautet nach Winterhoff: Machtumkehr, die dem Kind die Chance auf eine gesunde Entwicklung verbaue. Michael Winterhoff sagt: „Wenn wir nicht bald anders handeln, wird unsere Gesellschaft ihre Kinder hassen!“ Aber ist das nicht das Naturell von Eltern, alles zu tun für die Kinder, das Beste zu wollen? Niemand dürfe ihnen das verübeln, sagen Kritiker der Eltern-Kritiker.

Nadine Bös hat in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einmal beschrieben, wie Elternkongresse organisiert werden, um sie für Fragen an der Hochschule fit zu machen, an die ihre Kinder gehen, und Workshops angeboten werden mit dem Titel "Eltern als Co-Studienberater". Bös zitiert einen Studienberater der Arbeitsagentur Mönchengladbach, der sagt: „Mittlerweile kommen in einem Drittel der Fälle die Eltern mit in die Studienberatung. „Da gibt es zuweilen bizarre Situationen.“

Das alles meinte Jan Delay gar nicht? Hat keine Ahnung, weil seine Tochter noch so klein ist? Kann sein. Vielleicht will er in ein paar Jahren von seinem Geschwätz nichts mehr wissen, vielleicht treibt er sein Kind an, wie andere auch, und die Tochter wird prima getaktet mit Musik, Sport, Schule und eine sozial wichtige freiwillige Arbeit. So ist das üblich in den bürgerlichen Kreisen. Und vorher trägt sie auch den Schutzhelm schon auf dem Pucky und Wollmütze und Handschuhe, wenn die Temperatur unter zehn Grad plus fällt.
Vielleicht macht er auch einfach nur einen guten Song aus dem Thema.

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel. Lesen Sie auch das aktuelle Interview mit Jan Delay im Tagesspiegel zu seinem neuen Album.

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