Kampagne "A Liter of Light" : Licht aus der Plastikflasche

Eine Idee von US-Studenten erhellt die Slums in Manila – und verbreitet sich weltweit.

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Mit einfachsten Mitteln. Statt auf dem Müll landen solche Flaschen als Solarlampen auf den Dächern der Slums, wie hier in Kolumbien. Foto: René Eber, Schweizer Kampagne „Liter of Light“
Mit einfachsten Mitteln. Statt auf dem Müll landen solche Flaschen als Solarlampen auf den Dächern der Slums, wie hier in...

Berlin - Zusammen mit zwei Freunden hantiert Patrick Markiefka in einer Wellblechhütte in Kambodscha. Eine Kamera filmt einen der jungen Deutschen, der etwas an die niedrige Decke hält, es sieht aus wie ein Eimer. Die Leute von der Kampagne „Köln hilft Kambodscha“ sind nur schemenhaft zu erkennen, es ist praktisch kein Licht im Raum. In den Slums von Kambodscha sind die Häuser dicht an dicht gebaut. Tageslicht dringt deshalb kaum durch die Tür ins Innere. Dann nimmt der junge Mann den Eimer weg. Eine Wasserflasche strahlt an der Decke, hell wie eine Lampe. Der Raum und die Menschen tauchen aus der Dunkelheit auf.

Wie bei Helen aus Uganda. Die dunkelhäutige Frau im blau gemusterten Kleid steht vor ihrer Hütte aus Lehm mit dichtem Strohdach. Unter dem hohen Strohdach von Helens Hütte aber ist es dunkel, wie das Video zeigt. Helen erklärt dem Betrachter, wie sie mithilfe von Plastikflaschen Licht ins Dunkel bringen wird. Der Effekt, als die Flaschen dann in einem Loch des Daches befestigt sind, ist verblüffend. Die Kamera im Inneren der Hütte zeigt jetzt den Raum, eine Kochstelle, zeigt die Vorräte. Die Plastikflaschen wirken wie eine starke Glühbirne, die den Raum erhellt. Ganz ohne jede Stromquelle. Wenigstens bei Tag.

1,3 Milliarden Menschen weltweit leben nach Angaben der Vereinten Nationen noch immer ohne jeglichen Zugang zu Elektrizität. Ohne Strom aber haben sie in ihrem Zuhause entweder Lichtquellen wie etwa Gas-Vorrichtungen, die Gesundheitsgefahren mit sich bringen, oder sie leben ganz ohne Licht. Kein Licht zum Kochen, zum Arbeiten, kein Licht zum Spielen oder zum Lesen. Andere haben zwar einen Anschluss, können aber gar nicht daran denken, sich den Strom zu leisten. Die Kampagne „Ein Liter Licht“, auf deren Homepage die Videos zu finden sind, verbreitet deshalb eine Idee, die am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA entwickelt wurde: Aus weggeworfenen Plastikflaschen sollen Tageslichtlampen für die Ärmsten werden. Bis zum Jahr 2015, so das Ziel der Kampagne, sollen in den Häusern und Hütten in den ärmsten Gegenden der Welt eine Million Lichtflaschen installiert sein.

Weltweit haben sich in den vergangenen zwei Jahren Gruppen gebildet, die die Flaschenlampen in die Hütten bringen. Denn das Prinzip ist ebenso einfach wie billig und dabei noch umweltfreundlich: Gebrauchte 1,5-Liter-Plastikflaschen werden mit Wasser gefüllt, etwas Bleichmittel dazu, eine Luke muss ins Hausdach eingebaut werden (zumeist wird die Flasche in ein Loch im Wellblechdach verklebt) und die Lampe strahlt bei Tageslicht mit der Intensität einer 55-Watt-Birne. Dank des Wassers diffundiert das Licht und verteilt sich im ganzen Raum. Das Bleichmittel soll verhindern, dass das Wasser verdreckt und die Qualität des Lichts beeinträchtigt.

Ursprünglich stammt die Idee wohl aus Brasilien. Dann schlug ein Professor am MIT sie seinen Studenten als Projekt vor. Aus diesem  Studienprojekt hat der Philippino Illac Diaz die Idee in seine Heimat gebracht. Und unter dem Dach seiner „MyShelter Foundation“ machte Diaz die Lichtflaschen in Manila dann zum Pilotprojekt einer weltweiten Kampagne.

Eine Flaschenlampe ist in gut einer Stunde konstruiert und eingehängt. Aber natürlich braucht es auch dafür sowohl Know-how als auch ein wenig Material und Werkzeug. Die MyShelter-Stiftung arbeitet deshalb mit Kommunen, lokalen Regierungsstellen und privaten Sponsoren zusammen. Zu den Sponsoren gehören Firmen wie Bosch oder Pepsi. Grundgedanke ist bei „A Liter of Light“ dabei das sogenannte Open-source-Prinzip. Zwar gibt es ein Patent auf die Flaschenlampen, aber die Idee soll allen zugänglich sein. Das Patent soll nur verhindern, dass jemand mit der Idee Profit macht. Neben der allgemeinen Zugänglichkeit des Patents gilt auch das Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Stiftung und andere Kampagnengruppen weltweit sehen ihre Hauptaufgabe darin, Leute vor Ort in der Technik zu schulen und, wenn nötig, Sponsoren etwa für den Klebstoff zu finden. Lokale Initiativen gibt es mittlerweile in Argentinien, Bangladesch, Brasilien, Kolumbien, Ägypten, Indien, Kenia, Peru, auf den Philippinen, in Spanien und in der Schweiz, in Uganda, den USA und Sambia.

Derzeit arbeiten verschiedene Initiativen außerdem an der technischen Weiterentwicklung der Flaschenlampen. Auf den Philippinen experimentieren Tüftler mit einfachen Solarzellen, um auch für dunkle Stunden Licht speichern zu können. In der Schweiz wird ein Prototyp entwickelt, der mit veränderten Wasserzusätzen das Licht länger speichern können soll.

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