Kleiderordnung an Schulen : Wie viel Haut darf's sein?

Das Hotpants-Verbot in einer Schule in Baden-Württemberg hat eine bundesweite Debatte ausgelöst. Dabei geht es nicht nur um Mädchen.

Alexandra Belopolsky
So nicht in die Schule? Eine Gymnasium in Baden-Württemberg hat ein Hotpants-Verbot eingeführt.
So nicht in die Schule? Eine Gymnasium in Baden-Württemberg hat ein Hotpants-Verbot eingeführt.Foto: dpa

Wie viel Haut darf sein? Und wann ist eine Hose zu kurz, um im Unterricht getragen werden zu können? Eine Schule in Horb am Neckar hat sich dazu jetzt klar positioniert und damit eine bundesweite Diskussion in Gang gesetzt. „In letzter Zeit müssen wir gehäuft feststellen, dass Mädchen der Werkrealschule sehr aufreizend gekleidet sind“, schreibt die Schulleiterin der Werkrealschule, Bianca Brissaud, in einem Elternbrief, den der „Schwarzwälder Bote“ veröffentlicht hat. „Aufreizende Kleidung“ wie bauchfreie Shirts oder Hotpants will sie nicht mehr dulden. Wer damit zur Schule erscheint, soll ein großes T-Shirt gestellt bekommen, dass bis zum Schultagsende getragen werden muss.

Unter dem Hashtag #hotpantsverbot empören sich die Nutzer

Die Reaktionen kamen prompt. Die Initiatorin der Twitterkampagne „Aufschrei“, Anne Wizorek, prägte den Hashtag #hotpantsverbot, unter dem sich Nutzer empören. Wizorek schrieb: „#hotpantsverbot zielt bei durchschnittlichen 30° allein auf mädchenkleidung ab. so viel zu gesellschaftlichen werten...“ Ihr Tweet wurde bereits mehrere hundert Mal geteilt. Eine Nutzerin spottet, dass Mädchen bald in Ganzkörperkondomen rumlaufen sollen, „damit das andere Geschlecht auf ja keine falschen Gedanken kommt“. Ein anderer fürchtet, dass es nun mit „Volldampf zurück in die 50er Jahre“ geht.

Mit Kritik dieser Art hatte die Horber Schule wohl schon gerechnet, denn in dem Elternbrief heißt es weiter: „Es geht uns dabei nicht um die Unterdrückung der Individualität Ihres Kindes.“ Vielmehr solle die Regelung beitragen zu einem „gesunden Schulklima, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden“. Im Kultusministerium sagt eine Sprecherin: „Die Schule ist nicht berechtigt, die eigene Moralvorstellung zum Gradmesser für eine korrekte Kleidung zu machen.“ Kleiderregeln oder gar Vorschriften gebe es an öffentlichen Schulen nicht. Gefährde ein sexy Outfit allerdings die Ordnung des Unterrichts, dürfe die Schule eingreifen.

Doch es geht auch anders ohne Order von oben, die Schüler dann blind erfüllen müssen. Oliver Dickhäuser, der am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie an der Universität Mannheim arbeitet, ist der Meinung, dass Vorschriften, die zusammen mit den Schülern beschlossen werden, mehr Erfolg haben. „Wenn die Schüler den Sinn nicht nachvollziehen können, bestehen keine guten Chancen mit dieser Maßnahme positive Effekte erzielen zu können“, sagt er. „In der aktuellen Debatte ärgern sich die Schüler darüber. Sie denken: Es sind über 30 Grad, warum darf ich denn kein Muskelshirt anziehen?“ Dickhäuser ist für seine Forschung zu Schuluniformen bekannt. In einer Studie fand 2004 er heraus, dass an Schulen, an denen eine einheitliche Kleidung eingeführt wurde, der soziale Zusammenhalt höher ist. 2009 stellte der Forscher fest, dass Uniformen doch nicht zu eindeutig positiven Effekten führen: „Da die Ergebnisse nicht einheitlich sind, kann man daraus schließen, dass sie nicht primär von der Kleidung, sondern auch von der Art der Einführung abhängig sind.“ Die Schulen, an denen einheitliche Kleidung erfolgreich eingeführt worden seien, „ sind diejenigen, die alle Beteiligten – die Schüler, die Lehrkräfte, die Eltern – hinter die Idee gebracht haben“.

In Würzburg entwickelte ein Gymnasium eine Kleiderordnung mit Eltern und Schülern zusammen

Wie das geht, zeigt zum Beispiel das Deutschhaus-Gymnasium in Würzburg, das Anfang Mai eine Kleidungsvorschrift eingeführt hat, mit der sich alle anfreunden konnten. Zusammen mit Eltern und den Schülern hat die Schulleitung eine Liste von Regeln entwickelt, die für angemessene Kleidung sorgen soll. Demnach soll die Unterwäsche außer Sicht bleiben, bauchfreie Tops sind ebenso verboten wie tiefgeschnittene Tanktops. Außerdem verbieten die Regeln das Tragen von T-Shirts mit rassistischen, sexistischen oder gewalttätigen Botschaften. Wer dagegen verstößt , erhält auch hier „ein T-Shirt aus der alten Schulkleidungskollektion, das sie/er nach einer Woche dort wieder gewaschen und gebügelt abgeben muss“.

Die Angelegenheit  Hotpants in Schulen halten einige für übertrieben. „Ich darf auf Arbeit nur lange Hosen tragen. Bei 34 Grad. Also heult nicht rum“, schreibt zum Beispiel eine Twitter-Nutzerin. Im Hashtag #victimblaming (Opferbeschuldigung) kritisieren andere, durch das Verbot kurzer Kleidung werde Mädchen suggeriert, für sexuelle Belästigung selbst verantwortlich zu sein.

In Horb ist man wegen der neuen fragwürdigen Berühmtheit und der Debatte, die man ausgelöst hat, irritiert. „Ich finde es sehr schade, dass die Diskussion in den Medien so schnell auf die Sexualebene gebracht wurde“, sagte Schulleiterin Brissaud. „Wir hatten von Anfang an nicht nur die Mädchen, sondern genauso auch die Jungs im Blick. Deren Kleidung kann ebenso unpassend sein.“ (mit dpa)

50 Kommentare

Neuester Kommentar