• London: Die Sklaven von nebenan - die Briten rätseln über ihre eigene Gesellschaft

London : Die Sklaven von nebenan - die Briten rätseln über ihre eigene Gesellschaft

Nach der Befreiung der drei Frauen in London bleiben die Hintergründe ihrer Gefangenschaft unklar. Offensichtlich gibt es vielfältige Formen von Abhängigkeit, Unterwerfung und Sklaverei.

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Aneeta Prem, Gründerin von Freedom Charity.
Aneeta Prem, Gründerin von Freedom Charity.Foto: dpa

Eine 30-Jährige, geboren als Baby in Sklaverei, mitten in London in einem „ganz normalen Haus in einer ganz normalen Straße“. 30 Jahre lang durfte die Frau das Haus in Lambeth in London kaum verlassen, und wenn, nie alleine. Von Schulbesuch war keine Rede. Draußen veränderte sich die Stadt, London wurde zur globalen Metropole. Hochhäuser wuchsen in den Himmel, die Regierungen, die Mode und die Popmusik wechselten. Kriege wurden geführt. Aber die Frau und ihre beiden Mitsklavinnen, eine 57 Jahre alte Irin und eine 69-jährige Malaysierin, konnten das alles nur im Fernsehen verfolgen. Nie fanden sie den Mut oder die Gelegenheit zu flüchten.

Seit der „Befreiung“ der drei Frauen rätseln die Briten wieder einmal über ihre eigene Gesellschaft. Das Land, London insbesondere, Sammelpunkt globaler Wanderungsströme, scheint ein Zentrum für ein im 21. Jahrhundert noch viel zu sehr verstecktes Verbrechen zu sein: moderne Sklavenhaltung.

Das Täterpaar ist gegen Kaution freigelassen worden

„Die Frauen hatten das Gefühl, dass sie in massiver Gefahr waren. Sie waren in jeder Hinsicht in dem, was sie tun konnten, eingeschränkt“, berichtete Aneeta Prem, deren Hilfsorganisation „Freedom“ zur Retterin der drei Haussklavinnen wurde. „Ihre Freiheit war kontrolliert“, ergänzt Ermittlungsleiter Kevin Hyland vom Scotland Yard-Dezernat für Menschenhandel – „Human Trafficking“, das moderne Wort für Sklaverei. „Es gibt viele Fälle, wo Menschen gegen ihren Willen festgehalten werden. Ich hatte Fälle, wo das bis zu zehn Jahre ging. Aber einen Fall von diesem Ausmaß hatten wir noch nie.“

Willkommen in Lambeth. Der Londoner Stadtteil liegt südlich der Themse.
Willkommen in Lambeth. Der Londoner Stadtteil liegt südlich der Themse.Foto: dpa

Und trotzdem wurden die am Donnerstag wegen „Leibeigenschaft“ verhafteten beiden 67-jährigen „Sklavenhalter“ am Freitag wieder gegen Kaution bis Januar auf freien Fuß gelassen. Ein verheiratetes Paar, beide keine britischen Staatsangehörigen – mehr sagt die Polizei nicht. Eine Nachrichtenagentur zitierte einen Nachbarn, der sie als „ganz gewöhnliche Menschen“ bezeichnete, die „zurückgezogen lebten“. Scotland Yard zufolge fällt es den Ermittlern schwer, Einzelheiten über das Leben der drei Festgehaltenen in dem Haus in Erfahrung zu bringen, vor allem wie und warum sie dorthin kamen – ein Zeichen des „hoch traumatisierten“ Zustands der drei Frauen, die nun in der Obhut einer Organisation für Traumaopfer sind und von der Polizei nur vorsichtig befragt werden können. Sexuelle Motive scheinen in dem Fall keine Rolle zu spielen.

Der Fernseher war das Tor zur Freiheit. Prems Organisation „Freedom“ hilft Jugendlichen, die fürchten, von ihren Eltern in einer Zwangsehe verkuppelt zu werden, wie es bei pakistanischen Familien immer noch verbreitet ist. In Schulen spricht Prem über die Gefahrenzeichen und ermuntert Teenager, bei der winzigen Organisation anzurufen. Bei einem Bericht im Fernsehen wurde die Telefonnummer eingeblendet. „Sie hatten es geschafft, sich ein Handy zu besorgen, was sie lange geplant hatten. Sie sahen mich in den Nachrichten und riefen an. So fingen wir an, in geheimen Gesprächen ihre Freisetzung vorzubereiten“, erzählt Prem.

Der Anruf am 18. Oktober sei „traumatisch und sehr schwierig“ gewesen. Doch die Anruferin hatte Glück. Eine verständige Freiwillige hatte Dienst und erkannte „die Zeichen von Furcht und Zwang“. Eine Woche später, am 25. Oktober, nach einer Serie geheimer Gespräche, fassten zwei der Frauen Mut und verließen das Haus. Ohne jedes Hab und Gut, während der Abwesenheit der beiden „Familienvorstände“, wie sie bezeichnet wurden, traten sie aus der Gefangenschaft in ihr neues Leben. Die älteste Frau, die Malaysierin, wurde dann von der Polizei „aus dem Haus geholt“. „Wir werden mehr solcher Fälle haben“, warnte der zuständige Staatsminister James Brokenshire gestern in der BBC – wobei er einschränkte, dies liege auch daran, dass mehr dieser Fälle bekannt und verfolgt würden. Er sprach von einem Schwellenverbrechen, das erst langsam ins öffentliche Bewusstsein kommt.

Die Frauen waren nicht gefesselt. Was sie abhängig hielt ist nicht klar.

Dabei gibt es vergleichbare Fälle genug – manche werden zu Weltnachrichten, wie die Fälle der 24 Jahre in einem Keller eingesperrten Elisabeth Fritzl oder Natascha Kampusch oder der Fall Ariel Castro, der in Cleveland, Ohio, drei Frauen als Sexsklavinnen hielt. In England wurde erst im Oktober der 84-jährige Ilyas Ashar verurteilt, weil er ein taubstummes pakistanisches Kind fast zehn Jahre in seinem Haus in Salford festgehalten und regelmäßig missbraucht hatte.

Im September gab es drei weitere Verhaftungen im Fall eines „Sklavenhalterrings“, der in einem Lager irischer Landfahrer bei Cardiff aufgedeckt wurde, als die Polizei ein 43-jähriges Opfer mit zerrissenen Kleidern und ausgeschlagenen Zähnen aufgriff. Er und andere wurden über zehn Jahre brutal wie leibeigene Sklaven als Zwangsarbeiter eingesetzt. Aber die meisten Fälle sind weniger spektakulär und passieren buchstäblich unter unseren Augen. Nur, so der konservative Londoner Politiker Andrew Boff, „ist die moderne Gesellschaft der Sklaverei gegenüber blind“. Boff legte in der Londoner Stadtverwaltung einen Bericht über Sklaverei und Human Trafficking in London vor. Ihm zufolge werden fast 40 Prozent aller Menschenhandel- und Sklavereivergehen in London verübt – mit einer minimalen Aufklärungsquote von nur neun Prozent.

Der Fall wirft ein Licht auf viele Formen der modernen Sklaverei

Überschrieben ist der Bericht „Shadow City“ – Schattenstadt. Darin heißt es, dass viele moderne Lebensaktivitäten von Formen des Menschenhandels und der Zwangsarbeit abhängen – nicht nur in Textilfabriken in Bangladesch. „Wenn ein irischer oder osteuropäischer Landfahrer oder Roma bei Ihnen an die Tür klopft und Billigstarbeit anbietet, wenn Sie sich in einer vietnamesischen ’Nagelbar’ maniküren lassen, wenn Sie in einem billigen chinesischen oder indischen Restaurant essen, wenn Sie Cannabis rauchen, wenn Sie lateinamerikanische Reinigungsfrauen in einem Hotel sehen oder mit afrikanischen Kindern zu tun haben, die die Schule schwänzen – dann ist es wahrscheinlich, dass Sie mit Opfern von Menschenhändlern zu tun hatten oder von ihnen profitierten“.

Eine andere Wohlfahrtsorganisation, „Eaves for Women“, warf jüngst ein Licht auf den Zustrom rumänischer Prostituierten in London. „Die Mehrheit“ seien Opfer von Menschenhändlern und würden von organisierten Banden kontrolliert. Nach dem vom Londoner Bürgermeister angeforderte Bericht wurden 2011 allein in London 2077 potenzielle Opfer von Menschenhandel identifiziert. Solche Berichte und die laut Innenministerin Theresa May „schockierend wenigen“ Strafverfahren gegen die Schuldigen haben dazu geführt, dass das erst 2010 verabschiedete „Gesetz über die moderne Sklaverei“ im nächsten Jahr verschärft wird. Unter anderem soll ein Regierungsbeauftragter mit regelmäßigen Berichten für mehr Effizienz und Koordination sorgen.

Für die drei Frauen aus Lambeth und viele andere, unbekannte in ähnlicher Situation, kommt das zu spät. Sie sei nicht überrascht, dass so etwas in London passieren könne, sagte Aneeta Prem. „Wer von uns weiß, was sich hinter der nächsten Haustür abspielt.“ Die Befreiung der drei Frauen sei für sie eine bewegende Erfahrung gewesen. „Sie alle umarmten mich, und abgesehen davon, dass sie furchtbar weinten, dankten sie Freedom, dass wir ihr Leben gerettet haben. Nun werden wir ihnen bei ihrem schwierigen Weg in die Zukunft helfen.“

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