Mordserie in Hessen : Das Doppelleben des Manfred S.

Den Verdächtigen Manfred S. können die Fahnder nicht mehr befragen. Sein privates Umfeld ahnte nichts von einem Doppelleben. Daher suchen die hessischen Ermittler nach Zeugen für die dunkle „andere Seite“ des 67-Jährigen.

Den mutmaßliche Serienmörder Manfred S. in den 60iger Jahren.
Den mutmaßliche Serienmörder Manfred S. in den 60iger Jahren.Foto: Polizei Hessen/dpa

Es sind noch viele Fragen offen, doch vieles deutet darauf hin, dass der 2014 verstorbene Manfred S. aus Schwalbach für zehn Morde verantwortlich sein könnte. Sechs Taten stünden mit dem Hessen in engem Zusammenhang. Hinzu kämen mindestens vier weitere Fälle in der Region, die zumindest einzelne Ähnlichkeiten aufwiesen, erklärte die Polizei.

Als Reaktion auf ihren großen Zeugenaufruf am Donnerstag haben die Ermittler erste „möglicherweise erfolgversprechende“ Hinweise erhalten. Eine heiße Spur sei jedoch bislang nicht dabei, sagte der leitende Ermittler der Sonderkommission „Alaska“, Frank Herrmann, am Freitag. Es gebe Hinweise, die „einigermaßen konkret“ seien.

Die Polizei sucht nach Zeugen, die den 2014 Verstorbenen während seiner Zeit bei der Bundeswehr oder aus dem Berufsleben als Gärtner und Entrümpler gekannt haben. Interessant seien auch Bekanntschaften, die Manfred S. während eines Aufenthaltes in einer Entzugsklinik im Odenwald gemacht hat, erklärte der leitende Soko-Ermittler Herrmann. Dort hätte Manfred S. sich wegen seines Alkoholproblems behandeln lassen.

Die Vernehmungen aus dem persönlichen Umfeld des 67-Jährigen hätten nahezu nichts ergeben, da er wahrscheinlich ein perfektes Doppelleben geführt habe, sagte Herrmann. „Wir wollen und müssen jetzt Leute finden, die möglicherweise die andere Seite im Leben von Manfred S. kennen und nicht die Heile-Welt-Seite.“

Denkbar sei etwa, dass sich Frauen meldeten, die als Prostituierte mit ihm in Kontakt kamen - aber eventuell gar nicht ahnten, in welcher Gefahr sie sind. „Wir gehen davon aus, dass es bei all diesen Fällen zumindest ein überlebendes Opfer gibt“, sagte der Ermittler.

Auf die Spur von Manfred S. waren die Ermittler im September 2014 gekommen. In einer Schwalbacher Garage war die zerstückelte Leiche einer Prostituierten aus Frankfurt gefunden worden. Die Garage gehörte einem Rentner, der kurz zuvor gestorben war. Beim Ausräumen fanden seine Verwandten in zwei blauen Plastikfässern einige Leichenteile. Die Polizei geht davon aus, dass der Rentner für den Tod der Frau verantwortlich war.

Während der Ermittlungen begann die Polizei, den Tathergang mit anderen ungelösten Mordfällen in der Region zu vergleichen. Jetzt zeigt sich: Die Schwalbacher Tat ähnelt vier Morden an Prostituierten in Frankfurt aus den Jahren 1971, 1991 und 1993, die nie aufgeklärt werden konnten.

Beamte des Hessischen Landeskriminalamtes verlassen am 11.09.2014 in Schwalbach am Taunus (Hessen) einen Fundort, an dem Leichenteile entdeckt worden sind.
Beamte des Hessischen Landeskriminalamtes verlassen am 11.09.2014 in Schwalbach am Taunus (Hessen) einen Fundort, an dem...Foto: dpa

Einer der spektakulärsten Fälle der letzten Jahrzehnte in Frankfurt – die Ermordung des 13-jährigen Tristan im Jahr 1998 – sieht die Polizei ebenfalls in der Reihe. Als Schüler passe er zwar nicht ins Muster der Opfer. Doch die Verstümmelungen der Leiche seien sehr ähnlich.

„Die Spurenlage ist schwierig“, räumt Herrmann ein. Ermittelt wird weit über den Aktionskreis von Manfred S., dessen so unauffälligen Lebenslauf die Ermittler bis ins kleinste Detail durchforstet haben. Serienmörder beschränkten sich aber in der Regel auf ihre Region, sagt der Ermittler. Wieso zwischen den Morden so große zeitliche Abstände liegen, da hat er auch keine richtige Antwort.

Die vermutlichen Opfer waren – bis auf die Ausnahme von Tristan – Frauen. Oft Drogenabhängige, die sich in ihre Not auf dem Strich im Frankfurter Bahnhofsviertel verdingten. Bei zwei Fällen Anfang der 70er geht es um zwei Frauen aus einem Frankfurter Altenheim, die Manfred S. dort als Entrümpler getroffen haben könnte.

Die Leichen der Opfer wurden furchtbar zugerichtet und verstümmelt. Auch das in der Garage gefundene Opfer Britta D. Manfred S. soll die Prostituierte etwa 2004 ermordet haben – möglicherweise auch nicht allein. Anregung für seine Taten hat er sich den Ermittlern zufolge auch aus dem Internet geholt. Auf dem Computer seien Dateien gefunden worden, die „fast eins zu eins“ auf die Morde passten. Es soll sich dabei um eine Form von Comics gehandelt haben, wie Herrmann andeutet.

Viele Fragen zu Manfred S. werden wegen seines Tode wohl nie beantwortet werden können. „Insoweit bleibt es hier für immer bei dem bereits genannten Tatverdacht“, sagt Hessens LKA-Chefin Sabine Thurau. Mord verjähre zwar nie. Aber die Unschuldsvermutung gelte auch in diesem Fall „über den Tod hinaus“. (dpa)

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