Pakistan : Säure-Opfer springt in den Tod

Ihr Fall sorgte weltweit für Aufsehen: Zwölf Jahre lang litt Fakhra Younus unter ihrem Gesicht, das von einem Säureanschlag entstellt wurde. An die 40 Operationen ließ die Pakistanerin über sich ergehen. Am 17. März setzte sie ihrem Leiden ein Ende.

Pakistaner tragen den Sarg von Fakhra Younus am Flughafen von Karachi. Fakhras Ehemann, ein einflussreicher Politiker, hatte sie vor zwölf Jahren mit Säure übergossen.
Pakistaner tragen den Sarg von Fakhra Younus am Flughafen von Karachi. Fakhras Ehemann, ein einflussreicher Politiker, hatte sie...Foto: dapd

An die 40 Operationen hatte Fakhra Younus zur Wiederherstellung ihres entsetzlich entstellten Äußeren durchgestanden, über ein Jahrzehnt lang immer wieder. Dann nahm sie sich das Leben. Am 17. März stürzte sich die junge Frau aus Pakistan in Rom, wo sie all die Jahre behandelt worden war, aus dem sechsten Stock. Ihr Ex-Mann, ein Politiker aus einflussreicher Familie, streitet bis heute ab, sie mit Säure übergossen zu haben.

Ihr Selbstmord und die Überführung ihres Leichnams vorigen Sonntag in die Heimat ließen in Pakistan die Empörung über den Fall wieder aufflammen, der seinerzeit international Aufsehen erregt hatte. Keinen Monat vor dem Tod der 33-Jährigen war ein pakistanischer Dokumentarfilm über die Opfer von Säureangriffen mit dem Oscar ausgezeichnet worden, dem ersten für das Land.

Younus' Fall führt nicht nur das Leid vieler Frauen in Pakistan vor Augen; er verdeutlicht auch, wie die Reichen und Mächtigen dort ungestraft agieren können. Ihr damaliger Ehemann Bilal Khar, ein ehemaliger Abgeordneter und Sohn eines Landespolitikers, wurde zwar freigesprochen. Doch viele glauben, dass er sich nur dank seiner politischen Verbindungen dem Gesetz entziehen konnte - nichts Ungewöhnliches in Pakistan.

Mehr als 8.500 Säureattentate, Zwangsehen und andere Formen der Gewalt gegen Frauen wurden nach Angaben der Aurat-Stiftung 2011 dort gemeldet. Doch weil sich die Frauenrechtsorganisation vorwiegend auf Medienberichte stützt, dürften es in Wirklichkeit viel mehr gewesen sein. „Das Traurigste ist, dass sie begriffen hat, dass das System in Pakistan ihr niemals Hilfe oder Wiedergutmachung zuteil werden lassen würde“, sagt Nayyar Shabana Kiyani von der Aurat-Stiftung. „Sie war zutiefst enttäuscht, dass ihr keine Gerechtigkeit widerfuhr.“

Als blutjunge Tänzerin im Rotlichtviertel von Karachi hatte Younus ihren späteren Mann kennengelernt, den Sohn des ehemaligen Gouverneurs Ghulam Mustafa Khar. Er war damals Mitte 30, für ihn war es die dritte Ehe. Nach drei Jahren verließ sie ihn, weil er sie nach ihren Angaben körperlich und seelisch misshandelte. Im Mai 2000 kam er ihren Angaben zufolge ins Haus ihrer Mutter und übergoss sie - in Anwesenheit ihres fünfjährigen Sohnes aus einer anderen Beziehung - im Schlaf mit Säure.

Die Ex-Frau Ghulam Mustafa Khars und Stiefmutter seines Sohnes, Tehmina Durrani, nahm sich ihrer an, brachte den Fall an die Öffentlichkeit und sorgte gegen Widerstände dafür, dass sie in Italien auf Staatskosten behandelt werden und leben konnte. So schwere Verletzungen wie die Younus' habe sie noch bei keinem anderen Säureopfer gesehen, sagte Durrani, die in einem Buch ihr eigenes Leid als Frau des Ex-Gouverneurs geschildert hat. „So oft dachten wir, sie überlebt die Nacht nicht, weil ihre Nase geschmolzen war und sie nicht atmen konnte“, berichtete sie. „Wir steckten ihr einen Strohhalm in das bisschen Mund, das sie noch hatte, weil der Rest ganz zusammengebacken war.“ Younus habe immer schon ein schweres Leben gehabt und sei nun ihrer Familie vom Verdiener zur Last geworden. „Ihr Leben war trockener harter Fels, auf dem nichts blühte“, schrieb sie nach dem Tod der jungen Frau in einer Kolumne.

Younus' Ex-Mann stammt aus ganz anderen Verhältnissen, aus der reichen und mächtigen feudalen Oberschicht. Außenministerin Hina Rabbani Khar ist eine Cousine. Nach dem Selbstmord bekräftigte Bilal Khar in einem Fernsehinterview, er habe den Säureangriff nicht begangen, und deutete an, es sei ein anderer Mann gleichen Namens gewesen. Younus habe sich nicht wegen ihrer schrecklichen Verletzungen umgebracht, sondern weil sie kein Geld gehabt habe, behauptete er und warf den Medien vor, dass sie ihn mit der Sache nicht in Ruhe ließen. „Ihr Leute solltet ein bisschen rücksichtsvoll sein“, sagte Khar. „Ich habe drei Töchter, und wenn sie zur Schule gehen, werden sie gepiesackt.“

In einem ihrer letzten Interviews klagte Younus im Februar darüber, wie brutal die Mächtigen in Pakistan normale Bürger behandelten und „nicht merken, wie leidvoll sie den anderen das Leben machen“. Solche Menschen sollten genau so behandelt werden wie diejenigen, deren Leben sie ruinierten, sagte sie Geo TV. Als die pakistanische Regierung voriges Jahr neue Gesetze in Kraft setzte, die Säureattentate ausdrücklich unter Strafe stellten und eine Mindeststrafe von 14 Jahren für verurteilte Täter vorschrieben, habe Younus neuen Mut gefasst, berichtete Durrani. Sie habe gehofft, wenn sie gesundheitlich stabiler sei, heimkehren und Gerechtigkeit fordern zu können. „Sie sagte: 'Wenn ich zurückkomme, werde ich den Fall wieder aufrollen und ich werde selbst kämpfen.' Und sie war eine Kämpferin“, sagte Durrani. Der Oscar für Sharmeen Obaid-Chinois Dokumentarfilm über Säureopfer habe Younus gefreut, sagte Durrani weiter. Weil sie selbst darin aber nicht vorkam, habe sie befürchtet, dass man sie vergessen habe. (dapd)

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