Welt : Phantombild von Jesus: Sieht so Gottes Sohn aus?

Hendrik Bebber

Sieht so sein wahres Gesicht aus? Wissenschaftler haben jetzt im Auftrag der BBC ein Gesicht rekonstruiert, das Jesus Christus sehr ähnlich sein soll. Der britische Fernsehsender hatte eine 4,5 Millionen Mark teure Dokumentation in Auftrag gegeben, die am Wochenende ausgestrahlt werden soll.

Jetzt gab die BBC das Bild zur Veröffentlichung frei und hat damit nicht nur in Großbritannien einen großen Wirbel entfacht.

Es will so gar nicht zu Darstellungen passen, die uns aus der Kunstgeschichte, Kitschpostkarten und Spielfilmen bekannt sind. Das Bild zeigt einen breiten Kopf mit einer dunklen Haut, eher gröberen Gesichtszügen und kürzeren schwarzen Wuschelhaaren. Außerdem trägt der Mann einen kurzen Bart. Grundlage der Rekonstruktion ist ein Schädel aus dem ersten Jahrhundert, der kürzlich in Jerusalem entdeckt worden war. Die Knochenmaße wurden in einen Computer eingegeben, die dann dem Gesicht "Fleisch gaben". Diese Methode wird heute häufig in der Gerichtsmedizin angewendet, um unbekannte Opfer zu identifizieren. Nach dem Computermodell fertigte der Forensische Rekonstruktionsexperte Richard Neave von der Universität Manchester eine Gipsbüste an. Die BBC-Dokumentaristen glauben, dass ihr Jesus mit der historischen Figur sicher mehr Ähnlichkeit hat, als die idealisierte Darstellung die sein Bild seit der Renaissance bestimmt.

Die Hautfarbe wurde nach letzten Erkenntnissen über die klimatischen Verhältnisse zu dieser Zeit bestimmt. Fresken jüdischer Propheten in syrischen Synagogen boten eine Grundlage, um zu beurteilen, welche Mode bei Haarschnitt und Bart damals gang und gäbe waren. Dabei ist auffallend, dass sowohl Haare als auch Bart kurz sind.

Die Wissenschaftler behaupten nicht, dass es sich um ein Abbild Jesu handelt. Aber sie sagen, dass Männer wie Jesus in der damaligen Zeit an diesem Ort etwa so wie auf dem Bild aussahen. Es sieht auch gar nicht aus wie die Darstellung auf dem angeblichen Grabtuch Christi, das in Turin liegt. Auch dort ist ein Gesicht abgebildet, das sehr schmal und von seinem Typus her ganz anders aussieht. Freilich haben sich die Menschen ihren Christus schon immer nach dem eigenen Bilde geschaffen. Bei den ersten römischen Christen war er ein vornehmer, glattrasierter Aristokrat. Die Byzantiner verliehen ihm den Bart und seit der Renaissance hat sich das oft süßlich verklärte Bild eines Asketen durchgesetzt. So stark ist das Interesse an dem "wahren" Jesus, das letztes Jahr über tausend Künstler aus aller Welt sich an dem Wettbewerb einer katholischen Zeitschrift in den USA beteiligten. Sieger wurde ein dunkelhäutiger Jesus mit recht weiblichen Gesichtszügen. Der rustikale Jesus der BBC wird wohl mehr Verwunderung als Proteste hervorrufen. Das war erst letzten Monat der Fall, als der neue Oberbürgermeister New Yorks Rudolph Giuliani eine Fotomontage zum "Abendmahl" im Museum von Brooklyn verdammte. Sie zeigte Jesus als nackte afroamerikanische Frau. Die Künstlerin Renee Cox verteidigte sich mit der Frage: "Warum nur kann Christus keine Frau sein? Wir sind schließlich die Spenderinnen des Lebens."

Ob rauer Kumpel oder nackte Frau, so haben Theologen schon lange festgestellt, Ansichten über den historischen Jesus sind für den Glauben an den Erlöser völlig nebensächlich.

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