Sidi Bou Said -Tunesien schönstes Dorf

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100 Jahre Tunisreise : Mitten ins Märchen
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Blick auf eine Moschee, 19124. Aquarell. Dieses Motiv stammt aus dem malerischen Dorf Sidi Bou Said, das seit mehr als 100 Jahren ein beliebter Künstlertreff ist.
Blick auf eine Moschee, 19124. Aquarell. Dieses Motiv stammt aus dem malerischen Dorf Sidi Bou Said, das seit mehr als 100 Jahren...Foto: Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe aus Privatbesitz

Viel Zeit haben die drei Malerfreunde nicht. Und so lassen sie sich von Dr. Jäggi mit dem Auto nach Sidi Bou Said fahren, jenem hübschen Dorf auf dem Bergrücken mit einem fantastischen Blick auf die Bucht von Tunis. Am gegenüberliegenden Ufer liegt Ezzahra, früher St. Germain, ein nobler Villenvorort von Tunis. Hier hatte Jäggi sein Landhaus, in dem die Künstler wohnten, weil sie dort mehr Platz für die Arbeit hatten. Am Horizont ist der Bergzug des Djebel Boukornine mit der charakteristischen Doppelspitze zu erkennen, der sich auf vielen Aquarellen von August Macke findet.

Aus Sidi Bou Said stammt wohl eines der berühmtesten Aquarelle des Malers: „Blick auf eine Moschee“. Eine weiße Treppe führt hinauf zu einer schwarz-weiß eingefassten Tür unter einer blauen Veranda, darüber thront das viereckige Minarett. Heute ist dies eine Wallfahrtsstätte für Macke-Pilger, denn seit den fünfziger Jahren befindet sich hier das „Café des Nattes“. Die Treppe ist ständig so belagert wie die von Sacré Coeur auf dem Pariser Montmartre, und auch das Treiben in den kleinen Galerien und Souvenirläden erinnert an die dortige Place du Tertre. Baron Erlanger hatte sich in diesem Ort 1912 einen Palast gebaut, internationale Künstler eingeladen und dafür gesorgt, dass das Dorf unter Denkmalschutz gestellt wurde. „Damals muss es hier sehr ruhig gewesen sein, man traf mal einen Esel, ein Schaf, ein paar Leute. Ich habe alte Postkarten aus der Zeit“, erzählt Fremdenführer Ibrahim.

Sidi Bou Said heute - in dem Vorraum oben hinter der Terrasse befindet sich seit den fünfziger Jahren das Café des Nattes. Im Hintergrund das Minarett der Moschee.
Sidi Bou Said heute - in dem Vorraum oben hinter der Terrasse befindet sich seit den fünfziger Jahren das Café des Nattes. Im...Foto: Rolf Brockschmidt

Auch August Macke hat fotografiert, wenn auch nicht in Sidi Bou Said. Mehr als 50 Motive, nach denen er gemalt hat, sind erhalten. In der namhaften Galerie Cherif Fine Art, in einer Seitengasse etwas weiter unten im Dorf (20rue de la république), werden seine und andere Fotos vom 30. Mai an (bis 30. Juni) ausgestellt.

Am Karfreitag 1914 brechen die Malerfreunde nach St.Germain auf, um im Landhaus von Jäggi zu arbeiten. Hier sind sie von der Farbenpracht der Vegetation, des Meeres und der Berge fasziniert. „Dann eine Kalkwand des Esszimmers bemalt. August gleich ins Format, eine ganze Szene, Esel und Treiber usw. Ich begnüge mich mit zwei kleinen Gebilden in den Ecken, die ich abschloss“, notiert Klee in seinem Tagebuch am 11.April.

Wer heute nach Ezzahra reist, ahnt, dass dies einst ein mondäner Vorort von Tunis war. Das Haus des Dr. Jäggi steht noch, ist aber unzugänglich. Das Tor ist zugemauert. Die Strandpromenade hat der Sturm weggerissen, viel Müll liegt herum. „Das Haus steht schon jahrelang leer“, erzählt ein Nachbar, der keine Ahnung hat, wer hier einst wohnte. Er führt uns auf das Nachbargrundstück. Ein Blick über die Mauer – und man erkennt das Gartenhäuschen, das Macke gemalt hat. Wer den verwilderten Garten und die Berge im Hintergrund sieht, versteht die Ortsangabe „St.Germain“ in den Bildtiteln.

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