Adria : Am Hafen von Leonardo da Vinci

Italiens Ostküste bietet lange Strände für Partys. Wer Geschichte sucht, fährt zum charmanten Fischerort Cesenatico.

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Stehenbleiben und schwelgen. Leonardo da Vinci entwarf zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Hafenkanal von Cesenatico als Ankerplatz für das landeinwärts gelegene Cesena.
Stehenbleiben und schwelgen. Leonardo da Vinci entwarf zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Hafenkanal von Cesenatico als Ankerplatz...Foto: Stefanie Bisping

Drei Frauen sitzen im Auditorium der kalten Auktionshalle. Und 30 Männer. Die Wände zieren historische Segler von Cesenaticos alteingesessenen Fischerfamilien. „Rauchen, Spucken, Trinken, Essen verboten“, mahnt ein Schild. Ein Schriftband über dem Stand des Auktionators, in der Gabriele Teodorani den Fang der Nacht versteigert, zeigt den Namen des Fischs und den Preis pro Kilo an. Während die Ware über ein Transportband läuft, sinkt der Preis in Sekunden in Zehn-, Zwanzig- oder Fünfundzwanzig-Cent-Schritten – je nachdem, ob Tintenfisch, Seebarbe oder Garnelen in den Stiegen liegen.

Ein Blick, ein Knopfdruck. Wer zögert, verliert die Ware an einen anderen Händler oder Küchenchef. Blitzschnell und unter einigem Geschrei ist jede Kiste verkauft. Der Computer weiß, wer bei der Bank keinen Kredit mehr hat. Die rote Lampe, die den Verkauf signalisiert, leuchtet beim Knopfdruck des Einkäufers gar nicht erst auf, wenn der mit Zahlungen im Rückstand ist.

Seit 30 Jahren verkauft Gabriele Teodorani im „Mercato Ittico“ den Fang von Cesenaticos Fischern. Zwischen 700 und 800 Kisten rollen täglich übers Band, nach der 40-tägigen Schonzeit des Hochsommers sind es dann doppelt so viele. Trotz dieser ansehnlichen Menge hat sich die Fischerei an der nördlichen Adria verändert. „In meiner Kindheit lebten 700 Fischer in Cesenatico, heute sind es noch 70“, sagt Gabriele.

In den sechziger und siebziger Jahren hatten die Fischer kleinere und langsamere Boote. „Nun sind die Boote schneller, aber es gibt weniger Fisch.“ Immer weiter müssen die Männer in die überfischte Adria hinausfahren, wenn sie ihren Lebensunterhalt sichern wollen.

Morgens aufs Meer, nachmittags an den Strand

Es ist nicht die einzige Unwägbarkeit ihres Berufs. Im Winter können sie bei Nebel oder Sturm oft tagelang nicht arbeiten und verdienen nichts. Stimmt das Wetter, stehen sie mitten in der Nacht auf oder fahren schon am Abend hinaus. Wer größere Fische oder Kaisergranat fangen will, hier die teuersten Meeresfrüchte, muss sich mindestens zwölf Seemeilen vom Hafen entfernen. Schon um Treibstoff zu sparen, bleiben die Fischer dann gleich zwei Tage auf dem Meer. Auch deshalb verlegen sich viele auf Miesmuscheln, die an Pfählen gezüchtet werden.

So wie Paolo Polini, der sein Geld jahrzehntelang als Fischer verdiente. „Vor 30 Jahren bin ich um drei, vier Uhr morgens raus und war mittags wieder im Hafen“, sagt Paolo. „Heute fahren die Jungs schon abends um 18 Uhr.“ Als sich vor acht Jahren die Gelegenheit bot, eine Konzession für Miesmuschelzucht zu übernehmen, schlug er zu. Jetzt fährt er bei Sonnenaufgang aufs Meer, kommt mittags zurück und ist nachmittags am Strand.

Sein Schiff „Marina Blu“ liegt im Hafenkanal von Cesenatico, jener ebenso schmucken wie sinnigen Konstruktion, die der große Leonardo da Vinci Anfang des 16. Jahrhunderts als Ankerplatz für das landeinwärts gelegene Cesena entwarf. Noch heute wird der Kanal nach dem von da Vinci ersonnenen Verfahren entsandet. Am Kanalende liegen die historischen Schiffe des maritimen Museums im Wasser, ihre bunten Segel blähen sich unter blauem Himmel vor pastellfarbenen Fischerhäusern.

Der Hafen ist immer belebt

In der Pescaria, der 1911 erbauten und 60 Jahre später restaurierten Markthalle für Fisch, kaufen die Bürger Cesenaticos Tintenfisch, Seezunge, Mies- und Venusmuscheln fürs Abendessen. Gleich dahinter verströmt auf der Piazzetta delle Conserve neben steinernen Eisbecken, in denen die Fischer einst ihren Fang frisch hielten, ein Obstmarkt den Duft reifer Pfirsiche und frisch aufgeschnittener Wassermelonen. Hier wirkt Cesenatico so dörflich, als gäbe es den endlosen Strand nicht, in dessen Schatten am ganzen Küstenabschnitt ungezählte Hotels, Restaurants, Eisdielen und Boutiquen entstanden sind.

26 000 Menschen leben in Cesenatico, die bekanntesten sind der Dramatiker und Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo sowie der Regisseur und Oscar-Preisträger Roberto Benigni. Im Sommer vervierfacht sich die Einwohnerzahl. Doch auch im Winter ist Cesenatico weder trüb noch trostlos. Der Hafen ist immer belebt, und am Wochenende strömen die Bewohner des Hinterlands in die Fischrestaurants.

An der Ausfahrt des Hafens, auf der Piazza Spose Marinai, dem Platz der Fischerfrauen, steht die Skulptur „La Mà“ des Bildhauers Quinto Pagliarani. Diese Mutter blickt mit ihren Kindern aufs Meer hinaus, so wie die Frauen der Fischer hier immer schon nach ihren Männern Ausschau hielten. Ihre Boote erkannten sie an den farbigen Segeln.

Funkelnde Lobby, luxuriöse Zimmer

Cesenatico, das in den sechziger Jahren deutschen Urlaubern zum Inbegriff sommerlicher Badefreuden wurde, ist im Herzen ein Fischerort geblieben. Würde die „Madre“ nach rechts blicken, sähe sie den breiten Strand, der sich bis zum Horizont streckt. Nur die Silhouette des 1958 vollendeten Wohnturms, mit einer Höhe von 118 Metern war der „Grattacielo di Cesenatico“ seinerzeit das höchste Gebäude Italiens, stört die natürliche Pracht.

Neben der Hafenausfahrt erhebt sich eins der beiden Luxushotels der Stadt. Nach Niedergang und Leerstand wurde das „Grand Hotel da Vinci“ 2013 als erstes Fünf-Sterne-Haus am Platz zu neuem Leben erweckt. In den achtziger Jahren war eine kaufmännische Schule in dem von zwei Villen gerahmten Gebäude untergebracht, später wurde es als Ausstellungsfläche genutzt und schließlich wegen Baufälligkeit geschlossen – eine Wunde im schönsten Teil der Stadt.

Dann kam Antonio Batani, legendärer Hotelier der Emilia Romagna und Inhaber etlicher Hotels an der nördlichen Adria. 2007 hatte er das Grand Hotel in Rimini gekauft und zu neuem Ruhm geführt. Nun nahm er sich seines Pendants in Cesenatico an. Die weiße, von Pinien flankierte Fassade, eine funkelnde Lobby, schwelgerisch gestaltete Zimmer und der Strand, an dem viel freie Fläche zwischen milchkaffeefarbenen Liegen adriatypisches Sonnenbaden in Sardinenanordnung neu interpretiert, sollen an den frühen Glanz anknüpfen – und die Deutschen nach Cesenatico zurücklocken, derer sich Batani als treue Gäste der Gründerjahre gerne erinnert.

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