TIPPS FÜRS PIEMONT : Im Zickzack zum Weiler

Die Jugend suchte ihr Glück anderswo, nur die Alten blieben in den Dörfern der Cottischen Alpen. Ein Wegenetz für Wanderer gibt neue Hoffnung.

Bettina Bermbach,Björn Marzahn

An Matteo Laugero führt kein Weg vorbei. Denn der 80-jährige Piemonteser lebt in Palent, mitten im Maira-Tal auf 1400 Höhenmeter unterhalb des Monte Buch. Und durch dieses Dorf, in dem er in einem der grauen Steinhäuser wohnt, muss jeder, der durchs Valle Maira wandert. In dem Bergweiler, der einmal 500 Menschen Heimat war, wohnt außer den beiden niemand mehr. Nur Matteo, der Gastwirt, lange Zeit Präsident des Wanderwegenetzes Percorsi Occitani, der Heimkehrer, der Patriot. Der Dorfwächter. Und seine Frau Victoria.

Die Geschichte, die Matteo über Palent erzählt, ist auch die Geschichte der neueren Zeit und der Bewohner der Cottischen Alpen. Die Jungen sind fort, auf der Suche nach Arbeit in Turin, Mailand oder sonst wo in Europa. „Die Verwaisung vieler mairischer Dörfer ist auch eine Folge der Erbteilung“, sagt Matteo. Jedes Kind bekam gleich viel. Die Ackerflächen wurden immer kleiner, lagen oft weit von einander entfernt. „Die strikte Teilung führte sogar dazu, dass die Äste eines Kastanienbaumes mitunter verschiedenen Familien gehörte.“ Das schließe eine ökonomische Feldarbeit aus. „Verkaufen geht oft auch nicht, weil die Grundstücke viel zu parzelliert sind“, sagt Matteo.

So blieb der Tourismus: Im Valle Maira wurden die Percorsi Occitani angelegt, ein Netz von gut gepflegten und markierten Wanderwegen durch das eindrucksvolle Tal und über einige seiner imposanten Gipfel. Die Percorsi umfassen wahlweise sechs, neun oder fünfzehn Etappen und sind eine Initiative von Hüttenwirten wie Matteo, aber vor allem von Maria Schneider und ihrem Mann Andrea. Die Kölnerin und der Österreicher kamen 1982 in das abgelegene Tal, gründeten das Kulturzentrum Borgata in San Martino, boten zunächst Italienischkurse an und bauten gemeinsam mit den einheimischen Gastronomen das 1992 eröffnete Wegenetz aus.

Einen Rundwanderweg kann man überall beginnen. Doch es macht Sinn, die Reise im Posto Tappa von Maria Schneider in San Martino zu starten. Schon wegen der talweit gerühmten Küche, der herrlichen Balkonzimmer mit Ausblick auf das Gebirge und der herzlichen Einweisung auf die kommende Wanderung.

Die erste Etappe nach Elva entspricht mit drei Stunden langsamer Gehzeit dem empfohlenen „Einlaufen“, beschwert nur mit einem Tagesrucksack, denn das Gepäck wird in den kommenden Tagen zuverlässig vom „Sherpa-Bus“ zur nächsten Hütte transportiert. Jeden Morgen bereiten die Wirte Lunchpakete für das Gipfelpicknick. Brot, Käse, Schinken, ein Müsliriegel und ein Tetra-Pack Pfirsichsaft.

Die Percorsi sind keine Wege für Kraxler oder Klettersteigler. Sie führen schmal und im Zickzack durch Lärchenwälder, vorbei an Farnen und Erikawiesen, oberhalb der Baumgrenze entlang steiniger Grate. Die Tagesetappen betragen zwischen fünf, sechs, vielleicht auch sieben Gehstunden. Der höchste zu bewältigende Bergrücken, der Colle d’Enchiausa, liegt auf 2740 Metern Höhe. Aber der Wanderer wird für diese Anstrengungen mit Bergpanoramen beschenkt und mit piemonteser Mahlzeiten auf den Hütten belohnt.

Aufgrund der kurzen ersten Etappe bleibt in Elva Zeit für eine Besichtigung der Kapelle. Die Santa Maria Assunta zählt allerdings mit ihrem erhaltenen Freskenzyklus aus dem 15. Jahrhundert, dem Hauptwerk des niederländischen Wandermalers Hans Clemer, zu den bekanntesten Kirchen Norditaliens.

Der Schlafsaal des Posto Tappa ist karg, das Abendessen im Restaurant umso feudaler. Luftgetrocknete Salami, marinierter Fisch mit rotem Pfeffer, Quiche mit Wildspinat, hausgemachte Ricotta-Ravioli mit getrockneten Tomaten und Blaubeeren, Kaninchenragout in Polentakruste mit Wacholder, dazu passt der piemontesische trockene Dolcetto, den es nur selten in Deutschland zu kaufen gibt.

Die nächsten Wandertage werden anspruchsvoller, sind aber auch für ungeübte Wanderer problemlos zu bewältigen. Die Percorsi sind sehr gut markiert, zu keinem Zeitpunkt gibt es Orientierungsprobleme. Selbst bei Nebel oder Regen sind die gelben Rechtecke immer wieder zu entdecken. An den vielen Brunnen kann die Wasserflasche mit klarem, eiskaltem Bergwasser aufgefüllt werden.

Das Maira-Tal ist noch das ursprünglichste und am wenigsten besuchte unter den Westalpentälern. Deutsche, italienische und vor allem französische Wanderer nutzen in der Saison von April bis Oktober das Wegenetz der Percorsi. In den Posti Tappa übernachten während eines Sommers vielleicht 150 bis 200 Wanderer, das heißt, pro Tag und Etappe sind im Schnitt also eine bis zwei Personen unterwegs. Das klingt nicht viel – und dennoch sind die Percorsi Occitani eine Erfolgsgeschichte. Hüttenwirte, die vor Jahren zur Teilnahme aufgefordert wurden und ablehnten, buhlen jetzt um die Aufnahme. „Es gibt eine Warteliste“, sagt Maria Schneider. Die meisten Hütten bieten auch Einzelzimmer an. Wer das wünscht, bittet den Wirt, im Gasthaus der nächsten Etappe telefonisch danach zu fragen. Doch das ist selbst in der Hochsaison kaum notwendig, oft übernachtet man alleine in den Gemeinschaftsschlafsälen.

Es folgen die Etappenziele Ussolo (dort am Abend auf jeden Fall die Pizza wählen, wegen der viele Einheimische aus den umliegenden Dörfern extra anreisen) und Ponte Maira. Dort gibt es eine vorzügliche Auswahl von Flaschenweinen aus dem Piemont zwischen elf und zwanzig Euro, dazu Tagliatelle in Salbeibutter und Forellen aus der Maira ...

Im Posto Tappa von Chialvetta ist Rolando Comba Chef und kocht für seine Gäste an diesem Abend Spirelle mit Zucchini. Comba stammt aus dem Dorf und ging hier zur – längst geschlossenen – Schule. Sein Posto ist der am meisten frequentierte Etappenort der Reise. Hier begegnen sich die Tagesetappen- und Rundwegwanderer, die tagsüber allein in den Bergen unterwegs waren. Denn in Chialvetta, 1485 Meter hoch gelegen, trifft der GTA (Grande Traversata delle Alpi) – der Transalpine Wanderweg, der vom Wallis bis fast ans Mittelmeer führt – auf die Percorsi Occitani. Und so hat Comba sein Auskommen gefunden.

Die Posti Tappa, der Begriff ist eine mairische Eigenkreation aus dem Wort „Poste d’Etappe“, gleichen sich nur in der herzlichen Freundlichkeit ihrer Wirtsleute. Die Gasthäuser, Zimmer, die Hoch- und Stellbetten, die Schlafräume, das Restaurant und die Küche könnten abwechslungsreicher nicht sein. Stets gepflegt, oft einfach, immer Teil des Weges. Aber da auch in Italien alles standardisiert sein muss, um vergleichbar zertifiziert und damit offiziell zu bewerben zu sein, sind die Posti Tappa so etwas wie eine anarchische Wanderer-Gasthauskette, in der ebenso individuell wie liebevoll das Beste gegeben wird.

Steil windet sich der Weg am nächsten Morgen in einem dreistündigen Aufstieg zum Colle Soleglio Bue (2337m) hinauf. Lärchenwald. Roter Klee und Enzian leuchten. Oberhalb der Baumgrenze liegen kleine Seen eingebettet in der Gebirgslandschaft. Am Gipfel auf 2600 Meter Höhe wird es kühl, der Wind pfeift. Der Windschatten eines Felsens ermöglicht dem Wanderer eine Rast mit Lunchpaket und majestätischem Ausblick: nach Norden auf das Valle Maira mit dem Monte Chersogno, im Süden auf die fast 3000 Meter hohen Gipfel, die das Vallone di Marmora einschließen. Den Abstieg nach Finello begleiten die hellen Pfiffe zahlreicher Murmeltiere, die erstaunlich flink auf den Felsen klettern. Neben der siebenstündigen Überquerung des Colle d’Enchiausa (2740 m) vom Vortag ist diese Etappe sicher eine der erlebnisreichsten des Weges.

Das „Lou Pitavin“ in Finello ist von seiner Hanglage, seiner auf Authentizität bedachten Renovierung, seiner überragenden Küche und seiner romantisch eingerichteten Zimmer ein Höhepunkt der Percorsi. Die meisten Gäste verbringen hier ihren gesamten Urlaub und starten von Finello aus zu Tagestouren. Viertel vor acht am Abend versammeln sich die Gäste zur „kulinarischen Andacht“, wie eine Französin meint. Serviert werden: Luftgetrocknete Salami mit Alpenbutter, Anchovis mit rotem und grünem Pesto, Zwiebelküchlein mit schaumiger Käsesoße und piemonteser Würstchen mit Paprikagemüse, dazu gibt es einen Dolcetto d’Alba.

Die vorletzte Etappe. Eine entspannende Fünfstundenstrecke nach der reichen Bewirtung am Abend. Kaum Auf- oder Abstiege, vielmehr folgen wir einem leichten Höhenweg, der sogenannten Strada Napoleonica, durch einsame Kastanien- und Eichenwälder bis nach Palent. Hier sitzen wir in der großen, gemütlichen Küche bei Matteo und Virginia, trinken seinen selbst gemachten Wildkräuterschnaps, den „Genepi“. „Das Heimweh hat mich und meine Frau hierher zurückgeführt“, sagt Matteo. Mit Virginia betrieb er einen gut gehenden Zeitungskiosk in Cuneo, der nächsten größeren Stadt, rund eine Stunde Autofahrt vom Tal entfernt. „Doch Mitte der achtziger Jahre, da war ich 50 und wollte heim in mein Dorf. Virginia rechnete mir an einer Hand vor, wer denn überhaupt noch in Palent lebe: fünf Menschen. Und das Dorf war immer noch ohne Strom. Der kam erst Anfang der 90er Jahre. Da lebten wir in Palent schon nur noch zu dritt.“

Früher hat Matteo noch versucht, das meiste in Ordnung zu halten. Aber ein ganzes Dorf ist für einen 80-Jährigen zu viel. „Ein Desaster“, sagt Matteo und deutet bei einem Rundgang durch den Weiler auf die zugewachsene Kapelle. Alle Wertgegenstände sind aus der Kirche verschwunden, aus dem Turm wächst ein Baum. Das Alter hindert Matteo aber nicht, mit großem Erfolg den „Genepi“ zu produzieren. Biologisch-dynamisch, nach Rudolf Steiner. Der Anbau ist mühsam, alles Handarbeit. Inzwischen wird der starke Kräuterschnaps nicht mehr nur in den guten Restaurants im Tal serviert, sondern auch in Cuneo und Turin.

Die letzte Etappe führt wieder nach San Martino: hinunter ins Tal, dann der Aufstieg nach Stroppo und von dort zu Maria Schneider. Vom großzügigen Balkon ihres Gästehauses genießen wir noch einmal den Blick auf die Alpen. Nun sehen wir mit anderen Augen: Was uns vor einer Woche noch als anonymes Bergmassiv erschien, ist jetzt vertraut. Wurde durchwandert, erobert, genossen.

ANREISE

Mit dem Auto (der Wagen kann in San Martino abgestellt werden) oder Anreise mit dem Flugzeug nach Turin (Lufthansa ab Berlin über Frankfurt am Main) oder Nizza (nonstop ab BER täglich mit Easyjet, sonnabends mit Lufthansa), dann weiter mit dem Zug bis Cuneo. Von dort fährt drei Mal täglich ein Bus ins Maira-Tal.

REISEZEIT

Der Natur sollte man noch etwas Zeit geben, vor Ende Mai ist ein Aufbruch kaum ratsam. Bis Ende Oktober reicht dann die angenehme Reisezeit.

VERANSTALTER

Der Reiseveranstalter Natours bietet zwei Varianten an, die sechstägige Tour für 460 Euro sowie die neuntägige Rundtour als individuelle Wanderung inklusive Übernachtungen, Vollpension, Lunchpaket und Gepäcktransport für 690 Euro an. Telefonische Auskunft unter 09 11 / 89 07 04, im Internet unter natours.de

Vamos, ein Spezialist für Eltern-Kind-Reisen aus Hannover, bietet die sechstägige Variante zwischen dem 12. Mai und 20. Oktober an. Für Erwachsene 659 Euro, Kinder zwischen acht und zwölf Jahren zahlen 489 Euro (im Zimmer der Eltern), inklusive Frühstück und Abendmenü, Lunchpakete auf Anfrage. Single mit Kind ohne Aufpreis. Telefonische Auskunft: 05 11 / 400 79 90, im Internet: vamos-reisen.de

Informative Internetadressen sind außerdem borgata-sanmartino.com und loupitavin.it

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