• Sex und Aufklärung in Indien: Ahnungslose Paare bleiben kinderlos, weil sie nur Analsex kennen

Sex und Aufklärung in Indien : Ahnungslose Paare bleiben kinderlos, weil sie nur Analsex kennen

Einst feierte Indien im Kamasutra freimütig die Kunst des Liebens. Heute sind viele Menschen so ahnungslos, dass ein 90-Jähriger ihnen den Sex erklären muss. Viele Paare haben nicht die geringste Ahnung, wie Sex funktioniert.

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Kamasutra-Darstellung in Madhya Pradesh.
Kamasutra-Darstellung in Madhya Pradesh.Foto: imago

Jeden Morgen wartet eine neue Flut an Briefen und Mails auf ihn. 80 bis 100 Zuschriften sind es am Tag, Zehntausende waren es in den vergangenen zehn Jahren. Aus ihnen sprechen Ängste, manchmal Verzweiflung, aber vor allem frappierendes Unwissen. „Ist es sicher, den Penis beim Schlafen in der Vagina zu lassen?” Geduldig beantwortet Mahinder Watsa jede Frage. „Wenn der Penis erschlafft, rutscht er normalerweise aus der Vagina. Aber selbst wenn er das nicht tut, wird ihn die Vagina nicht zum Frühstück verspeisen.“

Watsa ist Indiens bekanntester Sexologe, ein Pionier in einem Land, wo schon das Wort Sex tabu ist. Seit zehn Jahren schreibt er im „Mumbai Mirror“ die Rubrik „Ask the Sexpert“, „Frag den Sexperten“. Kein anderer spricht so frank und frei über Sex wie der 90-Jährige. Er bekommt viele Hassmails, aber noch mehr Applaus. Seine unverblümten Worte und sein beißender Humor haben ihn zur Kultfigur gemacht. Watsa hat Fanseiten auf Facebook, Videoreihen auf Youtube und wurde mit Preisen für seine Verdienste geehrt.

Warum muss ein 90-Jähriger Indien den Sex erklären? Jener Nation, die der Welt das Kamasutra, das historische Werk über die Kunst des Liebens, schenkte, und die auf alten Tempeln Schnitzereien verewigte, die heute nicht nur in Indien als Pornografie gebannt würden? Doch das ist lange her. Die Obsession der Hindus mit Enthaltsamkeit, die Geschlechtertrennung der Mughals und die viktorianische Prüderie der britischen Kolonialherren haben über die Zeit Sexualität in die Schamecke verdrängt.

Indien ist einerseits besessen von Sex, andererseits haben die meisten Leute keine Ahnung

Heute offenbaren die Zuschriften Abgründe an Unwissen. Indien ist besessen von Sex, aber keiner redet offen und schamfrei drüber. Watsas Leser rekrutieren sich aus der Mittelschicht. Viele haben studiert und erfolgreich Karriere gemacht – und haben trotzdem keinen blassen Schimmer von simplen anatomischen Fakten. So stolpern viele Paare ahnungslos in die arrangierte Ehe und die Hochzeitsnacht.

„Welche Erste Hilfe brauchen wir für das erste Mal?“ Antwort: „Ihr braucht nicht Mitglied im Roten Kreuz zu werden, lasst Euch vorher von einem Sexperten beraten.“ So groß ist das anatomische Unwissen, dass einige Ehepaare über Jahre ungewollt kinderlos bleiben, weil sie nicht einmal wissen, wie man richtigen reproduktiven Sex hat – und Analsex für die richtige Art und Weise halten, Kinder zu zeugen.

Vater der sexuellen Aufklärung in Indien. Mahinder Watsa, 90 Jahre alt.
Vater der sexuellen Aufklärung in Indien. Mahinder Watsa, 90 Jahre alt.Foto: promo

Andere werden ungewollt schwanger, weil sie mit der Verhütung überfordert sind. „Vor zwei Tagen hatte ich Sex mit meiner Freundin. Wir hatten die Pille danach gekauft. Aber in der Hitze des Moments habe ich an ihrer Stelle die Pille geschluckt. Kann das zu Schäden führen?“ Watsa antwortet, wie immer mit einer Prise Ironie: „Nächstes Mal benutz ein Kondom und pass auf, dass Du das nicht auch noch verschluckst.“

Seine Karriere als Kolumnist startete der gelernte Frauenarzt, dessen Frau Promila 2006 starb, bereits in den 60er Jahren mit Medizintipps in Frauen- und Männermagazinen. Schnell wurde er auch mit Fragen zu Sex überschwemmt. Der Aufschrei war groß. Konservative Leser zeigten sich empört. Einer reichte sogar Klage wegen Obszönität ein und behauptete, die Leserbriefe seien fingiert. Der Herausgeber der Zeitschrift konterte, indem er dem Richter einen Sack voll ungeöffneter Post zukommen ließ. Die Klage wurde abgewiesen.

Langsam weichen auch in Indien die strengen Regeln auf. Waren anfangs Worte wie „Vagina“ und „Kondom“ noch tabu, kann Watsa heute die Dinge beim Namen nennen. Sein Rat ist gefragter denn je. Indien steckt mitten in einer sexuellen Revolution. Mit der wirtschaftlichen Öffnung schwappen auch westliche Lebensweisen auf den Subkontinent. Immer mehr junge Menschen haben Sex vor der Ehe. Frauen reklamieren zusehends ihr Recht auf Lust und Liebe.

Doch bei der Aufklärung haperts. Männer beziehen ihr Wissen aus Pornografie, die ein brutalisiertes Bild vermitteln und Frauen zu Objekten degradieren. Für Frauen ziemt es sich nicht, auch nur Fragen zu stellen. Etwa nach der Periode oder den fruchtbaren Tagen, geschweige denn nach Orgasmus, Ejakulation oder Erektion. Nur wenige Schulen bieten Aufklärungsunterricht. Und der verdient meist nicht mal den Namen. Die neue rechte Hindu-Regierung will sogar alle „anschaulichen“ Darstellungen verbieten, weil diese die Jugend verderben würden.

Vor allem Masturbation ist ein großes Thema

Vor allem um Masturbation ranken sich hartnäckig die wildesten Legenden. Sie mache schwach, impotent, kahl, dumm oder sogar irre. Watsa verdreht die Augen. Bis heute sei Masturbation neben der Penisgröße die Sorge Nummer eins der Jungen. „Wird mein Penis schrumpfen, wenn ich viel masturbiere?“, will einer wissen. Watsa kontert: „Schrumpft Deine Zunge, wenn Du viel redest?“

Noch mehr treibt ihm ein anderes Thema die Zornesröte in die Wangen. Die Besessenheit mit dem Hymen. Zwei Drittel aller Männer erwarten noch heute, dass Frauen jungfräulich in die Ehe gehen. „Meine Familie verlangt, dass ich heirate. Wie kann ich feststellen, ob das Mädchen Jungfrau ist?“ Solchen Fragestellern wäscht Watsa den Kopf: „Ich schlage vor, dass Du nicht heiratest. Es gibt keinen Weg, dies herauszufinden, es sei denn, Du heuerst einen Detektiv an. Verschon jedes arme Mädchen mit deinem misstrauischen Gemüt.“

Watsa hat eine Mission. Er will nicht nur aufklären, sondern auch eine angst- und schamfreie Sexualität vermitteln. „Sex ist eine lustvolle Sache.“ Seit Jahrzehnten ist er in verschiedenen Organisationen für Aufklärung aktiv. Ans Aufhören denkt der 90-Jährige nicht. In seinem Apartment an der Arabischen See berät er weiter ältere Paare, die ihr Sexleben auffrischen wollen.

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