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Sexualmord in Emden : Kein Verdacht mehr gegen 17-Jährigen

Der Tatverdächtige ist entlastet und wieder auf freiem Fuß. Die Ermittler verteidigen ihr Vorgehen. Man habe vor Vorverurteilungen gewarnt, wie sie in sozialen Netzwerken kursierten.

Fabian Morsch
Am 20. August 2012 hatte vor dem Landgericht Aurich in Niedersachsen der Prozess gegen den 18-Jährigen begonnen, der die elfjährige Lena aus Emden vergewaltigt und ermordet haben soll.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
20.08.2012 11:30Am 20. August 2012 hatte vor dem Landgericht Aurich in Niedersachsen der Prozess gegen den 18-Jährigen begonnen, der die...

Im Fall des Emder Mädchenmords haben die Ermittler ihr Vorgehen verteidigt. Es habe keine Alternative zur Festnahme des 17-Jährigen gegeben. Nun habe sich aber eine neue Lage ergeben, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck am Freitag in Emden. „Wir haben jederzeit vor Vorverurteilungen gewarnt und haben nur von einem Verdächtigen gesprochen.“ Der junge Berufsschüler war am Dienstag nach einem Hinweis aus der Bevölkerung festgenommen worden, nachdem die elfjährige Lena am Samstag in einem Parkhaus getötet worden war. Das Mädchen sollte am Freitag beerdigt werden.

Der 17-Jährige war am Vormittag aus der Untersuchungshaft gekommen. Der Staatsanwalt betonte erneut dessen Unschuld: „Wir haben Fakten vorliegen, die eine Täterschaft des Jugendlichen ausschließen“. Er befinde sich in Betreuung und in Obhut der Polizei. „Für seine Sicherheit ist gesorgt.“ Die Indizien, die gegen den Berufsschüler gesprochen und zu seiner Verhaftung geführt hätten, seien von Fakten widerlegt worden. Was dies im Einzelnen war, sagte Südbeck aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. „Wir möchten die Ermittlungen nicht gefährden.“ Die Polizei sucht nun weiter unter Hochdruck nach einem jungen Mann mit dunkler Bekleidung. Eine weitere Videosequenz aus den Überwachungskameras sei veröffentlicht worden. „Wir sind nach wie vor sehr zuversichtlich, den Täter zu finden“, sagte der Statsanwalt.

Dienstagabend hatte die Polizei den Tatverdächtigen auf einen Hinweis aus der Bevölkerung hin festgenommen. Nach der Veröffentlichung von Videoaufnahmen einer Überwachungskamera hatte sich ein Zeuge bei der Polizei gemeldet und angegeben, den Täter darauf erkannt zu haben. Dieser hat sich nach Angaben der Polizei bei seinen Vernehmungen in Widersprüche verwickelt. Der 17-jährige Verdächtige habe zwar Fragen der Polizei zu einem möglichen Alibi beantwortet, sagte der Leiter der Mordkommission, Werner Brandt, am Donnerstag in Emden. Diese Angaben hätten jedoch „gestürzt“ werden können. „Er hat kein Alibi zur Tatzeit“, sagte Brandt.

Zur Aufklärung des Falles waren bei der 40-köpfigen Mordkommission „Parkhaus“ aus der Bevölkerung mehr als 150 Hinweise eingegangen. Zur endgültigen Aufklärung seien die Ermittler auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, sagte die Sprecherin.

Zur Person des Tatverdächtigen gab es zunächst keine genauen Angaben. Nach dapd-Informationen soll es sich um einen Jugendlichen aus dem Emder Stadtteil Port Arthur handeln. Der Verdächtige wohnt demnach in einem dreigeschossigen Mietshausblock, der am Mittwoch Ziel zahlreicher Schaulustiger war.

Nach unbestätigten Angaben soll ein 15-jähriger Schüler der Polizei den entscheidenden Tipp zur Festnahme des Tatverdächtigen gegeben haben. Der Schüler soll ihn nach Recherchen der Nachrichtenagentur dapd auf einem von der Polizei im Internet veröffentlichten Parkhaus-Video am Gang erkannt haben. Er soll zur Polizei gegangen sein und seinen Verdacht geäußert haben.

Der Verdächtige wird beschuldigt, am Samstagabend die Elfjährige in dem Parkhaus sexuell missbraucht und getötet zu haben. Das Kind war an dem Tag mit einem gleichaltrigen Freund mit dem Fahrrad unterwegs, um Enten zu füttern. Nach jetzigem Erkenntnisstand der Ermittler haben sich die beiden Kinder später in der Gegend um das Parkhaus, das neben einem Kino liegt, aus den Augen verloren. Den Angaben der Polizei zufolge kam der Junge nach Hause und erzählte seiner Mutter, dass er seine Freundin verloren habe. Diese informierten die Eltern des Mädchens und suchten dann gemeinsam im Parkhaus nach dem Kind. Am Abend fand ein Wachmann den leblosen Körper des Mädchens, Rettungskräfte konnten nur noch den Tod feststellen. In der gleichen Gegend der ostfriesischen Kleinstadt wurde bereits vergangenen November eine Joggerin Opfer einer versuchten Vergewaltigung.

Auf den zwei Videosequenzen der Überwachungskameras ist ein komplett in schwarz gekleideter Mann zu erkennen. Die erste zeigt diesen von vorne, den Kopf gesenkt durch das Parkhaus streifen. Sein Gesicht ist dabei von einer Kapuze bedeckt. Im zweiten Video ist zu sehen, wie der Mann hastig Richtung Ausgang geht. Beide Videos dauern jeweils nur einige Sekunden und sind auf der Webseite der niedersächsischen Polizei abrufbar. Durch sie erhofft sich die Polizei weitere Hinweise zur Aufklärung der Tat. Die Stadt Emden hat 10 000 Euro Belohnung ausgeschrieben.

Heftige Kritik übten Polizei und Staatsanwaltschaft an sozialen Netzwerken im Internet und deren Nutzern. Dort seien falsche Namen von Verdächtigen genannt und Bilder veröffentlicht worden, die zu einer Vorverurteilung geführt hätten, sagte Südbeck. Am Dienstagabend hätten sich zudem mehr als 50 Personen nach einem Aufruf im Internet vor dem Emder Polizeirevier versammelt, um es zu stürmen und den Verdächtigen zu lynchen, sagte Lammers. Erst nach mehreren Stunden habe die Versammlung aufgelöst werden können.

In aller Stille soll das getötete Mädchen in den nächsten Tagen beerdigt werden. Ein genauer Termin wurde zunächst nicht genannt. Eine öffentliche Trauerfeier wird es nach Polizeiangaben nicht geben. Es sei ausdrücklicher Wunsch der Angehörigen, dass die Beisetzung im engsten Familienkreis stattfinde, sagte der Emder Polizeichef Arno Peper. Diesen Wunsch gelte es zu respektieren. (mit dapd, dpa)

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