Urteil : Ehrenmord - lebenslange Haft für Morsals Bruder

"Ich kenne keine Ehre" - Ahmad-Sobair O. tötete seine Schwester, weil ihm ihr westlicher Lebensstil nicht gefiel. 23 Mal stach er auf Morsal ein. Jetzt wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seine Familie sorgte für laute Tumulte bei der Urteilsverkündung.

Julia Ranniko,Sebastian Bronst[dpa]
Morsals Bruder
Ahmad-Sobair O. stach 23 Mal auf seine Schwester Morsal ein, weil ihm ihr Lebensstil zu "westlich" war. -Foto: dpa

HamburgEs ist ein bedrückender Aufschrei, voller Unverständnis, Wut und Verzweiflung. Als der Vorsitzende Richter im Hamburger "Ehrenmord"-Prozess den Bruder der erstochenen 16-jährigen Deutsch-Afghanin Morsal lebenslang ins Gefängnis schickt, sorgt die Familie sofort für Tumulte: Die Angehörigen hämmern gegen das Panzerglas, das den Zuschauerraum abtrennt, sie schreien den Richter an, sie schluchzen lauthals. Nach der Urteilsbegründung ist Morsals Mutter so außer sich, dass sie sich laut kreischend einen Weg durch die Journalisten bahnt und sich aus einem Fenster des Landgerichts stürzen will. Ein Angehöriger zerrt sie vom Sims.

23 Messerstiche im Namen der Ehre - mit aller Kraft wehrt sich die Familie gegen das Urteil des Landgerichts. Und gegen Sätze des Richters wie diese: "Der Angeklagte war der Auffassung, Morsal beschmutze durch ihr Verhalten - ihre knappe Kleidung, ihre auffällige Schminke, ihr Interesse für das andere Geschlecht - ihre Ehre und die ihrer Familie. Er tötete aus reiner Intoleranz."

Mit Schlägen alles korrigieren

Aus Abscheu über den Lebensstil seiner Schwester habe der 24-Jährige Morsal im Mai 2008 auf einen Parkplatz im Hamburger Stadtteil St. Georg gelockt und dort ein "Blutbad" angerichtet, sagt Richter Wolfgang Backen. Prompt pöbelt ihn der Angeklagte an: "Was ist das, Ehre? Ich kenn keine Ehre!" Immer wieder unterbricht er Backen bei der mehr als einstündigen Urteilsbegründung, schreit in afghanischer Sprache zu seiner Familie, zeigt sogar mit brutalen Gesten, wie er zugestochen hat. Als der Richter betont, dass ein solcher Mord auch in Kabul - und nicht nur in Deutschland - strafbar sei, sagt er gereizt: "Nee, da wär' ich schon längst draußen."

Kurz zuvor allerdings, bei der Urteilsverkündung, wirkt der Angeklagte Ahmad-Sobair noch wie versteinert. Stumm schlägt er die Hände vors Gesicht, stellt sich an die Wand und presst den Kopf gegen die dunkle Holzvertäfelung. Doch während der Richter von der Familiengeschichte erzählt und davon, wie sich der brutale Mord an Morsal abgespielt hat, scheint Wut das Entsetzen zu verdrängen.

Von einer gewaltsamen Erziehung berichtet Backen, von Schlägen und Tritten des Vaters, vom häufigen Einschreiten des Jugendamts. Die Familie habe zwar in Deutschland gelebt, die Mitglieder seien in ihrer "afghanischen Kolonie" in Hamburg aber "nach innen unfrei" gewesen: "Die Werte und Normen sind noch die ihres Heimatlandes. Alles, was das Ansehen der Familie gefährdet, wird versucht, mit Schlägen zu korrigieren."

Ahmad-Sobair gilt als unterdurchschnittlich intelligent

Schon in der Schule wurde Ahmad-Sobair dem Richter zufolge bei Körperverletzungen und Sachbeschädigungen erwischt. Er war ein Intensivtäter, stand oft vor Gericht. Er gilt als unterdurchschnittlich intelligent, eine Gutachterin hat ihm einen Hang zu explosiven Gewaltausbrüchen attestiert: "Früher hätte man solche Leute Psychopathen genannt." Das Verhältnis zu Morsal war nach Ansicht des Gerichts sehr ambivalent - er habe sie geliebt, sei aber gleichzeitig sauer gewesen, weil sie sich so viele Freiheiten nahm.

Morsal - von Zeugen als selbstbewusst und fröhlich beschrieben - habe ihren eigenen Kopf gehabt, sagt der Richter. Als alle Versuche, die 16-Jährige mit Gewalt und auch zwangsweisen Aufenthalten in Afghanistan zu disziplinieren, gescheitert seien, habe sich der Angeklagte als ältester Sohn verpflichtet gefühlt, "die letzte Möglichkeit zu ergreifen". Morsals Eltern wirft Backen daran eine "hohe moralische Mitschuld" vor. Dem jüngeren Bruder des Angeklagten brennen daraufhin alle Sicherungen durch. "Was glaubt ihr denn, nur weil ihr Deutsche seid?", bricht es aus ihm heraus.

Hochdramatisch ist auch der Abgang des 24-jährigen Mörders: Er wirft einen Papierstapel in Richtung Staatsanwalt und Richter, wüste Beschimpfungen wie "Hurensohn" folgen. Seine Verteidiger - sie hatten auf Totschlag plädiert - wollen das "Ehrenmord"-Urteil nicht hinnehmen. Und die Staatsanwaltschaft ist zwar zufrieden mit der Entscheidung, wie Behördensprecher Wilhelm Möllers sagt. Aber: "Ein Tag zur Freude ist der heutige Tag nicht."

0 Kommentare

Neuester Kommentar