• Versöhnung geht durch den Magen: Die Israelis lieben den deutschen Koch Tom Franz

Versöhnung geht durch den Magen : Die Israelis lieben den deutschen Koch Tom Franz

Der Kölner ist in Tel Aviv ein Fernsehstar – er bringt den Juden bei, wie man koscheres Essen kocht. Die lieben sein präzises Arbeiten, seine Genauigkeit. Am Dienstagabend ist das Finale des Kochwettbewerbs.

Gil Yaron
Präzise. Tom Franz kocht. Die Israelis lieben den Deutschen. Foto: Haim Afriat/dpa
Präzise. Tom Franz kocht. Die Israelis lieben den Deutschen.Foto: Haim Afriat/dpa

Eine Marokkanerin aus armen Verhältnissen, eine gläubige Muslima und ein deutscher Konvertit treffen sich beim Essen. Was wie der Anfang eines Witzes klingt, ist dieser Tage in Israel ein mit Spannung erwarteter Wettkampf. Denn in Israels beliebtester Fernsehsendung „Masterchef“, wo Kandidaten um die Wette kochen, tritt der Deutsche Tom Franz heute Abend im Finale an. Der Sender freut sich bereits auf einen neuen Einschaltrekord. Der 39 Jahre alte Deutsche ist längst Nationalliebling. Menschen rufen ihm auf der Straße zu: „Wir halten zu dir!“, vorbeijoggende Frauen lächeln ihn an, selbst die Oberrabbiner segneten seine „heiligen Anstrengungen“. Doch wenn Tom im Finale brutzelt, wird es um mehr gehen. Tom „ist hier auch ein Gesicht des heutigen Deutschlands“, sagt der deutsche Botschafter Andreas Michaelis. Tom und seine Frau Dana schlagen Brücken zwischen der alten und neuen Heimat.

Tom stammt aus Köln, begann als Bankangestellter und Rechtsanwalt. „Mein Leben verlief in geregelten Bahnen. Doch mir fehlte etwas Tieferes. Also kehrte ich meine Prioritäten um. Tom wurde gläubig. Seit einem Jugendaustausch mit einer israelischen Schule fühlte er sich zum Judentum hingezogen. Während seines Zivildiensts arbeitete er mit Aktion Sühnezeichen anderthalb Jahre in Israel in einem Krankenhaus und einem Altersheim. Im Jahr 2004 wanderte er nach Israel aus, um zu konvertieren. „Es war ein langwieriger Prozess. Ohne Arbeitsgenehmigung, ohne Geld schlief ich jede Nacht bei anderen Bekannten“, erinnert sich Tom. Drei Jahre lernte er, um als Jude anerkannt zu werden, bis die Rabbiner ihn im Jahr 2007 aufnahmen. Einen Monat später fiel sein Blick auf Dana.

Die 34 Jahre alte Gastronomieexpertin stammt aus einer Familie von Holocaustüberlebenden. „Großvater David überlebte als einziger seiner Familie den Zweiten Weltkrieg. Seine Frau und sein Sohn wurden ermordet“, erzählt sie. Ihre Ehe ist eine Dreierbeziehung. „Es gibt mich, Tom, und die Vergangenheit“, sagt sie. Dass es ihnen gelang, gemeinsam die Schoa zu überbrücken, empfinden sie so, als „hätten wir Hitler einen riesigen Streich gespielt“.

Es galt auch andere Unterschiede zu überbrücken. Tom, der Konvertit, war religiös, die Jüdin Dana säkular. „Es ist verrückt, aber ausgerechnet Tom hat mich mit meiner jüdischen Seele verbunden.“ Sie wurde selber religiös. Und so ist das Paar in Tel Aviv gleich zweifach einzigartig: Ein Deutscher und eine Israelin, religiös in einer durchwegs säkularen Stadt. „Wenn die Leute Freitagabends auf dem Weg zurück vom Strand sehen, wie wir festlich gekleidet mit Kippa und Kopftuch zur Synagoge gehen, und dann an den Sabbat denken, haben wir ja schon etwas verändert.“

Mit diesem Sendungsbewusstsein spornte Dana Tom an, zu „Masterchef“ zu gehen. „Du kannst hier im Land Großartiges vollbringen“, sagte sie ihm. Denn Tom hält sich penibel an religiöse Speisevorschriften, kocht nur koscher. „Tom bedeutet für Israel eine Revolution“, sagt Michal Anski, eine Jurorin bei „Masterchef“. In Tel Aviv findet man kaum ein koscheres Restaurant. Wenige wollen auf Schweinefleisch und Meeresfrüchte, oder die Vermischung von Fleisch und Milchprodukten, verzichten. „Der Durchschnittsisraeli sieht in koscherem Essen schnöde Hausmannskost“, sagt Anski. Doch Tom „zeigt allen, dass man auf höchstem Niveau koscher kochen kann“, schwärmt die Richterin. Der hohe, gutaussehende Mann mit dem blonden Pferdeschwanz bringt Israelis ihren Traditionen nahe. Er stehe „für eine neue Art von Judentum – modern und ansprechend“, sagt Dana. Seinen deutschen Freunden erklärt Tom Israel, er versteht Israels schlechtes Image in der Welt nicht: „Dabei sind Israelis unglaublich offen, tolerant und fortschrittlich.“ Trotz seiner deutschen Wurzeln werde er voller Herzlichkeit aufgenommen. „Das ganze Volk sagt: ,Wir lieben dich!’“

„Tom steht für etwas, was der mediterranen Mentalität der Israelis abgeht: Professionalität, genaues, exaktes Arbeiten. Er macht alles, wie es sich gehört“, sagt Jurorin Anski. Heute Abend wird sich zeigen, ob ihm dieser Weg den Sieg bringt. Dann tritt er gegen Jackie und Salma, die nur „mit Gefühl“ kochen, mit sorgsam ausgetüftelten Rezepten an, in denen Mengen in Gramm und Garzeiten in Sekunden angegeben werden. Genau damit hat er die Herzen der Israelis erobert. Gil Yaron

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