Weltalphabetisierungstag : Deutschland muss mehr gegen Analphabetismus tun

06.09.2011 17:24 Uhrvon
Laut einer Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums gibt es in Deutschland 7,5 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten. Foto: picture alliance / dpa
Laut einer Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums gibt es in Deutschland 7,5 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten. - Foto: picture alliance / dpa

Mehr als 14 Prozent aller Erwerbsfähigen in Deutschland sind so genannte funktionale Analphabeten. Sie können einzelne Sätze lesen oder schreiben, zusammenhängende Texte aber nicht.

Der Chef tobt, sein Mitarbeiter hat Mist gebaut. Im Lager der Firma hat der Arbeiter schwere Fässer genau an dem Ort abgestellt, wo sie gerade nicht hin durften. Alles ist in sich zusammengebrochen. Zwar warnt ein Schild davor. Den Hinweis konnte der Mitarbeiter aber nicht lesen – er ist Analphabet. Vor sieben Jahren wurde mit solchen Werbespots auf das Thema Analphabetismus aufmerksam gemacht. „Schreib dich nicht ab, lern lesen und schreiben“, lautete der Slogan.

Damals, im Jahr 2004, gingen die Experten von vier Millionen Analphabeten in Deutschland aus. Inzwischen, im Jahr 2011, weiß man durch eine Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums, dass es in Deutschland sogar 7,5 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten gibt.

Das entspricht mehr als 14 Prozent aller Erwerbsfähigen. Die Bundesrepublik steht damit am Weltalphabetisierungstag am Donnerstag dieser Woche im Vergleich zu Großbritannien mit 16 Prozent zwar etwas besser da, liegt aber deutlich hinter Frankreich, wo etwa 9 Prozent der Erwerbsfähigen betroffen sind.

Funktionale Analphabeten können zwar teilweise einzelne Sätze lesen oder schreiben, zusammenhängende Texte allerdings nicht. 2,3 Millionen, also etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung, können nur einzelne Wörter lesen beziehungsweise schreiben. Sie gelten im engeren Sinn als Analphabeten. An der Studie „Level One“ (LeO) nahmen 2010 über 8000 erwerbstätige Personen zwischen 18 und 64 Jahren teil. Ältere sind in die Statistik noch gar nicht mit eingerechnet. Dass es aber auch betroffene Senioren und Rentner gibt, sei nur logisch, sagt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung. Oft geht es um Leute, die in ihrer Kindheit wenig Unterstützung im Elternhaus hatten. Es handelt sich meist um Familien, in denen die Eltern selbst einen geringen Bildungsstand haben und deswegen ihren Sprösslingen in Schulfragen nicht weiterhelfen können. Spaß am Lesen kommt so selten auf, das regelmäßige Üben bleibt aus und das Kind verliert die Lust an der Schule. Die Folge sind Frustrationserfahrungen und ein geringes Selbstvertrauen.

Das führt aber nicht automatisch in die Arbeitslosigkeit wie Hubertus erklärt. „Mehr als die Hälfte der funktionalen Analphabeten haben einen Job.“ Aber die Betroffenen hätten oft extreme Schwierigkeiten, ihren Beruf auszuüben. Daher müsse es auch gezielte Angebote in Betrieben geben. „Wir brauchen die Leute angesichts des demografischen Wandels. Oft sind sie qualifiziert und können auch ganz normale Stellen annehmen.“ Mit entsprechenden Programmen könnten sowohl diejenigen profitieren, die bereits einen Job haben. Für sie würde sich das Risiko deutlich verringern, im Falle einer Wirtschaftskrise als erstes entlassen zu werden. Und auch bislang arbeitslose Analphabeten hätten die Möglichkeit, überhaupt in Beschäftigung zu kommen. „Wir müssen den Leuten eine berufliche Perspektive bieten, das entlastet auch die Sozialsysteme“, sagt Hubertus. Die Muttersprache von 4,4 der 7,5 Millionen ist Deutsch. Die restlichen 2,9 Millionen haben folglich einen Migrationshintergrund.

Warum die bisherigen Bemühungen nicht ausreichen lesen Sie auf Seite 2.

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