Werbinich : „Bei Viva läuft fast nur noch Schrott“

Oliver Pocher über Mohammed-Karikaturen, die Zeugen Jehovas und seine Rolle als Außenseiter

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Sie sind ja fast pünktlich, Herr Pocher.

Ich habe einen Status erreicht, wo niemand sagt: Och, das ist aber doof, dass du jetzt zu spät bist. Ich sage, dass es mir Leid tut, mache einen blöden Spruch und alle lachen, ganz einfach.

Und Sie? Worüber lachen Sie? Auch über Karikaturen?

Ich habe eine der dänischen Mohammed-Karikaturen im „Spiegel“ gesehen und verstehe nicht, wie Karikaturen eine solche weltweite Welle an Gewalt erzeugen konnten.

Botschaften brennen, Flaggen werden abgefackelt, Karikaturisten bedroht. Harald Schmidt macht keine Islam-Witze mehr. Sie selbst gelten ja als ziemlich schmerzfrei, wenn es um Beleidigungen geht.

Man muss theoretisch alle gleich behandeln dürfen – auch in Witzen, Parodien und Karikaturen. Wenn ich einen Witz über Katholiken oder Protestanten mache, steht am nächsten Tag auch kein brennendes Kreuz in meinem Garten. Aber der Islam hat seine eigenen Regeln, da ist allein schon die Abbildung Mohammeds eine Beleidigung. Und daher stellt sich die Frage, ob man das respektiert oder nicht.

Wurden Sie schon einmal bedroht von jemandem, der beleidigt war, weil Sie einen Witz über ihn gemacht haben?

In der 1:1-Situation wurde ich noch nie bedroht, via Telefon und Mail schon.

Sie standen schon mehrmals vor Gericht.

Ich habe alle drei Prozesse gewonnen.

Sie haben bei „Wetten, dass …“ einer Zuschauerin nahe gelegt eine Schönheits-Operation vornehmen zu lassen. Ist das witzig?

Die betreffende Dame war an dem Abend wirklich nicht in Tränen aufgelöst. Das war ein Gag, mit dem sie, meiner Meinung nach, hätte gut weiterleben können. Sie hat sich doch selbst auf die Bühne gestellt, sie kannte mich aus dem Fernsehen und weiß, dass man sich bei mir einen Spruch fängt. Ich lasse mich nicht unterkriegen, und das ist wohl mein Berufsrisiko – wie bei einem Metzger, der seinen Finger verlieren kann. Meiner Meinung nach ist die Frau vor allen Dingen ein Opfer „falscher“ Berater.

Aber wie weit darf man gehen? Mariah Carey haben Sie vor laufender Kamera eine Presswurst genannt.

Das stimmt nicht ganz! Ich habe gefragt: Wie sagt man Presswurst auf Englisch? Und jetzt behauptet sie in Interviews, das sei das Schlimmste gewesen, was ihr im letzten Jahr passiert ist. Dann kann ich nur sagen, ihr geht es ganz schön gut. Sie hat ein gutes Album gemacht, und ich höre es im Übrigen auch! Dass sie trotzdem nicht alle auf der Murmel hat, haben wir bereits in der Vergangenheit gemerkt.

In drei Wochen steht die Echo-Verleihung an. Darf man mit Ihnen rechnen?

Ich befürchte, nein. Am selben Abend trete ich in Frankfurt auf. Genug Material für eine Comedy-Nummer hätte ich. Die letzten zwölf Monate waren reich an Stoff. Tokio Hotel, vermutlich homosexuelle Bilder eines Mitglieds der Boyband US 5 und so weiter.

Müssen Sie eigentlich irgendwas nachholen, was Sie in der Jugend nicht durften?

Nicht wirklich. Es ist eher so: Ich werde permanent unterschätzt. Viele denken, ich bin ein kleiner Vollidiot. Nicht ganz zurechnungsfähig. Aber umso besser, dann kann man die Kritiker immer noch überraschen.

War das schon in der Schule so?

Theoretisch war ich der Außenseiter – nicht besonders groß, jünger aussehend und dann auch noch die falsche Religion.

Sie waren bei den Zeugen Jehovas.

Ja, und wenn man sich nicht richtig wehren kann, bei Weihnachten immer außen vor steht, am Religionsunterricht nie teil- nimmt, dann gelangt man ruck, zuck in eine Außenseiter-Rolle. Ich hatte aber trotzdem das Glück, sehr beliebt zu sein. Da gab es wenig Angriffspotenzial.

Ärger haben Sie nie bekommen?

Von den Lehrern höchstens. Aber wenn ich wählen musste zwischen der Gelegenheit, sechs Stunden Unterhalter zu sein, und den paar Minuten Ärger, die mich das kostet, habe ich mich immer für Ersteres entschieden.

Seit sieben Jahren sind Sie nun im Fernsehen zu sehen. Haben Sie nie Angst, dass es mal abwärts gehen könnte?

Mir bleibt der große Absturz erspart. Ich denke, das liegt auch daran, dass ich keinen Alkohol oder Drogen konsumiere. Ich werde nicht mit meinem Lieblings-Klavier sprechen und denken, es sei Marilyn Monroe. Sicherlich hilft dabei mein religiöser Hintergrund. Ich bin drei Mal pro Woche in die Kirche gegangen. Das hat mich geprägt. Ich finde, Drogen machen auf Dauer dumm. Und sehr häufig stimmen die äußerlichen Klischees: Die Leute, die einen rauchen, sehen ungepflegt aus, sitzen in der letzten Reihe, finden alles doof und freuen sich nur auf den nächsten Joint. Solche Menschen kann ich genauso wenig ernst nehmen wie diejenigen, die am Wochenende zwölf Pillen schlucken, Buffalo Boots tragen und sich die Fresse mit Piercings voll stopfen.

Nach der Schule haben Sie erst eine Lehre absolviert, Zivildienst gemacht, halbtags gearbeitet und sind dann beim Fernsehen gelandet. Hatten Sie nie das Bedürfnis, mal auszusetzen und die Welt zu sehen?

Wenn man 2000 Euro auf dem Konto hat, ist so eine Weltreise zügig beendet.

Für Interrail würden 2000 Euro reichen, da bliebe sogar noch was über.

Das Bedürfnis hatte ich nie. Und meine Eltern haben mir nie Geld in den Arsch geblasen. Seit ich 13 Jahre bin, habe ich gearbeitet, mindestens einmal die Woche.

Haben Sie noch Freunde aus der Schulzeit?

Meine heutigen Freunde habe ich erst nach der Schulzeit kennen gelernt. Mit der Schule habe ich sehr schnell abgeschlossen. Ich wüsste auch nicht, was ich auf einem Klassentreffen sollte. Mich interessiert es nicht, was die anderen machen. Keine Ahnung, worüber wir uns unterhalten könnten. Im Endeffekt müsste ich die ganze Zeit Fragen beantworten. Darauf habe ich keine Lust.

Gut, wir fragen trotzdem weiter: Wann haben Sie festgestellt, dass Sie unterhalten können?

Das fing früh an. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind mit meiner Mutter auf Familienfeiern war – und sie mich unter dem Tisch getreten hat, damit ich endlich mal den Mund halte und meinen Omas keine versauten Witze mehr erzähle. Allerdings hat mich das höchstens fünf Minuten davon abgehalten. Dann habe ich einen neuen Witz erzählt. Das Talent wollte ich nutzen – nur wie, das wusste ich am Anfang nicht.

Der Fernsehsender Viva hat Sie vier Mal abgelehnt …

Meine Hoffnung war: Wenn man einen normalen Haarschnitt hat, grammatikalisch einwandfrei reden kann, dann muss man doch erst recht Chancen haben. Ich habe mich jedes Jahr beworben, kleine Beiträge auf der Straße gedreht, fünfzehn Minuten lang, bis ich gemerkt habe, dass das alles viel zu viel war. Aus jeder Ablehnung habe ich gelernt.

Schauen Sie heute noch Viva?

Ich müsste meinem alten Heimatsender die Stange halten, aber da läuft fast nur noch Schrott. Dieter Gorny hat das Unternehmen an die Wand gefahren, als er aus Viva eine Aktiengesellschaft gemacht hat und dann an MTV verkaufen musste. Er ist heute eine arme, sehr wohlhabende Wurst. Aber das heißt nicht, dass MTV besser ist. Aus Amerika kommt die Kohle, aus England die Award Show, aber was aus Deutschland kommt, kann man in die Tonne treten. Selbst eine gute Prominenten-Verschaukelung wie „Punk’d“ wäre bei uns in Deutschland nicht machbar. Wenn man Yvonne Catterfeld das Auto kaputt hauen würde, hätte man erst mal ihren Anwalt am Hals. Die Amis sind da deutlich cooler.

Das Gespräch führte Ulf Lippitz.

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