Werbinich : Besser, wenn es raus ist

Oskar ist 16 Jahre alt und steht seit einiger Zeit offen zu seiner Homosexualität. Leon Bruckmann, 17 Jahre, hat mit ihm darüber gesprochen.

Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist?

Relativ früh, mit elf oder zwölf Jahren.

Und woran hast du es gemerkt?

Ich fing an, mich mehr für Jungs zu interessieren. Erst dachte ich, dass jeder Junge in der Pubertät durch diese Phase geht. Bei mir war das aber nicht so, ich habe mich weiter für Jungen interessiert. Das war nie ein Problem für mich.

Wem hast du deine Homosexualität als Erstes gestanden?

Ich habe zuerst mit meinem Patenonkel geredet, weil der selber schwul ist. Danach habe ich es zwei Freundinnen gestanden, dann meinen beiden besten Freunden. Ja, und dann der ganzen Welt. (lacht)

Deine Eltern waren dann also erst relativ spät an der Reihe. Wie haben die auf dein Outing reagiert?

Meine Eltern sind sehr offen, die fanden es nicht schlimm. Meine Mutter hat nur gesagt, dass sie gerne trotzdem Enkelkinder hätte. Meinem Vater hab ich es selber gar nicht direkt erzählt. Er kam irgendwann auf mich zu und meinte: „Oskar, ich muss ein Gespräch mit dir führen“. Das ,You‘re-gay-and-that‘s-

okay-Gespräch’“ (lacht). Während wir gesprochen haben, hatte ich meine Sonnenbrille auf, weil es mir irgendwie unangenehm war. Zum Schluss sagte er aber, er wünscht sich manchmal selber schwul zu sein, weil er die Frauen nicht immer versteht. Damit hatte sich die Sache dann erledigt.

Welche Rolle spielt deine Homosexualität im Alltag?

Sie spielt vor allem eine Rolle, wenn ich neue Leute kennenlerne. Ich sage ja nicht: „Hallo, mein Name ist Oskar und ich bin schwul.“ Aber irgendwann muss es geklärt werden. Bis heute ist mir dieser Moment unangenehm, aber es fühlt sich besser an, wenn die Sache vom Tisch ist. Deswegen finde ich es gar nicht schlecht, wenn andere mich vorstellen: „Das ist mein bester schwuler Freund“.

Hast du das Gefühl, dass Schwule diskriminiert werden?

Es kommt darauf an, wo man ist. Meine Schule ist sehr offen, und meine Freunde wähle ich natürlich auch danach aus, dass sie nichts gegen Homosexuelle haben. Aber ich hab auch schon Leute getroffen, die mit Homosexualität ein Problem haben. Letztens habe ich einen Mann am Flughafen nach Feuer gefragt. Der hat mich ziemlich aggressiv angeguckt und meinte: „Bist du schwul?“ Ich habe verneint und bin weggegangen. Solche Leute trifft man leider immer wieder. Zum Glück ist so eine Situation noch nie eskaliert.

Willst du später einmal eine Familie gründen?

Das weiß ich noch nicht. Ich hätte schon gerne eine Familie, aber das ist natürlich auch mit Schwierigkeiten verbunden. Klar könnte man Kinder adoptieren oder von einer Leihmutter austragen lassen, aber ich weiß nicht, ob ich das will. Einerseits hätte ich gerne Kinder und auf der anderen Seite glaube ich, dass es, sollte sich die Gesellschaft in den nächsten Jahren nicht deutlich weiterentwickeln, auch schwer für meine Kinder sein könnte. Ich weiß nicht, ob ich es ihnen antun will, in so einer Familie aufzuwachsen. Das Risiko ist leider immer da, dass sie Probleme bekommen, zum Beispiel in der Schule. Für eine Familie spricht allerdings, dass meine Kinder mit einer liberaleren Weltsicht aufwachsen würden als die meisten, was ja nicht unbedingt schlecht ist.

Warum, meinst du, ist es gerade für Jugendliche schwer zu ihrer Homosexualität zu stehen?

Zum einen wissen manche während ihrer Jugendzeit noch gar nicht, dass sie schwul sind, oder unterdrücken es. Zum anderen liegt es an der Diskriminierung von Homosexuellen in unserer Gesellschaft. Schwulsein ist Anderssein und Anderssein ist ja nie gut. Es kostet Mut dazu zu stehen, weil man nicht weiß, wie die Leute darauf reagieren. Ich hab es auch eine lange Zeit geheim gehalten, weil ich Angst hatte, meine Freunde zu verlieren. Ich hatte letztendlich Glück, aber die Angst spielt eine große Rolle.

Bereust du deine Entscheidung, dich geoutet zu haben?

Überhaupt nicht. Ich könnte mir nicht vorstellen meine Gefühle weiterhin zu unterdrücken.

Glaubst du, dass deine homosexuelle Neigung dein Leben schwerer macht?

Ich versuche, mir das Leben nicht selber zu schwer zu machen, aber manche Komplikationen tauchen von selbst auf. Es ist zum Beispiel schwierig, Partner zu finden. Man weiß ja nicht, ob der andere auch schwul ist. Ich war noch nie in einem Schwulenclub. Ich will das nicht abwerten, aber ich bin auch nicht sonderlich heiß darauf, so einen Club mal zu besuchen. Ich hab keine Lust, mit diesen extrem Schwulen rumzuhängen. Eine zweite Schwierigkeit ist vielleicht, dass man nicht immer hundertprozentig offen über seine Sexualität sprechen kann, wie es Heterosexuelle können.

Was willst du später mal machen?

Ich will Schauspieler werden. Ich glaube, in dieser Branche werde ich keine großen Probleme mit meiner Homosexualität haben. (lacht)

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