Erwachsenwerden : Rolle vorwärts ins Leben

Stress mit den Eltern, Aufklärung, Regeln im Alltag: Darum geht es in „Frühlings Erwachen“ Wilson Gonzalez Ochsenknecht und Constanze Wächter kennen sich mit diesen Themen gut aus

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Und Action! Im Film geht es um das Erwachsenwerden. Foto: ZDF / Oliver Vaccaro

Die Tür geht auf und Wilson Gonzalez Ochsenknecht kommt schniefend in den Raum. Er ist spät dran, eine halbe Stunde habe er auf ein Taxi gewartet, sagt er, deshalb die Verspätung. Er entschuldigt sich, stellt seine Reisetasche in die Ecke und nimmt neben Constanze Wächter Platz. Es ist das erste Mal nach langer Zeit, dass sich die beiden wiedersehen, hier im ZDF-Hauptstadtbüro. Vergangenen Sommer standen sie in Berlin gemeinsam vor der Kamera, für Nuran David Calis’ Theaterfilm „Frühlings Erwachen“.

In dem Film, der kommenden Montag um 22.25 Uhr auf Arte läuft, geht es ums Erwachsenwerden. Um Probleme mit Freunden und Eltern. Um Probleme zwischen Jungs und Mädchen. Protagonist Melchior, dargestellt von Wilson Gonzalez, ist 15, als er Wendla, gespielt von Constanze Wächter, schwängert. 1906, als Frank Wedekinds Drama an den Berliner Kammerspielen uraufgeführt wurde, sorgte die Geschichte für einen Skandal. Heutzutage könnte das nicht mehr passieren. Mittlerweile unterhalten sich Zwölfjährige auf den Schulhöfen offen über Sex, schwangere Teenager sind keine Seltenheit. Und dennoch ist Wedekinds Stoff aktuell,Regisseur Nuran David Calis hat ihn in die Gegenwart geholt.

Die beiden Hauptdarsteller können sich mit den Problemen ihrer Figuren identifizieren. Wobei: Richtigen Ärger hatten sie mit ihren Eltern nie. „Eher kleine Konflikte, an denen man sich reibt“, sagt Constanze Wächter, 21. Wie lange darf man ausgehen? Wie oft muss man sich melden? Darf man über Nacht wegbleiben? Regeln im Zusammenleben, die neu definiert werden. Die man aber auch im Gespräch mit den Eltern festlegt. Sie habe mit ihrer Mutter immer gut reden können, sagt Constanze, sie habe ihr das Gefühl vermittelt, ein gleichberechtigter Gesprächspartner zu sein.

Ähnlich ist das bei Wilson Gonzalez. Für ihn ist die Mutter keine Autoritätsperson, sondern eher eine Freundin. Mit der es aber durchaus manchmal Stress geben kann. Zum Beispiel, wenn der Sohn vergisst, einen Flug zu einem wichtigen Termin zu buchen und seine Mutter anruft und um Hilfe bittet. „Aber richtig großen Ärger hatte ich mit ihr noch nie.“ Nur beim Zuspätkommen gab es Hausarrest.

Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Seit einem dreiviertel Jahr lebt Wilson Gonzalez Ochsenknecht nicht mehr daheim. Er ist nach Berlin gezogen. Genauer: nach Mitte. Warum? „Ich hatte München satt, außerdem finde ich es hier sehr inspirierend. Das wirkt sich auf meine Kreativität aus.“ Neben der Schauspielerei komponiert er eigene Lieder, malt und schreibt. „Für junge Menschen ist Berlin die Stadt schlechthin.“ Hier braucht er sich mit niemandem mehr zu arrangieren, weder mit den Eltern noch mit den beiden Geschwistern. Hier kann er nach seinen eigenen Regeln leben – solange er die Rechnungen pünktlich bezahlt. Nur die gemeinsamen Abende bei Tisch – die fehlen ihm manchmal. Und Mutters Schnitzel mit Blumenkohl.

Das Thema Sex spielte in solchen Runden keine große Rolle. „Ich wurde nicht durch meine Eltern aufgeklärt, sondern durch das Internet und die Schule“, sagt Wilson Gonzalez, „einen Monat lang wurde mir zweimal pro Woche erklärt, wie das mit den Bienen, Blumen und Bananen funktioniert.“ Viele Informationen seien heutzutage ohnehin viel schneller durch das Internet zu bekommen, sodass man entsprechende Fragen nicht mehr in peinlich berührenden Gesprächen mit den Eltern klären muss. Die würden sich kaum trauen, ihre Kinder auf das Thema anzusprechen.

Wenn man Wilson Gonzalez Ochsenknecht so reden hört, dann klingt er schon ziemlich erwachsen. Erwachsener als manch andere in seinem Alter. Was vermutlich auch mit seiner Kindheit zu tun hat. Als Sohn des Schauspielers Uwe Ochsenknecht wuchs er von Anfang an im Scheinwerferlicht auf. Und folgte seinem Vater in Sachen Berufswahl. Schon als Achtjähriger stand er zum ersten Mal vor der Kamera. Mit der Kinoreihe „Die wilden Kerle“ avancierte er endgültig zum Mädchenschwarm – an der Seite seines anderthalb Jahre jüngeren Bruders Jimmi Blue. Dieses Image will Wilson nun allmählich hinter sich lassen. Deshalb freute er sich, als ihn Regisseur Nuran David Calis nach einem Clubbesuch in München ansprach und ihn für die Rolle des Melchiors haben wollte.

Ein bisschen mulmig war ihm zu Beginn der Dreharbeiten jedoch, vor allem wegen der Zusammenarbeit mit den anderen Kollegen: „Ich habe mir da vorher schon Gedanken drüber gemacht: Da kommt jetzt der Typ, den man schon in irgendwelchen Filmen gesehen hat. Das war ein komisches Gefühl.“ Constanze Wächter kannte sein Filme nicht, vielleicht war das für den Dreh von Vorteil. Dennoch war auch sie unsicher. „Ich hatte die Befürchtung, dass ein Konflikt zwischen uns entstehen könnte, weil er wesentlich mehr Filmerfahrung hat als ich. Aber dann kam ich an den Set, und er war total offen. Wir konnten ganz normal miteinander umgehen.“ Nach dem ersten Drehtag sahen sich die beiden mit dem Rest der Crew die Beerdigung von Michael Jackson im Fernsehen an.

Für solche gemeinsamen Abende fehlt ihnen heute die Zeit. Constanze hat im Oktober vergangenen Jahres ein Studium an der Schauspielschule „Ernst Busch“ begonnen. Der Unterricht geht oft bis in die frühen Abendstunden. Ihre Eltern arbeiten beide am Theater – einem Ort, an dem sie später auch mal stehen möchte. „Ich brauche das Publikum, das gibt mir den Kick“, sagt Constanze und lächelt. Es ist das Lächeln einer Schauspielerin, deren Karriere gerade erst begonnen hat.

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