Werbinich : Rechenschwäche: Wenn Zahlen keinen Sinn machen Kongress präsentiert neue Forschungsergebnisse

Lehrer beklagen mangelnde Unterstützung

Claudia Keller,Susanne Vieth-Entus

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Die Frage ist unsinnig. Aber nicht für Menschen mit Rechenschwäche. Sie fangen an, zu addieren und zu subtrahieren. Denn Rechenschwäche, „Dyskalkulie“, wie das Fachwort heißt, ist mehr, als nur schlecht in Mathe zu sein. Es ist ein gravierendes Lernproblem, das auf einem mangelnden Verständnis von Zahlen, Mengen und ihren Beziehungen basiert. Von Donnerstag bis Sonntag lädt der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie zum Kongress an die Humboldt-Universität, wo in 50 Symposien neueste Forschungsergebnisse präsentiert werden. Am Freitag finden Workshops und Vorträge für Eltern statt.

„Oft sitze ich vor den Aufgaben und sehen nur Zahlenhaufen“, sagt Romy. Sie ist 14 Jahre alt und besucht das Gymnasium. Im Zeugnis hat sie nur Einser und Zweier – bis auf Mathematik. „Mathe war schon immer ein Problem“, sagt sie, „irgendwann dachte ich, es gibt eben Leute, die können Mathe, und welche, die können es nicht.“ Romy (Name geändert) geht einmal in der Woche in das neu gegründete Institut für Rechenschwäche-Therapie. Lehrer in der Schule und bei der Nachhilfe konnten ihr ebenso wenig helfen wie ihre Mutter. Sie musste sich anhören, dass man „so blöd“ wie sie doch gar nicht sein könne, dass sie sich gefälligst besser konzentrieren solle oder mehr üben. „Irgendwann dachte ich dann selbst, dass ich blöd bin.“

Dass 21 minus 19 in ihrer Logik 18 ergibt, dass sie auch als Neuntklässlerin nicht weiß, ob die Höhe einer Tür in Metern oder Kilometern gemessen wird, konnte niemand nachvollziehen. Romy hat als Kind die Abstraktionsleistung nicht gelernt, um zu begreifen, dass eine Zahl eine abstrakte Menge symbolisiert, sagt Max Richter, der Institutsleiter. Sie habe die Zahlenfolge von 1 bis 10 lediglich auswendig gelernt und noch sehr viel mehr – ohne den Sinn irgendeiner Rechenoperation zu verstehen.

Zigtausende mathematische Systeme muss sie in ihrem Kopf gespeichert haben – an sich eine ungeheure Leistung, aber eine, die nicht weiterhilft. „Ich lerne schnell ein Schema auswendig“, sagt Romy, „aber wenn die nächste Aufgabe ein bisschen anders formuliert ist, weiß ich nicht, welches Schema ich anwenden muss.“ Es bleibt der Zahlenhaufen, vor dem sie ratlos sitzt. Die ersten acht Schuljahre kam sie damit durch, nun aber werden die Aufgaben immer komplizierter.

Ein bis zwei Jahre schätzen die Therapeuten, werde Romy brauchen, um das Problem zu beheben. Sie gehen mit ihr zu den Aufgaben der ersten Klasse zurück, wo die Basis für das Verständnis von Zahlen gelegt wird. Die meisten Kinder mit Rechenschwäche steigen in der ersten oder zweiten Klasse aus – wenn die Finger nicht mehr reichen, um durch Abzählen die Aufgaben zu lösen. In der Grundschule ist das Problem auch leichter zu beheben als später, sagen die Therapeuten und wünschen sich, dass Erstklässler systematisch auf Rechenschwäche getestet werden. Wird das Problem nicht behandelt, ist es kaum möglich das Abitur zu schaffen oder eine Ausbildung. Oft entwickeln sich aus der vermeintlichen Unfähigkeit zu rechnen psychische Probleme.

Die von Fachleuten empfohlenen Tests machen allerdings nur Sinn, wenn die Lehrer auch in der Lage sind, aus den Ergebnissen Konsequenzen zu ziehen. Daran aber hapert es, denn die wenigsten Pädagogen wissen, wie man das Problem der Dyskalkulie angeht. Was ihnen fehlt, sind anspruchsvolle Fortbildungen, die Geld und Zeit kosten.

Und daran wird sich so schnell nichts ändern, denn die Bildungsverwaltung sieht keine Veranlassung, den Lehrern diese Fortbildungen zu ermöglichen. Als die Nikolaus-August-Otto-Hauptschule Ende vergangenen Jahres darum bat, dass die Verwaltung spezielle Fortbildungen anbiete und außerdem Untersuchungen durch Institute wie das von Herrn Richter finanziere, wurde sie abgewiesen. Bildungs-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) ließ Schulleiter Uwe Duske wissen, dass die Rechenschwäche lediglich ein „Leistungsdefizit“ sei, dem die Schule „mit ihrer allgemeinen Förderverpflichtung“ Rechnung tragen müsse. Zusätzliche Ressourcen halte er „für nicht angemessen“. Außerdem wurde Duske durch Härtel an das Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) verwiesen, das Fortbildungen „in dem gewünschten Bereich“ anbiete.

Duske ist von dieser Antwort enttäuscht – zumal das Lisum lediglich einen anderthalbstündigen Vortrag angeboten habe. Das reiche nun mal nicht aus, um dem Problem Herr zu werden, steht für Duske fest. Deshalb hat er beschlossen, der Bildungsverwaltung mit dem Problem auf den Leib zu rücken: Heute wird er mit seinen Schülern eine Plakatwand unweit des Sitzes von Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gestalten.

Kongress des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie vom 22. bis 25. 9. in der Humboldt-Universität. Gebühr zwischen 40 und 150 Euro. Infos unter Tel. 85 99 62-13 und www.bvl-legasthenie.de

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