Wirtschaft : Abi plus

Auch an Berufsgymnasien kann man das allgemeine Abitur machen. Das dauert dort zwar ein Jahr länger – kann sich aber durchaus lohnen.

Benjamin Haerdle
Mit Blick in die Zukunft. Tobias Groß hat sein Abitur am Oberstufenzentrum Informations- und Medizintechnik gemacht. Das kam seinen Interessen sehr entgegen. Foto: T. Rückeis
Mit Blick in die Zukunft. Tobias Groß hat sein Abitur am Oberstufenzentrum Informations- und Medizintechnik gemacht. Das kam...

Es fiel Tobias Groß nicht leicht, die Schule zu wechseln. Neue Lehrer und Mitschüler, ein anderes Schulsystem – das hat ihn abgeschreckt. Aber dann verließ er nach der zehnten Klasse das Leonardo da Vinci-Gymnasium in Buckow und ging an das Berufsgymnasium des Neuköllner Oberstufenzentrums (OSZ) Informations- und Medizintechnik (IMT). Das war vor vier Jahren. „Das Risiko hat sich gelohnt“, sagt der 19-Jährige heute. Seit dem Wintersemester ist er an der Technischen Universität (TU) Berlin für Elektrotechnik eingeschrieben.

Berufsgymnasien führen in Berlin ein Mauerblümchendasein. Nur rund 2500 Schüler besuchen diesen Schultyp. Als Alternative zu den allgemeinbildenden Gymnasien sind die berufsorientierten kaum bekannt. Zudem halten sich hartnäckig Gerüchte, beispielsweise, dass man dort „nur“ das Fachabitur machen kann. Doch das stimmt nicht. An Berufsgymnasien erwirbt man, wie an Regel-Gymnasien, die allgemeine Hochschulreife. Einer erfolgreichen Studienplatzbewerbung steht damit nichts im Wege.

Zwei Jahre dauert die Oberstufe an allgemeinen Gymnasien seit diesem Jahr. Ein Jahr mehr, drei Jahre, haben die Berufsgymnasiasten Zeit, um ihr Lernpensum zu schaffen. Gerade das Turboabitur könnte nun dem Modell der Berufsgymnasien zu mehr Beliebtheit verhelfen.

Die Vorteile der beruflichen Schulen sprechen für sich. „Manchen Jugendlichen sind zwei Jahre Oberstufe zu viel Stress, das Lernen geht ihnen zu schnell und ist mit zu viel Stoff gefüllt“, sagt Burkhard Busch. Er koordiniert in Berlin die Laufbahnberatung für berufliche Schulen und Oberstufenzentren. Für die Schulen spreche außerdem, dass der Unterricht praxisnäher ist – und dass sie direkter auf das Studium und die Berufswelt vorbereiten.

Im Unterschied zur Regel-Oberstufe werden an den Berufsgymnasien in der elften Klasse neben allgemeinbildenden Fächern wie Mathematik, Deutsch oder Fremdsprachen fachtheoretische und fachpraktische Inhalte unterrichtet, je nach Profil der Schule, erklärt Bernd Ansorge, der am Oberstufenzentrum IMT für das Berufsgymnasium zuständig ist. An seiner Schule müssen Schüler Medizinische Informatik oder Informationstechnik als Leistungskurs nehmen, der zweite Leistungskurs kann frei gewählt werden.

Schulwechsler Tobias Groß entschied sich für das IMT – das Oberstufenzentrum, das sich als Berlins größte IT-Schule rühmt – weil er dort Französisch abwählen und sich auf die Leistungskurse Physik und Medizinische Informatik konzentrieren konnte, auf Fächer die ihm viel Spaß machten. Das hatte auch Folgen für die Abiturnote: Eine 1,6 stand auf dem Zeugnis. Das hätte er an seiner früheren Schule nicht geschafft, sagt er.

20 Berufsgymnasien gibt es in Berlin und fast genauso viele Schwerpunkte, für die sich Schüler entscheiden können. Von Bankwesen über Technik bis zu Naturwissenschaften, Ernährung oder Soziales reicht das Spektrum.

An ein Berufsgymnasium wechseln kann, wer Gymnasiast oder Gesamtschüler ist und eine Versetzung in die 11. Klasse vorweist. Hauptschüler müssen den mittleren Schulabschluss an einer einjährigen Berufsfachschule dazwischen schieben. Sind die Noten gut genug, ist der Weg zum Berufsgymnasium frei. Bei Eintritt ins Gymnasium darf man allerdings nicht älter als 20 Jahre alt sein.

Daneben sollten Jugendliche großes Interesse am Profil der von ihnen gewählten Schule mitbringen. „Uns besuchen vor allem Schüler, die gute Vorkenntnisse oder ein starkes Interesse an der Elektrotechnik oder Informatik haben“, sagt Ansorge vom Oberstufenzentrum IMT.

Ein Berufsgymnasium bietet sich gerade für Schüler an, die schon sehr früh wissen, welche Richtung sie später in Studium oder Ausbildung einschlagen wollen. „Berufsgymnasien bieten Vorteile, weil sie Inhalte vermitteln, die später im Grundstudium gelehrt werden“, sagt Berater Busch. Die Berufsgymnasiasten hätten an der Hochschule folglich selten Orientierungsprobleme und Anlaufschwierigkeiten.

Für das erste Semester an der TU kann Tobias Groß das bestätigen. Im Modul Informatik kommt er gut mit. „Neu war das bisher nicht, die Themen hatten wir schon in der Schule“, sagt er. Auch in seinem zweiten Fach findet er leicht Anschluss. „Da wir im Physikkurs an der Schule nur zu viert waren, haben wir sehr intensiv gelernt“, erzählt er.

Weil er auch in seiner Freizeit programmiert und Elektroteilchen für Modellflugzeuge zusammenlötet, sei der Wechsel an das Berufsgymnasium für ihn genau das richtige gewesen, bilanziert er. Verallgemeinern will er das aber nicht. „Wer nicht schon so früh weiß, was er nach dem Abi machen will, für den ist dieser Weg weniger zu empfehlen“, warnt er.

Die meisten Abiturienten der Berufsgymnasien zieht es wie ihn in die Hörsäle. Am Oberstufenzentrum IMT etwa liegt der Anteil der Absolventen, die ein Studium aufnehmen bei 80 Prozent. Vor allem Studiengänge wie Informatik, Informationstechnik oder Wirtschaftsinformatik sind beliebt. Die weiteren Karriereaussichten schätzt Ansorge sehr positiv ein. „Die Nachfrage nach Absolventen aus dem MINT-Bereich, also Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften, ist anhaltend groß“, sagt er. Abiturienten der Schule seien beispielsweise bei IBM, den Berliner Wasserbetrieben oder der Deutschen Telekom eingestiegen.

Neben dem praxisorientierten Abi am Berufsgymnasium bieten OSZ auch andere Wege zur Hochschulreife an. In einem vierjährigen Bildungsgang wird das Abitur mit einer Ausbildung verbunden. Dieses Sondermodell wird in ähnlicher Weise an drei Berliner Berufsgymnasien angeboten, für Abitur plus eine Ausbildung zum Erzieher beziehungsweise zum Steuerfachangestellten. Im Rahmen dieses Modells auch bildet das Oberstufenzentrum IMT mit der Telekom IT-Systemelektroniker mit Abitur aus.

Bei dem Kommunikationsunternehmen hat man mit den Azubis gute Erfahrungen gemacht. „Sie sind offener und gehen mit weniger Vorurteilen an Aufgaben und Problemstellungen heran“, sagt Dorit Krinelke, die bei der Telekom für das Ausbilderteam verantwortlich ist. „Die Systemelektroniker sind die künftigen Servicetechniker in Unternehmen“, erklärt sie. Wer bleiben wolle, habe gute Karrierechancen. „Bei Eignung übernehmen Absolventen auch Führungsaufgaben.“

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