Andere Zeiten, andere Berufe : Der Lumpensammler

Recycling ist keine Erfindung der Moderne. Schon im Mittelalter wurden Stoffreste gesammelt, um daraus Papier zu machen Der Beruf war allerdings alles andere als hygienisch unbedenklich. Die Profis konnten nicht hoffen, alt zu werden

Michaela Vieser,Irmela Schautz (Illustration)
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Illustration: Irmela Schautz

In der Notenblätter-Serie „Weltmelodien“ wurde 1959 ein fröhliches Liedchen für Akkordeon mit Harmonika-Begleitung veröffentlicht. Im Walzertakt. Etwas zum Mitschunkeln: „Jahraus, jahrein fährt er mit seinem Wagen, jahraus, jahrein bei uns von Tür zu Tür. Jahraus, jahrein hört man ihn singend fragen: Haben sie Eisen, Lumpen, Knochen und Papier, haben sie Eisen, Lumpen, Knochen und Papier. Sein altes Lied hat jeder schon gehört, doch hat er nie ein Mädchenherz damit betört.“

Im Jahre 1959 existierte der so besungene Lumpensammler freilich nur noch als Kindheitserinnerung, und bekanntlich ist im Rückblick vieles schöner, als es wirklich war.

„Im Lumpensammler konzentrieren sich die ekelerregenden Dünste von Kot und Leichen“, schrieb Bernardino Ramazzini in seinem 1700 erschienen Werk „De morbis artificum diatriba – Untersuchung von den Krankheiten der Künstler und Handwerker“. Kein Wunder also, dass das mit dem zu betörenden Mädchenherz und dem Lumpensammler, wie im Lied angedeutet, nicht so harmonisierte.

Es waren auch meist Alte und Gebrechliche, die das Lumpensammeln als Ertrag bringende Tätigkeit für sich entdeckten. Aus gutem Grund. Wer erst damit begonnen hatte, durfte nicht hoffen, damit alt zu werden. Milzbrand war eine der häufigsten Todesursachen in diesem Beruf. Darüber hinaus Infektionskrankheiten wie Blattern, Krätze, Rotlauf, Typhus und Cholera.

Das harmlose Wort Lumpen macht einem keine Vorstellung davon, was alles auf den Karren der armen Schlucker landete, die sich mit diesem Gewerbe ihr tägliches Brot verdienten. Die größte Menge davon nahmen Stofffetzen ein, die so verdreckt waren, dass ihr weiterer Einsatz im Haushalt niemandem mehr zumutbar war: Sie nahmen das, was Frauen sich allmonatlich zwischen die Schenkel klemmten, dann Tücher, die zur Krankenpflege benutzt wurden, Lappen, die eitrige Wunden verbanden, Stoffreste, die zugige Winkel abgedichtet hatten, Putzlappen und so fort. Feucht, verschimmelt, voll von Würmern, Maden, Insekteneiern.

Doch wofür all die Lumpen? Vor allem wurden sie zur Papiergewinnung verwendet. Die Nachfrage von Stoffabfällen stieg stetig seit der Verbesserung des Buchdrucks durch Gutenberg. Papier und darum auch der Rohstoff Lumpen waren plötzlich so begehrt, dass selbst oben auf der Kanzel die Pfarrer sogenannte Lumpenpredigten abhielten, ein Sammelaufruf zur Nachhaltigkeit. Wo man zuvor nur auf Pergamentpapier schrieb, das aus Leder gewonnen wurde, wusste man nun die alten Fetzen zur Papiergewinnung einzusetzen: Feine Lumpen lieferten feines Papier, grobe Lumpen grobes Papier, wollene Lumpen Löschpapier. In England war das Leinen, das je nach Qualität für Post- oder Konzeptpapier verwendet wurde, so gefragt, dass eine Zeit lang die Totenhemden aus Wolle genäht wurden und nicht aus Leinen.

Die Aufgabe des Lumpensammlers bestand zuerst darin, sich die Lumpen zu verschaffen. Dies tat er, indem er mit einem Karren durch die Straßen lief und mit lauter Stimme sein Anliegen ausrief: „Ich habe eine ganz gute Stimme, die auf der Straße zehn Häuser weit schallt und auch im zweiten und dritten Stockwerk, selbst in den hinteren Räumen gehört wird“, bekannte ein stolzer Haderlump – Hader ist ein altes Wort für Lumpen. Zum Tausch bot er Kurzwaren an. Er selbst wurde von den Papierfabriken nach Qualität und Menge der Lumpen in barer Münze bezahlt.

Vieser
Durch die Welt der verschwundenen Berufe führt Sie die Journalistin und Autorin Michaela Vieser (r.). Von ihr erschien zuletzt das...Foto: privat


Am Ende des Tages wurde alles auf dem Lumpenboden ausgeschüttet und dort von Frauen und Kindern sortiert, gegebenenfalls wurden Schnallen, Knöpfe und dergleichen abgetrennt. Dann schnitt man die Stoffe in kleine Stücke. In der Papiermühle wurden die Fetzen von Papiermachern eingeweicht und zu Fasern zerstampft, aus deren Brei sie das Papier schöpften.

Von Beginn an war das Gewerbe der Lumpensammler ein Auffangbecken für Menschen, denen nichts anderes mehr blieb. An dem geringen Ansehen änderte sich auch mit der immer stärker voranschreitenden Organisation des Berufes nichts. Jeder Sammler war einer bestimmten Papiermühle zugeteilt, diese achteten darauf, dass in ihrem Bezirk nur ihre Sammler tätig waren. Um dies zu kontrollieren, wurden die Lumpensammler mit Pässen ausgestattet. Der des Sammlers Roß aus dem Jahre 1767 beschreibt ihn als „aus Ochtrup bürtig, fünffzig Jahre alt, mittlerer Statur, blauer Rock, bräunliche Augen, braune Haare“.

Doch auch die Organisation schützte nicht vor Problemen. So kam es einmal dazu, dass sich die Hannoverschen Papiermühlen bei ihrer Obrigkeit beschwerten, dass die Bürger der Stadt nur schlechte Lumpen abgaben. Man vermutete zwar, dass die feinen Bürger auch feine Stoffe für feines Papier hätten, davon landete aber nichts auf den Karren der Sammler. Es dauerte eine Zeit, bis man erkannte, dass der Engpass einzig an den Mägden und Dienstboten der Bürgerhäuser lag: Die neideten den Lumpensammlern den Verdienst in barer Münze bei den Mühlen, während sie von den Sammlern nur Kurzwaren zum Tausch erhielten.

Seit dem 17. Jahrhundert häuften sich Vorfälle von Lumpenschmuggel. Das kommunikationshungrige Europa gierte nach Papier. Der Rohstoff Lumpen wurde zum brisanten Politikum und durfte nicht über die Landesgrenzen gebracht werden.

In der Weimarer Republik entwickelte sich die größte europäische Lumpensammelbörse in Berlin in der Spandauer Vorstadt. Hier wurden, meist von jüdischen Unternehmern, 220 verschiedene Sorten „original bunte Lumpen“ europaweit getauscht. Es gab sogar eine eigene Zeitschrift namens „Rohproduktgewerbe“, die sich mit nichts anderem beschäftigte.

Die Blütezeit des gar nicht rosigen Handwerks endete in Westdeutschland mit den Nationalsozialisten. Als Reichskommissar für Altmaterialverwertung appellierte Göring 1939 an die Bevölkerung: „Es stimmt, wir haben wenig Rohstoffe, aber wir haben sie bei uns. Die anderen haben viele Rohstoffe, aber sie müssen sie von weiter holen.“ Und: „Der Lumpen ist ein wichtiger innerdeutscher Rohstoff, ein Rohstoff, der insbesondere durch fleißiges Sammeln der Schulkinder zusammengetragen werden kann und der sein Teil dazu beitragen wird, die Rohstofffreiheit des Großdeutschen Reiches bald zu erreichen.“

Da die Kinder eifrig bei der Sache waren, blieben nicht mehr viele Lumpen für die professionellen Sammler. Erst nach dem Krieg, in Ostdeutschland, zogen sie wieder vereinzelt von Tür zu Tür. Allerdings auch nur noch ein paar Jahre.

Eine Sache konnte aber bis zum Ende nicht gebrochen werden: der Berufsstolz der Lumpensammler. Denn wenn es auch wenig war, was sie verdienten, es war ihr eigener Verdienst. Ein Text aus dem Jahre 1850 beschreibt das Selbstverständnis der Sammler so: „Ja, seh er mich nur an! – ich bin ein Lumpensammler, ein armer, jämmerlich einherziehender Kerl mit hohlem Aug und eingefallener Wange, mit verschossener, bewichster Jacke und zerrissener Hose. – Braucht nicht verächtlich wegzuschauen von meiner bleichen Gestalt, oder das Sacktuch vor Nase und Maul zu halten, weil ich eben keinen Ambra- oder Moschusduft von mir gebe, wie die feinen Pflastertreter, die um nichts besser sind, als die Lumpen in meinem Sack. Ich bin ein ehrlicher Kerl, der des Lebens Mühe und Qual bis auf die Neige geleert hat und in dem Meere des Wehes und der Schmerzen, auch wohl zivilisierte Gesellschaft genannt, untergesunken ist, bis er auf dem Lumpensack zu liegen gekommen.“

Kommende Woche: Der Sesselträger

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