Wirtschaft : Angst vor dem Auftritt

In der deutschen Wirtschaft sind wortgewandte Manager selten. Doch richtig Reden kann man lernen. Rhetorik-Trainer geben Tipps

Claudia Obmann
Große Begeisterung löste der heutige US-Präsident Barack Obama aus, als er 2008 an der Berliner Siegessäule sprach. Foto: Mike Wolff
Große Begeisterung löste der heutige US-Präsident Barack Obama aus, als er 2008 an der Berliner Siegessäule sprach. Foto: Mike...Foto: Mike Wolff

Nicht jeder ist ein Barack Obama, der seine Zuhörer mit freier, pointierter Rede fesselt. Aber als Amateur, der seine Powerpoint-Folien vorliest und so das Publikum langweilt, sollten Manager auch nicht auftreten. „Rhetorisches Können, um Visionen und Strategien mitreißend zu vermitteln, wird im globalen Wettbewerb um Top-Positionen immer wichtiger“, sagt Sörge Drosten, Geschäftsführer bei der internationalen Personalberatung Kienbaum Executive Consultants.

„Betreutes Lesen“, lästert der Schweizer Rhetoriktrainer Matthias Pöhm über Powerpoint. Er veranstaltet jedes Jahr ein Manager-Training in München. Gerade gründet der Schweizer in seiner Heimat die „Anti-Powerpoint-Partei“. Für seinen PR-Gag braucht er mindestens 32 000 Mitstreiter. Sie dürfen aus aller Welt stammen, die Registrierung erfolgt online, die Mitgliedschaft ist gratis.

Der Bedarf an Redetrainings in der deutschen Wirtschaft ist groß; wortgewandte Vorstände und Geschäftsführer sind selten. Deutsche Manager rangieren hinter Amerikanern und Briten, die sich während der Schulzeit an die freie Rede gewöhnen und sich an der Uni in Debattierclubs messen. Sogar die Franzosen sind – zumindest in ihrer Muttersprache – rhetorisch überlegen, „weil in Frankreich angehende Politiker und Wirtschaftsführer gemeinsam ausgebildet werden“, sagt Drosten. „Deutschen Akademikern in den ersten Berufsjahren fehlt es an Rede-Erfahrung“, bestätigt auch Peter Ditko, Gründer und Leiter der Deutschen Rednerschule in Berlin. „Die Industrie hat lange vernachlässigt, dass der passende Auftritt ein Erfolgsfaktor ist. Heute werden Ideen und Innovationen im großen Rahmen vorgestellt und nicht mehr nur von Fachleuten diskutiert. Wer sich da nicht gut präsentiert, hat im Top-Management kaum eine Chance“, sagt er.

Von der Ära Helmut Schmidt bis zu Kanzlerin Angela Merkel – seit über drei Jahrzehnten ist Ditko die erste Adresse für die Mitglieder der Bundesregierung und der Oppositionsparteien, die geschliffen parlieren müssen. Neben Polit-Promis, die bei ihm in Bonn, inzwischen auch in Berlin, Nachhilfe bekommen, trainiert er auch Vorstände und Manager von Dax-Konzernen wie Telekom, Metro oder RWE. Seine Firmen-Schüler bittet er ebenso wie Politiker zum Einzelcoaching auf sein Seminarschiff, das am Reichstag vor Anker liegt.

Denn auch erstklassige Redner wie der amerikanische Präsident oder der deutsche Grünen-Politiker und Ex-Außenminister Joschka Fischer mit seinen teilweise provokanten Auftritten, feilen ständig an ihrer Darbietung. Jeder kann das Handwerk der fesselnden Rede erlernen, sind sich Trainer einig. „Die besondere Herausforderung für Führungskräfte liegt darin, die gesamte Klaviatur der Kommunikation zu beherrschen. Also im richtigen Moment den richtigen Ton zu treffen“, sagt Gabriele Zienterra vom Zienterra-Institut für Rhetorik und Kommunikation. Dazu ist ein Bewusstsein für die psychologische Wirkung von Sprache wichtig. „Viele Manager formulieren stark abwertend oder arbeiten mit negativen Bildern wie ,draußen herrscht Krieg'. Das löst jedoch Ängste und Abwehrreaktionen aus statt Motivation“, sagt Zienterra. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie die erste, vor 50 Jahren in Deutschland gegründete Rhetorik-Schule. Sie trainieren Manager, aber auch Führungsnachwuchs in Bornheim bei Bonn und in Berlin sowie bei Unternehmen vor Ort. „Zunehmend gefragt ist persönliches Coaching für den überzeugenden und sicheren Auftritt“, sagt Zienterra. Denn „unter Redeblockaden leiden mehr Manager als man denkt“.

Herzrasen, Knoten im Hirn. Gegen solche Symptome vor dem Auftritt hilft nur gnadenlose Konfrontation, meint Mathias Pöhm. Um von ihm ins kalte Wasser geworfen zu werden, muss man 6000 Euro zahlen: Dafür absolvieren die je zwölf Teilnehmer einen Rhetorik-Marathon. Zwei Tage lang legen sie mindestens 17 Auftritte hin: Sie sprechen über Themen wie „Deutsche Soldaten in Afghanistan“ oder müssen Zuhörer vom Tempolimit auf Autobahnen überzeugen. Und noch mehr: Im nächsten Saal müssen sie begründen, warum Firmen möglichst hohe Profite erzielen sollten. Geübt wird so lange, bis die die Rhetoriktricks sitzen. Der Clou sind mehr als 100 zahlende Besucher, die Redner an Lampenfieber und Bühnenbedingungen gewöhnen.

Systematisches Redetraining auf die sanfte und unterhaltsame Art – das ist das Konzept der Toastmasters-Clubs. „Bei uns kann jeder mitmachen, um die Scheu vor Auftritten zu überwinden und Fertigkeiten der freien Rede zu üben“, lädt Manfred Grams, Präsident des Kölner Clubs, Studenten, Berufstätige oder Selbstständige zum kostenlosen Schnuppern bei den „Meisterrednern“ ein. Damit unterscheidet sich die globale Rednervereinigung mit in Deutschland derzeit rund 50 Vereinen von Uni-nahen Debattierclubs oder kostspieligen Power-Seminaren.

Egal, ob ein deutscher oder englischer Abend ansteht, das zweistündige Clubtreffen nach amerikanischem Vorbild folgt stets dem gleichen Ritual: Auf die Aufwärmphase mit Begrüßung und Stegreif-Improvisation folgen vorbereitete Vorträge. Worüber ein Toastmaster spricht, entscheidet er selbst. Die Mitglieder bereiten sich dazu zu Hause per Handbuch vor. Dort sind zehn Redeprojekte mit unterschiedlichen Aufgaben, Schwierigkeitsgraden und Tipps beschrieben. Sie decken alle Facetten eines guten Auftritts ab. „Wir haben Teilnehmer, die sich ein paar Wochen auf eine berufliche Redesituation vorbereiten, und andere, die seit Jahren jeden Dienstag kommen, um zu üben“, sagt Grams.

Für die fünf Redner des Abends heißt es, jeweils fünf bis sieben Minuten auf der Bühne durchzuhalten. Ohne Pult zum Verstecken, ohne Mikro zum Festhalten. Für ihren Mut werden die Redner von ihren Clubkameraden mit Lob überschüttet. Wissen doch alle, wie wackelig man sich allein im Rampenlicht fühlt. „Toastmasters sind Feedback-Junkies“, sagt Marcus Keutel, Doktorand und angehender Unternehmensberater. Er ist seit einem Jahr dabei, hat auch an regionalen und überregionalen Redner-Wettkämpfen teilgenommen. Keutel schätzt das faire Urteil seiner Mitstreiter und findet die Kombination deutscher und englischer Auftritte hilfreich. „Hier ist Platz zur rhetorischen Entwicklung.“ HB

0 Kommentare

Neuester Kommentar