Ausbildung in Berlin : Migranten für die Metaller

Das Integrationsprojekt „Berlin braucht dich“ wird vom öffentlichen Dienst auf die Industrie erweitert.

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Erfolgreich. Durch die Initiative ist die Quote von Azubis mit Migrationshintergrund in landeseigenen Betrieben schon auf ein Fünftel gestiegen.
Erfolgreich. Durch die Initiative ist die Quote von Azubis mit Migrationshintergrund in landeseigenen Betrieben schon auf ein...Foto: Caro / Jandke

Berlin - Am kommenden Mittwoch gibt es eine Filmpremiere. Bei MAN Diesel & Turbo in Tegel schauen sich die Gäste im Rahmen einer „feierlichen Inbetriebnahme“ an, was die hauptstädtische Metall- und Elektroindustrie so zu bieten hat: „Die neuen Berufe bei ,Berlin braucht Dich!’“ heißt der Film. Und mit der „Inbetriebnahme“ ist die Übertragung eines Projekts vom öffentlichen Dienst auf die Industrie gemeint. Es geht dabei um die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die Arbeitswelt. Bei den Behörden und Unternehmen des Landes Berlin funktioniert das mit Hilfe der Kampagne „Berlin braucht Dich“ inzwischen ganz gut: Unter den Azubis im öffentlichen Dienst und bei den landeseigenen Betrieben hat inzwischen fast jeder Fünfte eine Migrationsgeschichte. Der Anteil bei der BVG lag zuletzt bei 23,7 Prozent, bei der Polizei sind es 22,6 und bei den Wasserbetrieben 13,2 Prozent.

Christian Kahmann ist bei den Berliner Wasserbetrieben mit ihren 4800 Mitarbeitern zuständig für die Ausbildung. Jedes Jahr kommen 80 neue Azubis ins Haus, die in 17 Berufen ausgebildet werden. Kahmann hat Erfahrung mit der Kampagne „Berlin braucht Dich“, die seit 2006 vom Beruflichen Qualifizierungsnetzwerk für Migranten (BQN) organisiert wird. BQN wiederum ist ein Projekt der Berliner Integrationsbeauftragten. „Ein tolles Konstrukt“, sagt Kahmann. Es geht dabei bislang um die Zusammenarbeit von 32 Schulen und 45 öffentlichen Ausbildungsbetrieben – darunter Senatsverwaltungen und Bezirke, Feuerwehr, Polizei und Wohnungsgesellschaften.

Das Ganze funktioniert in vier Stufen: In der 7. Klasse gibt es einen Schnuppertag im Betrieb, in der 8. Klasse eine Woche Praktikum, in der 9. drei Wochen Praktikum und schließlich ein Bewerbungstraining. „Das Interesse muss geweckt werden und die Neugierde der Schüler“, sagt Sabine Drochner von der Zuckmayer-Schule in Neukölln mit 98 Prozent Migrantenanteil.

Drochner und Kahmann sind Protagonisten von „Berlin braucht Dich“. Kahmann, seit Ende der 70er Jahre bei den Wasserbetrieben, hat dadurch „viele neue Erkenntnisse gewonnen“. Vielleicht die wichtigste: „Ausbildung ist aufwendiger geworden.“ Die jungen Leute seien anspruchsvoll und wollten im Rahmen des Schnupperpraktikums so viel wie möglich kennenlernen. „Wenn die zwei Tage dasselbe machen, gibt es scharfe Kritik.“ Grundsätzlich sei es schwierig, sich in die Jugendlichen zu versetzen; und bei solchen mit Migrationshintergrund oft noch schwieriger. Zum Beispiel bei dem Thema Kopftuch. Das war früher bei den Wasserbetrieben aus Sicherheitsgründen verboten – wodurch eine bestimmte Gruppe von vornherein ausgeschlossen wurde. Nun sind die Tücher erlaubt, sofern sie aus Baumwolle sind und deshalb nicht schnell Feuer fangen können.

Ist es also mühsamer mit Migranten als mit Deutschstämmigen? „Ja und nein“, sagt Kahmann. In der Regel seien alle jungen Leute wissbegierig und „mit unheimlichen Stolz dabei“. Der Ausbilder müsse sich aber auf den hohen Kommunikationsbedarf einstellen. „Nichts erklärt sich von selbst“, sagt Kahmann. „Man muss den Jugendlichen erklären, warum Pünktlichkeit wichtig ist.“

Arno Hager, Chef der Berliner IG Metall, hatte die Idee, „Berlin braucht Dich“ auf die Metallindustrie zu erweitern. Hager spricht von einem „Projekt für Kids in den Schulen, die etwas werden wollen“. Mit Vorteilen für alle Beteiligten: Perspektive für die Schüler, geringere Motivationsprobleme in der Schule („Lernen lohnt sich wieder“), und die Betriebe könnten sich über einen längeren Zeitraum die jungen Leute anschauen „und dann mit der Ausbildung etwas für ihr Diversity-Programm tun“, wie Hager sagt. Die Zukunft ist vielfältig.

Klaus-Dieter Teufel vom Arbeitgeberverband VME sieht das auch so. Die meisten Berliner Betriebe hätten Nachholbedarf bei der Ausbildung, besonders bei jungen Migranten. „Der Migrationshintergrund wird oft gleichgesetzt mit Defiziten“, ärgert sich Teufel. Zwar gebe es momentan noch ausreichend Bewerber für die zumeist gut dotierten Ausbildungsstellen in der Metall- und Elektroindustrie. „Doch das sieht bald anders aus.“ Und so hofft der Arbeitgebervertreter, dass nach Konzernen wie Siemens, Mercedes, ZF, ABB oder MAN vor allem auch die kleinere Betriebe bei der Initiative mitmachen.

„Das Ganze steht und fällt mit den Beteiligten“, sagt Kahmann von den Wasserbetrieben. Und auch für Lehrerin Drochner ist ein fester Ansprechpartner in den Betrieben ganz wichtig. Sieben ihrer Schüler waren zum Schnupperpraktikum bei den Wasserbetrieben. „Die schwärmen davon.“ Vielleicht bewirbt sich jemand von ihnen für einen Ausbildungsplatz. Ausbildungsleiter Kahmann würde sich freuen.

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