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Berliner Fotograf in Detroit : Wie junge Farmer die Pleitestadt der Autoindustrie erobern

In Detroit schlug einst das Herz der US-Autoindustrie. Jetzt steigt dort wieder die berühmte Detroit Motor Show. Im Herbst 2014 zog ein Berliner Fotograf durch die fast entvölkerten Straßen im Zentrum der Pleitestadt. Hier nochmal sein Bericht

Christoph Stöppler
Vorerst geschlossen. Dieser Laden für Cadillac-Zubehör war 2014 verfallen.
Vorerst geschlossen. Dieser Laden für Cadillac-Zubehör war 2014 verfallen.Foto: Christoph Stöppler

Im Februar 2013 hatte die Regierung des US-Bundesstaates Michigan die verarmte Metropole Detroit unter Zwangsverwaltung gestellt. 2014 zog der Berliner Fotograf Christoph Stöppler kreuz und quer durch die Stadt, um ihren Verfall rund um die Downtown und zu dokumentieren - und einem damals neuen Trend nachzuspüren: Dem "Urban Farming". Junge Leute besetzten Brachflächen, um Bio-Landwirtschaft zu betreiben. Einige Fotos von dieser Reise gibt es an dieser Stelle zu sehen, weitere Motive der Reihe aktuell auch in der Ausstellung "Detroit Images" in der Caritas Galerie in Berlin - noch bis zum 3. Februar 2017. (Hier die Adresse und Öffnungszeiten).

Detroit: Wo 1908 Fords "Model T" vom Band rollte

Der junge Farmer Noah Link steht auf seinem Feld, sein Blick wandert entlang der Reihen mit Kohl und Salat hinüber zu den Obstbäumen, den Gewächshäusern, „alle mithilfe freiwilliger Helfer gebaut“, sagt er. Dann weiter zu den Hühnern: Wo die jetzt gackern, kreischten einmal Kinder auf dem Schulhof – Arbeiterkinder aus dem Norden von Detroit, Michigan. Diese Stadt galt einst als eine der reichsten Metropolen der Welt, sie war das Herz der US-Automobilindustrie: Detroit Motor City. Aber das trifft es heute nicht mehr.

Die Stadt ließ die Schule mangels Schülern vor Jahren abreißen. Da kam Noah aus Lansing, der Hauptstadt Michigans, nach dem Studium mit einem Freund, kaufte dem Staat die fünf Acres, etwa zwei Hektar Schulgelände, ab und baute dort seine Farm Foodfield auf – nur wenige Straßen entfernt vom heute nicht mehr so stolzen Villenviertel Boston Edison, wo einst auch Henry Ford lebte. Der brachte 1908 das legendäre Model T auf den Markt, das erste Fließbandauto der Welt und bis 1972 das meistverkaufte Auto überhaupt.

Urban Farming in Detroit
Terra Farms heißt ein kleines Urban-Farming-Projekt in Norden von Detroit.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Christoph Stöppler
09.11.2014 17:42Terra Farms heißt ein kleines Urban-Farming-Projekt in Norden von Detroit.

„The city that changed the world“, wie der Detroiter Fotograf Bill Rauhauser (95) seine Stadt einst nannte, erlebte einen beispiellosen Niedergang: Fast alle Fabriken in der Stadt, die sich fast ausnahmslos auf die Automobilindustrie konzentrierten, stehen heute leer. Einige schon seit mehr als 40 Jahren, andere erst seit der Wirtschaftskrise ab 2008. Im Juli 2013 musste Detroit Insolvenz anmelden und steht nun als erste US-Großstadt unter Zwangsverwaltung: Von einst 1,8 Millionen Einwohnern sind nur 700 000 geblieben, viele von Ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Geschätzte 80 000 Häuser und Wohnungen stehen leer.

Mit die höchste Kriminalitätsrate der USA

Die Stadt hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der USA, die Feuerwehr und Polizei lassen schon einmal eine Stunde auf sich warten, zeigen Statistiken. Schulen und Krankenhäuser wurden geschlossen.

Die so entstandenen Freiräume locken seit wenigen Jahren Kulturschaffende in leere Fabriketagen. Die internationale Club-Szene feiert Detroit längst als „das Berlin der frühen 90er“. Doch die Träger des neusten Trends dieser Stadt kommen eher un-hip daher: Wie die ersten Siedler erobern auch sie dieses Land in der Stadt zwischen verrammelten Häusern mit dem Spaten, sie betreiben Kleinviehzucht entlang der „8 Mile Road“, die die Stadt von den wohlhabenderen Vororten trennt, bekannt aus dem Film des Rappers Eminem aus dem Jahr 2002.

"Terra Farms", eines von vielen kleinen Landwirtschaftsprojekten in Detroit. Diese Farm betreiben die Veganer Sam und Katelyn Becze.
"Terra Farms", eines von vielen kleinen Landwirtschaftsprojekten in Detroit. Diese Farm betreiben die Veganer Sam und Katelyn...Christoph Stöppler

Acker- statt Autobau: Das klingt wie Rückschritt, kommt aber fortschrittlich daher. So gewinnt Noah Link seinen Strom aus Solarzellen, er legt auch Wert darauf, dass seine Produkte „organic“, also „bio“, sind. Auch wenn er sie nicht so nennen darf, weil er sich – wie die meisten Urban Farmer Detroits – die Kosten für die Zertifizierung sparen will.

Auf dem „Eastern Market“, dem größten Handelsplatz für Detroiter Agrarprodukte, wird der Wettbewerb zwar stärker, berichtet Noah, „aber derzeit ist noch genug Platz für alle da“ – obwohl diese Landwirtschaft für ihn und seinen Kompagnon nicht genug zum Leben abwirft: Neben dem Marktverkauf beliefern sie zusammen mit vier weiteren Farmen 80 private Haushalte mit wöchentlichen Obst- und Gemüsekisten. Die gesamte Ernte kann er so absetzen. Und sollte doch einmal etwas übrig bleiben, spendet er es an karitative Einrichtungen. Nebenbei arbeitet Noah in einem Restaurant.

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