Bertelsmann-Studie zu sozialer Gerechtigkeit : Armutsbekämpfung in Deutschland nur Durchschnitt

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kritisiert Defizite in der Bildung und Armutsbekämpfung der Bundesrepublik. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im unteren Mittelfeld.

Quelle: Bertelsmann-Stiftung, Tsp/US

Das deutsche Sozialsystem ist mittelmäßig – so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung. Unter den 31 OECD-Staaten kommt die Bundesrepublik bei der sozialen Gerechtigkeit lediglich auf Platz 15 – damit ist sie nur leicht besser als der OECD-Durchschnitt. Defizite gibt es laut Studie vor allem bei der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt und bei der Armutsbekämpfung.

Unter „sozialer Gerechtigkeit“ versteht die Bertelsmann Stiftung, dass allen „durch gezielte Investitionen in die Entwicklung individueller Fähigkeiten“ die gleichen Chancen garantiert werden. Sie nennt das „Teilhabegerechtigkeit“. Um diese zu bestimmen, nahmen die Autoren die Themen Armutsvermeidung, Bildungszugang, Arbeitsmarkt, sozialer Zusammenhalt und Gleichheit sowie Generationengerechtigkeit unter die Lupe. Dass Deutschland in der Gesamtwertung nur im Mittelfeld liegt, begründet die Stiftung vor allem mit der Armut, allen voran der Kinderarmut. Laut Studie ist jedes neunte Kind in Deutschland arm. „In einer zukunftsfähigen Sozialen Marktwirtschaft dürfen wir uns damit nicht zufriedengeben“, sagte Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. Selbst in Ungarn und Tschechien ist die Kinderarmut geringer als in Deutschland. In Dänemark, das beim „Gerechtigkeitsindex“ auf Platz 3 landete, liegt sie sogar nur bei 2,7 Prozent, in Deutschland sind es 10,8 Prozent.

Auch beim Zugang zu Bildung sind die nordeuropäischen Länder weit voraus. Zwar hätten sich die Leistungen deutscher Schüler und Schülerinnen in der letzten Pisa-Studie verbessert, Chancengleichheit sei aber weiterhin kaum gegeben. Kinder aus einem sozial schwachen Umfeld hätten in Deutschland viel geringere Chancen, am Wohlstand teilzuhaben, als in anderen Ländern. Daher liegt Deutschland bei der Bewertung des Bildungszugangs weit unter dem OECD- Durchschnitt. Nur in Österreich, Frankreich, Neuseeland, Belgien und Ungarn sei diese Chancengleichheit noch schwächer ausgeprägt als hierzulande.

Selbst bei der Bewertung des Arbeitsmarktes landet Deutschland mit Platz 15 nur leicht über dem Durchschnitt. Trotz steigender Zahl an Erwerbstätigen besteht laut der Bertelsmann Stiftung auf dem Arbeitsmarkt eine Gerechtigkeitslücke. Einigen Gruppen werde der Zugang zur Beschäftigung weiterhin „massiv erschwert“. Dazu gehörten Geringqualifizierte. Sie finden laut Studie viel seltener eine reguläre Beschäftigung als in den meisten anderen OECD-Ländern. Hinzu komme das typisch deutsche Problem der Langzeitarbeitslosigkeit. Wer von ihr einmal betroffen sei, finde nur schwer eine Arbeit. Gründe dafür sind laut Studie häufig Krankheiten, eine zu geringe Qualifikation und veraltetes Wissen.

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, bewertete die Bertelsmann-Studie als „ein Armutszeugnis für das reiche Deutschland“. Sie bekräftigte die Forderung nach flächendeckenden Mindestlöhnen, damit Erwerbstätige von ihrer Arbeit auch leben könnten, hieß es in einer DGB-Stellungnahme.

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