Chef des Außenwerbers JCDecaux : "Wir wissen, wie man mit Entscheidungsträgern umgeht"

Jean-François Decaux, Miteigentümer und Chef von JCDecaux, Weltmarktführer für Stadtmöbel und Außenwerbung, über Rabatte für Berliner Politiker, klamme Stadtkassen und Wartehäuschen mit USB-Anschluss

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Jean-François Decaux kennt Berlin gut. 1982 kam er erstmals in die Stadt, seine Frau wurde hier geboren. Decaux spricht perfekt Deutsch.
Jean-François Decaux kennt Berlin gut. 1982 kam er erstmals in die Stadt, seine Frau wurde hier geboren. Decaux spricht perfekt...Foto: Mike Wolff

Herr Decaux. Ihre Marke Wall will auch künftig Berlins Stadtbild prägen dürfen. Was bedeutet der Ausgang der Wahl und der rot-rot-grüne Koalitionsvertrag für Sie?

Die Politik hat natürlich einen Einfluss auf unser Geschäft. Sie bestimmt den Rahmen der Verträge und wie die Stadtgestaltung aussehen soll. Doch wir arbeiten mittlerweile weltweit mit über 4000 Städten in 75 Ländern zusammen. Die Parteifarbe ist nicht entscheidend.

Sondern?

Die Inhalte! Ich hoffe, dass man im neuen Senat versteht: Das Kerngeschäft von Wall und JCDecaux ist weder der reine Verkauf von Wartehallen noch der reine Betrieb von Toilettenhäuschen. Wir sind ein Medienunternehmen, das den Städten Komplettlösungen anbietet, die über Werbung finanziert werden.

Und Sie haben den Wahlkampf mitfinanziert. Im Sommer konnte man lesen, dass Sie Landespolitikern besonders hohe Rabatte für Plakatwerbung gewährt haben.

Das ist ein böses Gerücht. Wir haben alle Parteien gleichbehandelt. Wir verabschieden immer zu Beginn eines Jahres, auch im Hinblick auf Wahlen, feste Rabattsätze. Und die haben sich im üblichen Rahmen bewegt. Es gab  keine besondere Praxis in diesem Jahr.

Genießt Politik bei Ihnen höhere Rabatte als gewerbliche Kunden?

Nein.

In welchem Volumen gewähren Sie Rabatte?

Zwischen 5 und 50 Prozent.

Auf den Normalpreis für ein einzelnes Plakat?

Nein. Wir haben Preise für zu buchende Netze - und gestalten diese auch abhängig von Jahreszeiten. Wir haben im Sommer politische Parteien wie andere Großkunden behandelt.

Wirklich alle Parteien? Von Kommunisten bis zur NPD?

Es hängt natürlich auch immer von den Budgets ab, die zur Verfügung stehen. Wir haben Anfragen bearbeitet von der CDU, über die SPD bis zu den Grünen.

Es gab auch Berichte, Sie hätten Abgeordneten ungefragt hochpreisige Konzertkarten zugeschickt. Auch ein Gerücht?

Das können wir ebenso klar dementieren. Wir haben einen weltweit gültigen Compliance-Kodex im Unternehmen. Wir sind in Deutschland in mehr als 60 Städten unterwegs und wir wissen, wie man mit Verwaltung und Entscheidungsträgern umgeht. Wir verschicken daher garantiert keine hochpreisigen Konzertkarten ungefragt an irgendwen! Wie andere Anbieter am Markt dies handhaben, entzieht sich jedoch unserer Kenntnis.

Jean-Francois Decaux, Chef der Firmengruppe JCDecaux und der Wall GmbH, beim Tagesspiegel-Gespräch in Berlin.
Jean-Francois Decaux, Chef der Firmengruppe JCDecaux und der Wall GmbH, beim Tagesspiegel-Gespräch in Berlin.Foto: Mike Wolff

In Leipzig konnten Sie im Mai einen neuen Vertrag unterschreiben. Die zuständige und parteilose Stadträtin wollte die Stadtmöblierung nach 25 Jahren Decaux an ein städtisches Unternehmen vergeben, wurde vom SPD-Bürgermeister aber überstimmt. (Hier Hintergrund bei der "Leipziger Volkszeitung") Wie haben Sie den überzeugt?

Wir waren die erste Firma, die in Städten der ehemaligen DDR - zum Beispiel Leipzig, Dresden und Rostock - nach der Wende massiv investiert hat. In Leipzig hatten wir im Februar 1990, also noch vor der Wiedervereinigung, die ersten Wartehallen vor der Thomaskirche aufgestellt und waren damit das erste sichtbare Zeichen des Wandels im Stadtbild. Wir haben in 25 Jahren als Partner der Stadt alle unsere Zusagen eingehalten.

Treue und Tradition. Das genügt?

Nein, die Ausschreibung dort war sehr schlecht konzipiert und brachte kein befriedigendes Ergebnis. Daher hat der Oberbürgermeister und der Stadtrat von Leipzig am Ende einstimmig beschlossen, unseren Vertrag um zweieinhalb Jahre zu verlängern, um eine bessere Ausschreibung aufzusetzen.

Wie nutzen Sie die Zeit?

Zum Beispiel haben wir uns darauf geeinigt, dass wir die digitale Außenwerbung in Leipzig ausprobieren - nach Städten wie New York und Berlin. Dann kann die Stadt für sich entscheiden, wie hoch der Anteil an digitaler Außenwerbung im Stadtbild sein soll. 

Über diese Technologie sprechen wir noch. Aber vorher über Ihre Verträge mit dem Land Berlin.

Hier läuft der Straßenland-Vertrag Ende 2018 aus, die Verträge mit der BVG laufen noch bis 2020. Es gibt für uns zwei Kernfragen. Die erste: Welches Modell ist gewünscht? Wenn die Stadt mit Steuerzahlergeld die Möbel kauft und sich nur einen Partner für die Vermarktung sucht, entspricht das nicht unserem integriertem Geschäftsmodell. Wir stellen die Stadtmöbel gratis - und machen alles aus einer Hand. Das hat sich in 4000 Städten weltweit bewährt und hat dazu beigetragen, dass die Qualität der Außenwerbung enorm gestiegen ist.

Und Ihre zweite Frage an den Senat?

Ob er mehrere Lose ausschreibt, oder ob er größere Pakete schnürt.

Wo wäre das Problem bei vielen Losen?

Die machen es kompliziert und teurer. Auf Basis der Ende Oktober veröffentlichen Ausschreibung müssen wir aktuell von mindestens sieben Losen in Berlin ausgehen.

Welche sind das?

Eines für digitale und hinterleuchtete Werbung, eines für die klassischen Litfaßsäulen, noch eines für Uhren und eines für Mastenschilder. Die BVG führt derzeit eine Markterkundung durch, um mögliche Loszuschnitte zu erarbeiten. Wahrscheinlich sind ein Los für Wartehallen, eines für die Verkehrsmittelwerbung in Bussen, Trams und U-Bahnen und wohl noch ein Los für die Fahrgast-TV-Informationen, das sogenannte Berliner Fenster.

Je mehr Lose, desto mehr Einnahmen, denkt man in Rathäusern.

Stimmt, das ist in Deutschland derzeit ein Trend. Das Bundeskartellamt hatte vor fünf Jahren eine sogenannte Sektorenuntersuchung eingeleitet und den Städten eine Empfehlung ausgesprochen: In großen Städten mit mehr als 400.000 Einwohnern mindesten zwei Lose und in kleineren Städten: eines. Heute haben wir in Münster ein Los, in Hamburg drei. Und in Berlin künftig mindestens sieben? Das passt nicht.

Wenn es bei sieben Verträgen bleibt, wären sie raus?

Interesse an den Werbeaufträgen haben wir, natürlich. Bei den Toilettenaufträgen würden wir uns nicht mehr bewerben, wenn Werbung zur Refinanzierung dieses Service nicht mehr zugelassen wird. Wir sind kein reiner Toilettenbetreiber!

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