Der Duft der DDR : In allen Platten roch's nach Wofasept

Hin und wieder löst ein Geruch Erinnerungen an die DDR aus. Schuld ist ein Reinigungsmittel namens Wofasept - das es heute immer noch gibt.

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Wofasept gibt es auch heute noch - es riecht allerdings weniger penetrant.
Wofasept gibt es auch heute noch - es riecht allerdings weniger penetrant.Foto: ullstein bild

Ein Atemzug und alles ist wieder da. Trübes Licht, graue Fassaden, knatternde Zweitakter, meckernde Vopos. Der Geruch, der diese Bilder aus der Vergangenheit holt: scharf, muffig, ein bisschen nach Plastik. Manchmal kann man ihn noch riechen: wenn man einen Plattenbau betritt, ein Amtsgebäude, einen Bahnhof. Dort wurde es versprüht, jahrzehntelang und wohl in rauen Mengen. Wofasept war das Desinfektionsmittel schlechthin in der DDR, hergestellt bei Wolfen Farben, später Chemiekombinat Bitterfeld.

Eine Nase voll Chemie und ein ganzes Land ersteht wieder auf? „Geruchs-Erinnerungen sind sehr stabil“, sagt Hanns Hatt, Geruchsforscher an der Ruhr-Universität Bochum. „Schon kleine Mengen eines Geruchs reichen aus und das gesamte Paket an Erlebnissen und Empfindungen wird ausgepackt.“ Über den typischen Geruch der DDR und wie er sich zusammensetzt, haben Wissenschaftler und Journalisten lange gerätselt. War es die Braunkohle, mit der große Teile der Republik beheizt wurde? War es der blaue Dunst, den die Zweitaktmotoren in die Luft pusteten? Die Abgase der Fabriken? Eine Mischung aus allem?

Westdeutsche merkten den Unterschied

1990 fiel dem Journalisten Dieter E. Zimmer auf, dass die DDR mit ihrem Untergang Stück für Stück zu riechen aufhörte. Er machte sich auf die Suche nach dem eigentümlichen Duft, den vor allem öffentliche Gebäude verströmten. Nach einer Tour durch den Ostteil Berlins wurde er schließlich in einer Drogerie fündig. Der Geruch von Wofasept schrieb er damals, „stiftete Heimat. Er schenkte Identität“.

Auch wenn diese Worte nicht völlig frei von Ironie sein mögen, sind sie rein wissenschaftlich gesehen nicht falsch. „Viele Zeiten und viele Gegenden haben einen Wiedererkennungsgeruch“, sagt Hatt. Meist handele es sich um Naturdüfte – etwa eine Lindenallee – und Industriedüfte: eine Zuckerfabrik, eine Brauerei. „Sogar einzelne Stadtviertel haben ihren eigenen Duft. In Wien zum Beispiel gibt es eine Duftführung durch die Stadt.“ Und so sei es nicht verwunderlich, dass sich ein ganzes Land an einem einzigen Raumduft erkennen lasse. Viele Menschen in den alten Bundesländern würden ihm vom Geruch nach Bohnerwachs in Schulen erzählen. „Vielleicht war das der entsprechende Geruch des Westens.“

Was in Berlin von der DDR übrig blieb
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Besonders auffällig war der Duft des Ostens wohl vor allem für Besucher aus dem nicht-sozialistischen Ausland. Die Deutsche Reichsbahn in der DDR setzte das Mittel auch in ihren Zügen ein: für hunderttausende Westdeutsche wurde die „penetrante, leicht muffige Note“, wie sie ein Reisender beschreibt, zum Ersten, was sie von der DDR kennenlernten – und im Gedächtnis behielten. Nicht zuletzt deshalb, weil es ihn zu Hause nicht gab. Dass umgekehrt viele Ostdeutsche den Geruch nicht wahrnahmen, ist für Wissenschaftler allzu nachvollziehbar. Riechen habe auch etwas mit Gewohnheit zu tun, sagt Duftexperte Hatt. „Unsere Nase schaltet ab, wenn sie permanent demselben Geruch ausgesetzt ist.“

Heute riecht Wofasept anders

Gewöhnung trat bei denen, die im wiedervereinigten Land von West nach Ost zogen, hingegen nicht ein. Noch Mitte der 1990er beschwerte sich der damalige Bauminister Klaus Töpfer (CDU) in seinem vorübergehenden Amtssitz im ehemaligen Staatsratsgebäude über den besonderen Duft. Dieser „DDR-Geruch“ sei nicht rauszubekommen.

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung begegnet uns der Duft des Ostens im Alltag nur noch selten. Den mutmaßlichen Verursacher, Wofasept, gibt es aber noch – er riecht nur anders. Weniger penetrant. Anfang der 1990er hatte eine Gruppe von Wolfener Chemikern beschlossen, das Aus für die Wofa-Desinfektionsmittel zu verhindern. Heute produziert Kesla, wie die Firma heißt, am traditionsreichen Standort Wolfen mit rund 35 Mitarbeitern.

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