Wirtschaft : Die Dürre nach der Revolution

Tunesien hat den arabischen Frühling angestoßen. Wirtschaftlich hat der Machtwechsel wenig gebracht – die Jobkrise verschärft sich.

von und Tunis
Hängepartie. 3500 Stellen sind beim deutschen Auto-Zulieferer Leoni in Gefahr – er stellt unter anderem in Sousse Kabel her. Foto: A. Bensiek
Hängepartie. 3500 Stellen sind beim deutschen Auto-Zulieferer Leoni in Gefahr – er stellt unter anderem in Sousse Kabel her. Foto:...

Das eigentliche Ziel ihrer Revolution haben die Tunesier bis heute nicht erreicht. Diktator Ben Ali ist zwar seit mehr als einem Jahr außerLandes, doch die Armut und die Arbeitslosigkeit hat nach dem Ende des Regimes noch zugenommen. 800 000 Tunesier haben keine Arbeit, jeder vierte Erwerbsfähige ist also betroffen. In manchen Dörfern im rückständigen Süden liegt die Quote sogar bei bis zu 70 Prozent. Ein staatliches soziales Netz gibt es nicht. Immer häufiger müssen die Familien einspringen.

Jetzt verschärft sich das Problem noch. Medienberichten zufolge will der größte private Arbeitgeber des Landes, der deutsche Automobilzulieferer Leoni, 3500 Angestellte entlassen. „Seit der Revolution gibt es in unserem Werk in Mateur im Norden immer wieder illegale Aufstände und Streiks“, sagt Mohamed Larbi Rouis, Direktor für das operative Geschäft von Leoni in Tunesien. Das Unternehmen produziert an vier Standorten im Land Kabelbäume für Volkswagen, Mercedes, Audi und Peugeot. Das Verlegen der Kabel gehört zu den erstenArbeitsschritten bei der Automontage. „Wenn wir nicht produzieren,stehen bei den Automobilherstellern in Europa die Bänder still“, erklärt Rouis zur Begründung. Aus der Nürnberger Leoni-Zentrale war am Sonnabend keine Stellungnahme zu bekommen.

Die Streiks sind für die tunesischen Leoni-Beschäftigten in Mateur mithin zum Bumerang geworden. Ihre Löhne stiegen zwar von monatlich 250 auf 270 Dinar (136 Euro) – doch nun wird ihre Fabrik geschlossen. Bereits in der Revolutionszeit hatte Peugeot-Citroën das Risiko eines Produktionsstopps gesehen und darum gebeten, aus einem Werk in Rumänien beliefert zu werden. Bereits damals verloren viele Arbeiter ihre Stelle.

Auch andere Firmen haben nun nach dem Machtwechsel ganz neue Probleme. An vielen Produktionsstätten in Tunesien sei es zu Sitzblockaden gekommen, bei denen Arbeitslose forderten, eingestellt zu werden, berichtet Dagmar Ossenbrink, Geschäftführerin der Deutsch-Tunesischen Industrie- undHandelskammer. Problematisch sei vor allem, dass die Polizei nicht einschreite, um die Unternehmen zu schützen. Dennoch klagen die Manager nicht. „Die wirtschaftliche Situation ist gut, aber sicherlich haben wir hier gerade nicht die strukturierteste Lage“, urteilt Ossenbrink.

Die Deutsch-Tunesische IHK hat derweil zahlreiche Programme gestartet, um arbeitslosen Hochschulabsolventen zu helfen. „Jeder vierte Akademiker hier hat keinen Job“, sagt Ossenbrink. Das liege zum Teil auch daran, dass die Universitäten unter Ben Ali fast jedem ein Studium ermöglicht hätten, allerdings völlig vorbei am Bedarf auf dem Arbeitsmarkt. „Vielen wird wohl nur eine Umschulung übrig bleiben.“

In Deutschland wirbt die Kammer trotz der unübersichtlichen Lage weiterhin für den Standort Tunesien. Bis zum Sommer veranstaltet die IHK vier Unternehmerreisen. Deutsche Firmen sollen weiter investieren und Arbeitsplätze schaffen. Schon jetzt beschäftigen sie in dem Mittelmeer-Land etwa 50 000 Menschen. Mit einem Handelsvolumen von jährlich drei Milliarden Euro ist der Maghreb-Staat der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik in Nordafrika, deutlich vor Ägypten und Algerien. Auch die Bundesregierung gibt Geld. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit erhöhten ihre finanziellen Zusagen an Tunesien von jährlich 37,5 auf 97 Millionen Euro.

Die deutschen Unternehmen sind da vorsichtiger, ihre Investitionen knüpfen sie an die politische Stabilität. Und die fehlte auch an den drei tunesischen Standorten von Henkel, wo es zuArbeitsniederlegungen kam – und der Forderung nach höheren Löhnen. Eine Zeitlang stand die Produktion von Wasch- und Reinigungsmitteln, Kosmetik und Klebstoffen still. Stellen habe man deshalb aber nicht abgebaut, heißt es bei dem Konzern.

Siemens und BASF unterhalten in Tunesien lediglich Handelsvertretungen, von Streiks waren sie nicht betroffen. Der Stahlkonzern Thyssen-Krupp beschäftigt zurzeit zwar nur wenige Leute, konnte in den vergangenen Jahren aber immer einen Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro verzeichnen. Der Großteil davon entfällt einer Sprecherin zufolge auf den Anlagenbau.Das Land müsse sich schnell stabilisieren, rechtsstaatliche und demokratische Strukturen schaffen, um das Investitionsklima zu verbessern. Das bedeutet: Mit der Revolution allein ist es für Investoren, auch aus Deutschland, nicht getan. Das Land hat noch eine Menge Arbeit vor sich. Bestimmend ist gleichwohl die Freude über die Revolution. „Ein Vorteil ist, dass wir jetzt nicht mehr willkürliche Gelder an das Ben-Ali-Regime zahlen müssen, um produzieren zu können“, sagt Leoni-Chef Rouis.

Um die Situation auf dem Stellenmarkt schneller zu entspannen, hat Arbeitsminister Abdelwaheb Maatar von der sozialdemokratischen und laizistischen Partei CPR ersteKooperationen mit Katar und Saudi-Arabien beschlossen. Die beiden Golfstaaten wollen insgesamt 50 000 arbeitslose Tunesier aufnehmen. Menschenrechte und Demokratie spielen bei dem Abkommen allerdings keine Rolle. „Das hat keine Priorität, es geht um existenzielleProbleme“, betont Minister Maatar. „Unsere Revolution können wir sicherlich nicht einfach exportieren.“

Ende Februar wird sich die wirtschaftliche Lage für viele Tunesier noch einmal verschlechtern. Dann endet die Zahlung von 100 Euro Arbeitslosengeld im Monat, die das Arbeitsministerium ein Jahr lang 147 000 Akademikern überwiesen hat. „Die Situation wird für viele dann sehr schwierig“,prophezeit der Politiker.

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