DIVERSITY 2015 : Bunte Gesellschaft

Das Deutschland-Bild wandelt sich – trotzdem gibt es noch viele unbewusste Vorurteile. Auf der Diversity-Konferenz des Tagesspiegels diskutieren 300 Teilnehmer, warum Vielfalt wichtig ist und wie man sie stärken kann.

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300 Teilnehmer kamen zur Diversity-Konferenz ins Verlagsgebäude.
300 Teilnehmer kamen zur Diversity-Konferenz ins Verlagsgebäude.Foto: Mike Wolff

Zwei Fragen kann Rosa Riera nicht mehr hören. Wo kommst du her? Und: Warum sprichst du so gut Deutsch? Ja, ihre Eltern sind Spanier, Riera hat einen spanischen Pass, ihre Haare sind dunkel, ihr Teint südländisch. Doch aufgewachsen ist die Siemens-Managerin in Deutschland, hier lebt sie, hier ist sie verwurzelt. Sie ist gleichermaßen Fan des FC Barcelona wie des FC Bayern München. Deshalb möchte Riera auch endlich so wahrgenommen werden, wie sie sich selbst sieht: als Deutsche.

Wie geht man hierzulande mit kultureller Vielfalt um? Warum werden Menschen, die den Großteil ihres Lebens in der Bundesrepublik gelebt haben, aber nicht blond und blauäugig sind, noch immer gefragt, wo sie herkommen? Wie sieht überhaupt der typische Deutsche aus? Und ist dieses Bild nicht längst überholt? Um Fragen wie diese ging es am Donnerstag bei der Diversity-Konferenz, die der Tagesspiegel zusammen mit der „Charta der Vielfalt“ veranstaltet. "Schauen Sie sich, schauen Sie uns an, wie verschieden wir doch sind", sagte Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff zur Eröffnung des Kongresses. "Freiheit, Rationalität, Verantwortung: Die haben wir. Auch, uns so zu entscheiden, dass wir Vielfalt sichern."

Dass eine bunte Gesellschaft ein Land bereichert, darin waren sich Redner wie Gäste am Donnerstag schnell einig. Klar wurde dabei aber auch: Selbst wer sich als weltoffen bezeichnet, ist nicht gefeit vor unbewussten Vorurteilen oder einem Schubladen-Denken. Nihat Sorgec, Geschäftsführer des Bildungswerks in Kreuzberg, weiß das aus eigener Erfahrung. Gewinnt eine türkische Fußballmannschaft ein wichtiges Spiel, rufen Bekannte ihm regelmäßig zu: „Ihr habt gewonnen!“ Dabei identifiziert Sorgec sich schon lange mit einer ganz anderen Mannschaft: „Mein Herz schlägt seit 30 Jahren für Hertha BSC“, sagt er. Sein Selbstverständnis ist klar, Sorgec bezeichnet sich „durch und durch als Berliner“. Dennoch weiß er: „Auch wenn ich mich selbst als Deutscher sehe, heißt das nicht, dass andere mich ebenfalls so sehen.“

Um das zu ändern, gibt es nur einen Weg: „Erfahrungen müssen Vorurteile ersetzen“, sagt Wolfgang Kaschuba, Direktor am Berliner Institut für Migrationsforschung. Und Vorurteile gibt es auf beiden Seiten. So trauen sich manche junge Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel nicht, sich für eine Laufbahn im öffentlichen Dienst – etwa bei der Polizei – zu bewerben. Zu groß ist die  Furcht, nicht genommen zu werden oder nicht geeignet zu sein. Sorgec will ihnen diese Sorgen nehmen und bereitet sie gezielt auf Berufe im öffentliche Dienst vor. Dabei gehe es viel um Persönlichkeitsentwicklung, um die innere Einstellung. „Wir wollen ihnen klarmachen, dass sie hier akzeptiert werden“, sagt er.

Doch nicht nur die Jugendlichen mit Migrationshintergrund müssten ihre Einstellung ändern – sondern auch die Unternehmer. „Gerade in kleineren und mittelständischen Firmen gibt es noch viele Vorbehalte“, sagt Sorgec. Diskutiert wird deshalb immer wieder über die anonyme Bewerbung ohne Namen und Foto. Die Kandidaten sollen rein nach ihrer Leistung ausgewählt werden. Ob das funktioniert, ist jedoch umstritten. „Spätestens im Vorstellungsgespräch zeigen die Kandidaten ihre Identität“, sagt Riera, die bei Siemens die Abteilung „Employer Branding and Diversity“ leitet. Statt einer anonymen Bewerbung hält sie es daher für besser, Personaler zu schulen, damit sie unbewusste Vorurteile erkennen und überwinden. Wissenschaftler Kaschuba sieht das ähnlich. Die anonyme Bewerbung habe für die Kandidaten einen klaren Nachteil: „Sie verschweigen dadurch einen Teil ihrer Identität“, sagt er. „Das führt nicht gerade zu mehr Selbstbewusstsein.“

In der Politik sieht man das anders. Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium, hält die anonyme Bewerbung, die in den USA und Kanada schon seit den sechziger Jahren gang und gäbe ist, durchaus für eine Möglichkeit, mehr Vielfalt in der Berufswelt zu erreichen und Diskriminierung am Arbeitsmarkt entgegenzuwirken. „Arbeitgeber können dann nicht danach entscheiden, ob sie es mit einem Mann oder einer Frau zu tun haben, Aleppo oder Duisburg der Geburtsort ist“, sagt er.

Aber auch ohne die anonyme Bewerbung sei Deutschland schon weit gekommen, sagt Billen. So würdigt er deutsche Errungenschaften der Gleichstellungspolitik seit den sechziger Jahren – etwa die Entkriminalisierung von Homosexualität oder die Erwerbstätigkeit von Frauen. „Keine Frage: Unser Land wird schon seit langem bunter und vielfältiger und mit ihm die Arbeitswelt“, sagt Billen. Ausdrücklich lobt Billen die im Mai in Kraft getretene gesetzliche Frauenquote in den Aufsichtsräten von börsennotierten Großkonzernen. „Die Quote entfaltet eine Sogwirkung“, sagt der Staatssekretär. „Wir hören von Personal- und Diversity-Verantwortlichen in letzter Zeit immer wieder, dass ihnen das neue Gesetz Rückenwind gibt. Jetzt könnten sie ernsthaft an den strategischen Konzepten für die Erhöhung des Frauenanteils arbeiten. „Ich bin überzeugt, dass diese Konzepte schon bald wirken werden und dass wir dann keine gesetzlichen Vorgaben mehr brauchen“, sagt Billen.

Mit Blick auf den aktuellen Flüchtlingsstrom stellte sich der Staatssekretär vor die Schutzsuchenden. Deutschland dürfe angesichts der großen Not der Menschen „nicht unter seinen Möglichkeiten bleiben“, sagt Billen. Politik und Wirtschaft müssten in „dieser ungewöhnlichen Lage“ gemeinsam das richtige Mittel finden, um die Integration der Flüchtlinge voranzutreiben. „Wenn wir uns Tatkraft, Zuversicht und Selbstbewusstsein bewahren, dann ist mehr möglich, als mancher denkt.“

Dazu gehört auch, dass sich das Bild der Deutschen wandelt. So erlebt es derzeit zum Beispiel Khue Pham. Die Politikredakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist in Berlin aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus Vietnam. Die große Hilfsbereitschaft hierzulande gegenüber den Flüchtlingen habe sie überrascht, sagt sie. Für die Bundesrepublik sei das eine Chance. „Deutschland hat jetzt die Möglichkeit sich neu zu definieren.“ Gelingt das, müsste auch Rosa Riera sich bald nicht mehr fragen lassen, wo sie herkomme. Bis dahin hat sie einen Tipp, die nervige Frage der Herkunft unverfänglicher auszudrücken. Nämlich statt auf das gute Deutsch hinzuweisen oder sich nach dem Geburtsort zu erkundigen, könne man einfach fragen: Wo kommt dein Name her?

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