Wirtschaft : Eine neue Kultur

Der wiedergewählte Vorsitzende warnt vor einer Entwertung der Arbeit

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Karlsruher Appell. Die Märkte dürfen nicht „entfesselt“ wüten und die Menschen entwerten und entwürdigen, sagt der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber. Foto: dpa
Karlsruher Appell. Die Märkte dürfen nicht „entfesselt“ wüten und die Menschen entwerten und entwürdigen, sagt der...Foto: dpa

Hin und weg war die Basis nicht gerade nach dem anderthalbstündigen Ausflug in die Welt der guten Arbeit und des bösen Finanzkapitalismus. „Zukunftsreferat“ nennt man bei der IG Metall den Vortrag des frisch gewählten Vorsitzenden. Am Dienstagabend hatten die knapp 500 Delegierten des Gewerkschaftstages Berthold Huber noch für sein ungewöhnlich gutes Wahlergebnis (96,2 Prozent) gefeiert, am Mittwoch sind sie etwas ermattet und gehen gerne in die Mittagspause, nachdem Huber mit dem Satz „Wir werden die Aufgaben bewältigen: offen, einig und solidarisch“ geendet hatte.

Der 61-jährige Huber wird bei der IG Metall „Philosoph“ genannt, weil er mal ein paar Jahre unter anderem Philosophie studiert hat und weil er überhaupt gerne gründlich denkt. Das ist nicht immer leicht für die Metaller. Zum Beispiel, wenn er an diesem Vormittag laut über „linken Reformismus“ nachdenkt; damit meint Huber eine Politik zur Emanzipation der Menschen. Das hat mit Antikapitalismus nichts zu tun, das wäre Huber zu simpel und dazu kennt er auch die „Potenziale von Märkten“ zu gut. Aber diese Märkte dürfen eben nicht „entfesselt“ wüten und die Menschen entwerten und entwürdigen.

„Gemeinsam für ein gutes Leben“ ist das Motto des Gewerkschaftstages und der Kern von Hubers Zukunftsvision. Dazu möchte er, gemeinsam mit der Bundesregierung, eine „neue Kultur der Arbeit“ entwickeln, ähnlich der Humanisierung der Arbeit in den 1970er Jahren. „Nicht mehr der Mensch ist das Maß. Maßlose Renditeerwartung bestimmen den Takt der Arbeit“, sagt Huber und erwähnt an dieser Stelle, dass „Burn-out, Erschöpfungszustände und Depressionen heute zu den häufigsten Krankheitsursachen in den Betrieben gehören.“

Die Entwertung von Arbeit zeigt sich für die Gewerkschaften im Niedriglohnsektor mit rund sieben Millionen Arbeitnehmern. Für Huber sind diese zumeist ungeschützten Beschäftigungsverhältnisse ein „tiefer Bruch in unserer Arbeitskultur“ mit weitreichenden Folgen: Das Solidarsystem der Arbeitsgesellschaft werde beschädigt und am Ende „unser demokratisches Gemeinwesen“. Die unter der rot-grünen Regierung begonnene Deregulierung des Arbeitsmarktes habe nicht die Arbeitslosigkeit verringert, sondern „den Zusammenhang von Arbeit, Wohlstand und sozialer Sicherheit zerstört“, klagt das SPD-Mitglied Huber. „Der Kampf gegen Prekarisierung und für sichere Arbeitsplätze“, bleibe eine zentrale Aufgabe der größten deutschen Gewerkschaft.

Zu Beginn seiner Grundsatzrede hatte sich Huber mit der Situation der Jugend befasst, wie sich das für den Vorsitzenden „der größten politischen Jugendorganisation in Deutschland gehört.“ Nach seinen Angaben arbeiten hierzulande 38 Prozent der 15- bis 25-Jährigen in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Das ist für Huber ein untragbarer Zustand, da diese jungen Menschen „ihr Leben nicht selbstbestimmt planen können.“ Seine Gegenmaßnahmen: Unbefristete Übernahme nach der Ausbildung, „fördern statt aussortieren in der Schule“ und Chancengleichheit in einem durchlässigem Bildungssystem, „das Menschen unabhängig von ihrer Herkunft ein Studium ermöglicht“. Mit gut 200 000 Mitgliedern unter 27 Jahren hat die IG Metall aktuell fast 10 000 Junge mehr in ihren Reihen als vor einem Jahr. „Ein Traum vieler schlafloser Nächte“, so Huber in Karlsruhe, sei für ihn mit der Mitgliederwende wahr geworden. Das verstanden auch die Delegierten.

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