Wirtschaft : Ernst Kehler

Geb. 1913

David Ensikat

Wer sind deine Leute? Russische Barbaren oder deutsche Kameraden? Es war der Abend eines ersten Maitages im Jahr 1945, in Berlin herrschten schon die Russen, die Deutschen hatten noch nicht kapituliert. Der Leutnant der deutschen Wehrmacht Ernst Paul Kehler trug eine Uniform der Roten Armee und wurde von befreundeten Russen Ernst Pawlowitsch genannt. Er hatte sich ein Dienstzimmer in einem leeren, doch wenig zerstörten Haus eingerichtet, da begegnete er auf dem Flur einer Gruppe forsch auftretender Zivilisten. Der tonangebende unter ihnen trug einen spitzen Bart und sprach ein hohes, nuschliges Sächsisch. Ernst Kehler erkannte ihn sofort, drückte den Rücken durch und machte Meldung über die Lage in der provisorischen Verwaltung. Der Spitzbärtige sagte: „Du bist nicht mehr Frontbevollmächtigter des Nationalkomitees Freies Deutschland. Weißt du nicht, dass du die Post übernehmen sollst?“ Was Walter Ulbricht, der spätere Staats- und Parteichef, sagte, war Gesetz, beschlossen von deutschen Kommunisten, genehmigt vom sowjetischen Militär.

* * *

Als der Krieg begann, war Ernst Kehler gerade Postinspektor geworden. Ein Ostpreuße, hochgewachsen, blendend aussehend, mit blondem, nach hinten gekämmtem Haar. Voraussetzung für die Beamtenlaufbahn war der Dienst bei der Wehrmacht, deshalb war er auch Leutnant, geriet zunächst nach Frankreich, gewann den Eindruck, dass so ein Krieg eine schnelle Angelegenheit sei – mit ein paar unschönen Details gewiss, im Großen und Ganzen aber gar nicht so schlimm wie befürchtet.

Im Sommer 1941 bekam er Urlaub und durfte seine Liebste in Königsberg besuchen. Neun Monate darauf gebar sie einen Sohn, den sollte der Vater aber erst vier Jahre später kennen lernen. Der Sommerurlaub 1941 war sein letzter Urlaub in diesem Krieg. Es war das letzte Mal, dass er seine Heimat sah.

Als die Wehrmacht am 20. Juli die Grenze zur Sowjetunion überschritt, hieß es: „Da gehen wir rein wie ein heißer Dolch in ein Stück Butter.“ Ernst Kehler glaubte das. Er war ein Leutnant dieser Wehrmacht, kein glühender Nazi, dazu waren die Nazis zu stil- und würdelos, aber er war auch keiner, der die Herrschaft anzweifelte. Keiner, der den Sinn des Krieges in Frage stellte. So wie er den Dienst als Postinspektor hatte verrichten wollen, verrichtete er den Dienst als Leutnant: gehorsam, treu, gewissenhaft.

Es dauerte nur ein paar Wochen, bis Ernst Kehler sich die Pistole an die Schläfe legen wollte. Sein Nachrichtentrupp hatte sich zu weit ins Feindesland gewagt, war umzingelt von „bolschewistischen Barbaren“, die ihn quälen und meucheln würden, so viel war sicher. Die Barbaren schlugen ihm die Pistole aus der Hand, fesselten ihn und brachten ihn ins Gefangenenlager. Gefangenenlager? So etwas gab es bei den Russen? Die brachten nicht gleich alle um?

Auf der Fahrt ins Lager hatte der Lastwagen eine Panne, etwas am Vergaser. Die gefangenen deutschen Offiziere halfen, ihn zu reparieren, der Fahrer gab ihnen Machorka-Zigaretten. Sie konnten es kaum fassen.

Im Lager dann die Umerziehung. Politinstrukteure, zumeist deutsche Kommunisten, Emigranten, stellten sich vor die Herren Soldaten und Offiziere und erklärten, dass der Überfall auf die Sowjetunion ein Verbrechen war, und dass zumindest jeder Offizier große Schuld auf sich geladen habe.

Dass die Russen Gefangene machten, dass sie nicht den Krieg begonnen hatten – schön und gut. Aber das ging doch zu weit. Wie kann der Kampf für Volk und Vaterland Verbrechen sein? Außerdem hatte Hitler versprochen, dass der Krieg bis Weihnachten vorüber sei. Man meinte, sich nicht lange mit solchen theoretischen Erörterungen auseinander setzen zu müssen.

Die Monate vergingen, es kam der Winter, der nächste Sommer, und schließlich die Kriegswende 1942/43. Neue Gefangene brachten Nachrichten von der Front, und es war klar: So heiß war der Dolch nicht, von Butter keine Rede. Die normative Kraft des Faktischen – bei Ernst Kehler hat vor allem die geholfen. Er gehörte zu den ersten Offizieren, die mit sich reden ließen. Er las Bücher aus der Lagerbibliothek, Titel, die die Nazis verbrannt hatten. Er erfuhr von deutschen Kriegsverbrechen – nicht nur die Russen erzählten davon, sondern auch deutsche Soldaten. Er stellte sich die Frage, wozu so ein Krieg überhaupt gut sein sollte.

Und bald stellte sich ihm die Frage: Wer sind denn deine Leute? Die russischen Barbaren, die du überfallen hast, oder die deutschen Kameraden, die dich als Umgedrehten und Meineidigen beschimpfen? Man fragte ihn, wie ernst seine Überlegungen seien – und ob er bereit sei, sich in eine Antifaschistenschule verlegen zu lassen. Er sagte Ja und ließ sich schulen. Und er war dabei, als an eben dieser Schule im Juli 1943 das „Nationalkomitee Freies Deutschland“ gegründet wurde, ein Zusammenschluss aus Kriegsgefangenen und Emigranten. Sie wollten deutsche Soldaten an der Front von der Sinnlosigkeit ihres Kampfes überzeugen.

Am Anfang waren sie nicht sehr viele, und so schickten sie Ernst Kehler als Einzigen ins belagerte Leningrad. Er wurde „Frontbevollmächtigter des Nationalkomitees im Stab der 7. Abteilung der Politischen Verwaltung der Front“. In seiner deutschen Leutnantsuniform mit schwarzweißroter „Freies Deutschland“-Armbinde stand er nun auf russischer Seite und rief seine Landsleute auf der anderen dazu auf, sich zu ergeben.

Die russischen Politoffiziere an seiner Seite waren Grafiker, Pianisten, Philologen; Leute, die den Postinspektor mit der Liebe zur Literatur beeindruckten. Vor einem von ihnen rezitierte er mal Walther von der Vogelweide und Merseburger Zaubersprüche in Althochdeutsch. Da sagte der: „Eigenartige Bildung in Deutschland. Solche Sachen hat er gelernt, aber von Marx und Engels nichts erfahren.“ Fürs Flugblätterschreiben gab ihm jemand den Tipp: „Nehmen Sie sich den Stil Tschechows zum Vorbild.“

Überhaupt die Flugblätter. Womit sollte man argumentieren? Wie die da drüben dachten, hatte er selbst vor zwei Jahren noch gedacht. Die Russen meinten anfangs, man müsse die Arbeiter im Schützengraben nur auf ihre internationalistische Rolle verweisen, und sie würden scharenweise die Seiten wechseln. Aber das Einzige, was half, waren auch hier wieder: die Fakten. Also malten sie auf die Flugblätter den Frontverlauf. Also schrieben sie, dass Überläufer gut behandelt würden. Also stellten sie im Schützengraben große Lautsprecher auf und machten Interviews mit deutschen Kriegsgefangenen, die berichteten, dass die Barbaren sie am Leben ließen.

Ernst Kehler lag in vielen Nächten an der Front und las seine Texte ins Mikrofon. Zuerst war es dann still, die Soldaten im Graben auf der anderen Seite lauschten. Nach wenigen Minuten bekamen sie Befehl, mit Dauerfeuer die Feindpropaganda zu übertönen. Die Sache war gefährlich, etliche von Kehlers Mitkämpfern sind dabei umgekommen. Und dann die Enttäuschung, dass die Überzeugungsarbeit so wenige nur überzeugte. Sie träumten von Verbrüderungen, wie es sie am Ende des Ersten Weltkrieges gegeben hatte, in einer Zeit, in der die Propaganda keine so große Rolle gespielt hatte. Die Zeit war lange vorbei.

Als die Blockade Leningrads gebrochen war, wurde Ernst Kehler Chefpropagandist des Nationalkomitees an der Belorussischen Front und sah in den zurückeroberten Gebieten, was seine deutschen Kameraden angerichtet hatten. Dass er mit dem Seitenwechsel den richtigen Entschluss gefasst hatte, stand überhaupt nicht mehr in Frage. Die Scham aber, einmal auf der falschen Seite fraglos mitgemacht zu haben, die wurde immer größer.

So fiel es ihm nicht schwer, im eroberten Berlin die Uniform der sowjetischen Armee zu tragen. Und ganz und gar selbstverständlich blieb Ernst Kehler in der sowjetisch besetzten Zone, übernahm jede Aufgabe, die man ihm übertrug, wurde Verantwortlicher für Post und Fernmeldewesen, trat in die Einheitspartei ein.

Die Berliner Post leitete er bis 1973, mit 60 ließ er sich pensionieren. Warum so früh? Warum hatte er es nicht ins Ministerium geschafft? Nun, Ernst Kehler war ein Mann, dem es um die aufrechte Haltung ging, nicht um die Karriere. Und die Zeit der großen Kämpfe war ja längst vorbei.

Aber als Verführter fühlte sich Ernst Kehler nicht noch einmal. Auch nicht, als die DDR unterging. Er hatte seine Haltung einmal grundsätzlich geändert, das war genug für dieses Leben, das in Ostpreußen begonnen hatte.

Dorthin ist Ernst Kehler auch nicht mehr gefahren, als er es wieder durfte. Das hatte wohl mit seiner Schuld zu tun, der Kriegsschuld des einmal Verführten. Der Schuld seines Landes. Er ist sie niemals losgeworden.

1 Kommentar

Neuester Kommentar