Fachkräfte : Sie beißen nicht an

Vor ein paar Jahren hieß es: Es gibt zu wenig Akademiker. Heute wollen viele junge Menschen studieren – und die Unternehmen finden nicht genug Fachkräfte.

Marie Rövekamp, Lara Keilbart
Nicht nur Klempner, Metzger und Bäcker werden gesucht. Auch Nischenbranchen brauchen dringend Fachkräfte.
Nicht nur Klempner, Metzger und Bäcker werden gesucht. Auch Nischenbranchen brauchen dringend Fachkräfte.Foto: dpa-tmn

Rund 34 000 Stellen werden in diesem Jahr allein in der Hauptstadt unbesetzt bleiben. 2030 könnten es mehr als 150000 sein. In manchen Branchen würde sich der Mangel mehr als verdoppeln. Zu dieser Prognose kommt die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) in ihrem aktuellen Fachkräftemonitor.

Damit es nicht so weit kommt, müssten Unternehmen die Arbeitnehmer, die sie haben, halten und fördern. Sie müssten heute mehr dafür tun, dass sich die Mitarbeiter mit ihrem Betrieb identifizieren, motiviert sind und sich wertgeschätzt fühlen. „Ein wichtiger Punkt ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sagt Simon Margraf von der IHK Berlin. Viele Frauen würden noch immer eher Teilzeit arbeiten, um beides haben zu können, Karriere und Kinder. Durch den demografischen Wandel rückt die Pflege von Angehörigen verstärkt in den Mittelpunkt. Bei Kita-Plätzen gibt es nach wie vor Engpässe. Viele Angestellte würden sich mobilere und flexiblere Arbeitsmöglichkeiten wie Gleitzeit und Homeoffice wünschen – und mehr Weiterbildungen, um sich zu entwickeln.

Eine andere Lösung für den Fachkräftemangel ist die qualifizierte Zuwanderung. Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben ermittelt: Nur wenn im Schnitt 533000 mehr Menschen zu- als abwandern, lasse sich die Lücke füllen, die entsteht, wenn die sogenannten Babyboomer in Rente gehen. Von den Geflüchteten, die in Berlin leben, könnten nach Angaben der IHK derzeit 2500 Frauen und Männer in den Arbeitsmarkt integriert werden. „Das löst unser Problem aber nicht“, sagt Constantin Terton, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik bei der Berliner IHK. Wobei die Menschen, die aus Syrien und Afghanistan geflohen sind, auch nicht deswegen hier seien, um den Fachkräftemangel zu beheben. Sie seien vor dem Krieg geflohen und würden Zuflucht suchen. Es ginge nicht primär um wirtschaftliche Nützlichkeit.

„Das Thema der qualifizierten Zuwanderung ist von der Agenda der Politik komplett verschwunden“, sagt Terton. Dabei bräuchten die deutschen Unternehmen dringend mehr Hochqualifizierte und Fachkräfte aus dem Ausland.
Wegen der sinkenden Auszubildenden-Zahlen wirbt die Bundesregierung verstärkt für die klassische betriebliche Lehre. In dieser Woche startete das Bildungsministerium die neue Informationskampagne „Du + Deine Ausbildung = Praktisch unschlagbar!“. Gezeigt wird sie im Internet, auf Plakaten und in Kinospots. Auf einer deutschlandweiten Tour geben Experten den Jugendlichen in Schulen, auf Bildungsmessen und Festivals Hinweise für ihre Berufsorientierung. Der Wert der dualen Ausbildung müsse auch in Deutschland wieder stärker in der Gesellschaft verankert werden, sagt Bundesministerin Johanna Wanka.

In Berlin gibt es zudem Patenschaften zwischen Schulen und Firmen, Praktika- und Lehrstellenbörsen, Messen wie die Tage der Berufsausbildung, die deutsch-türkische Ausbildungsmesse und die Last-Minute-Börse. Schüler haben dort die Möglichkeit, sich zu informieren, auf einen Beruf zu stoßen, von dem sie vielleicht noch nie gehört haben, und Betriebe kennenzulernen. Sie sollen sehen, dass eine Lehre keine Karriere zweiter Klasse ist.

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