Folgen des Putsches für den Tourismus : "Die Türkei wird zu alter Stärke zurückkehren"

Auch nach dem Putschversuch glaubt Ralf Schiller, Geschäftsführer des Reiseveranstalters FTI, an die Türkei als Touristenziel. Ein Gespräch über Reisen in Krisenzeiten und die Sehnsuchtsziele der Deutschen.

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Es war schon mal mehr los: Badeurlauber an der Ägäis. Türkei-Urlaub ist derzeit so billig wie nie, holt das die Touristen zurück?
Es war schon mal mehr los: Badeurlauber an der Ägäis. Türkei-Urlaub ist derzeit so billig wie nie, holt das die Touristen zurück?Foto: Reuters

Herr Schiller, Anschlag in Nizza, Unruhen in der Türkei – all das in der Hauptreisezeit! Was heißt das für Sie als Reiseveranstalter?

Wir Reiseveranstalter müssen extrem flexibel sein und auf solche Ereignisse professionell reagieren. Wir haben unser Krisenteam von 17 auf 30 Mitarbeiter ausgeweitet. Dieses Team kümmert sich bei einer Krise um die Gäste.

Wie sieht das aus?

Unsere Mitarbeiter nehmen Kontakt auf mit den Gästen in ihren Urlaubsorten. Nach dem Anschlag von Nizza haben wir all unsere Kunden dort angerufen, um sicherzustellen, dass es ihnen gut geht, und haben sie gefragt, ob sie nach Hause möchten.

Ihr Krisenteam ist inzwischen fast schon im Dauereinsatz, es passiert ja ständig was.

Ja, die Vorfälle nehmen zu, aber die Urlauber gehen inzwischen anders mit Krisen um. Die Reisenden reagieren deutlich gelassener und besonnener als früher.

Auch bei dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei?

Wir haben eine eigene Agentur mit 500 Mitarbeitern in den türkischen Touristengebieten und sind deshalb nah dran. Deshalb wussten wir schon frühzeitig, dass in den Touristenregionen gar nichts passiert ist. Die Gäste dort haben wenig mitbekommen. Die meisten sind geblieben und wollten nicht vorzeitig zurück.

Ralf Schiller, 54, ist Geschäftsführer des Reiseveranstalters FTI.
Ralf Schiller, 54, ist Geschäftsführer des Reiseveranstalters FTI.Foto: Promo

Können Sie Urlaubern guten Gewissens raten, jetzt in die Türkei zu fahren?

Na klar. Die Touristengebiete um Antalya, Izmir und an der Ägäis sind sicher.

Istanbul und Ankara aber eher nicht.

Istanbul ist in der Hauptsaison kein wichtiges Feriengebiet. Nach den Anschlägen, die es dort in der Vergangenheit wiederholt gegeben hat, sind die Buchungen für Istanbul sowieso schon zurückgegangen. Und nach Ankara fahren keine Touristen.

Könnten Urlauber, die für die Sommerferien Badeurlaub in der Türkei gebucht haben, bei Ihnen jetzt noch kostenlos umbuchen?

Nein, wir und die anderen Veranstalter haben das für das Wochenende nach dem Putschversuch angeboten, solange noch unklar war, wie sich die Lage entwickelt. Aber von dem Angebot hat kaum jemand Gebrauch gemacht. Wir haben Buchungen von mehreren zehntausend Gästen in der Türkei, die Stornierungen bewegen sich in einem einstelligen Prozentbereich. Kostenlose Stornierungen sind jetzt aber nicht mehr möglich. Das Auswärtige Amt schätzt die Situation als unbedenklich ein, deshalb können wir kostenlose Umbuchungen nicht mehr anbieten. Warum auch?

Die Türkei war lange eines der Lieblingsziele der Deutschen, aber das war schon vor dem Putschversuch vorbei. Wie stark sind die Rückgänge im Vergleich zum Vorjahr?

Die Türkei hat gelitten – aber nicht nur unter dem Rückgang der deutschen Touristen, sondern auch der Russen. Die russischen Gäste waren mit vier Millionen die größte Gruppe unter den Reisenden, und die bleiben wegen der Krise in Russland jetzt weg. Was die deutschen Kunden angeht, so macht sich das sehr gute Preisleistungsverhältnis in der Türkei bemerkbar, das Land ist attraktiv. Vor dem Putschversuch lagen die Gästebuchungen nur um sechs, sieben Prozent unter dem Vorjahr, die Umsatzeinbußen waren wegen der Preissenkungen aber deutlich höher. Nach dem gescheiterten Putsch halten sich die Neubuchungen in dieser Woche allerdings in Grenzen.

Die Türkei ist nicht der einzige Krisenherd. Was ist mit Ägypten und Tunesien? Können Sie die Sicherheit Ihrer Gäste dort gewährleisten?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgendwo. Das sieht man in Nizza, in Paris, in Brüssel und jetzt auch in Bayern. Wir können keine Sicherheit garantieren, aber wir können einschätzen, ob die Gefahren zugenommen haben oder nicht. In Ägypten hat es am Roten Meer in den vergangenen Jahrzehnten gar keine Vorfälle gegeben, es hat sich vieles in Kairo abgespielt, aber nicht in den Badeorten. Insofern hat sich die Sicherheitslage objektiv nicht verschlechtert, aber wenn Menschen sich subjektiv unsicher fühlen, fahren sie trotzdem nicht dorthin. In Tunesien ist das anders. Dort hat es auch in den Feriengebieten Vorkommnisse gegeben.

Was ist Ihren Kunden wichtiger: Geld zu sparen oder sicher zu reisen? Buchen die Gäste jetzt eher Zypern statt der Türkei, obwohl der Urlaub dort deutlich teurer ist?

Das hängt davon ab, wer reist. Familien mit Kindern legen großen Wert auf Sicherheit, Alleinreisende und Paare sind sorgloser. Und natürlich ist der derzeit günstige Preis ein starkes Argument.

Wohin fahren die Eltern mit ihren Kindern jetzt?

Zum Beispiel nach Spanien. Mallorca bricht derzeit alle Rekorde, die Insel ist dieses Jahr ganz besonders voll. Die Kanarischen Inseln sind ebenfalls gefragt, genauso wie das spanische Festland, Griechenland und Norditalien. In diesen Ländern ist das Preisniveau entsprechend gestiegen. Portugal ist extrem beliebt, und Bulgarien wird gern gebucht als preisgünstige Alternative zu Tunesien.

Versuchen Sie, auf Mallorca mehr Betten zu bekommen?

Das versuchen alle. Aber die Kapazitäten sind erschöpft. Die Hoteliers nutzen den Boom und investieren jetzt mehr in die Qualität. Das ist gut, aber treibt die Preise in die Höhe. Dagegen ist das Preisleistungsverhältnis in Ägypten und der Türkei sensationell gut. Ich bin deshalb sicher, dass beide Länder zu alter Stärke zurückkommen werden.

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Für die Wirtschaft dort wäre das gut.

Ja. Der Tourismus ist in Ägypten, Tunesien und der Türkei ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und – was noch wichtiger ist – er schafft viele Arbeitsplätze. Der Tourismus bringt so politische Stabilität. Wer einen Job hat, lässt sich nicht so schnell radikalisieren.

Viele Menschen verbringen ihren Urlaub in Deutschland. Für Sie als Reiseveranstalter ist das nicht so toll, oder?

Deutschland war schon immer ein sehr wichtiges Reiseziel für die Deutschen. In diesem Jahr ist das noch ausgeprägter als sonst. Überhaupt sind alle Ziele, die man mit dem eigenen Auto erreichen kann, derzeit sehr beliebt. Wir bieten auch Reisen innerhalb Deutschlands an und haben im Inlandsgeschäft hohe zweistellige Wachstumsraten. Aber Sie haben Recht: Viele buchen ihren Deutschlandurlaub auf eigene Faust, das Geschäft läuft ohne uns. Wir sehen jedoch, dass jetzt schon viele Menschen ihren Winterurlaub buchen und zwar besonders häufig Fernziele. Ich glaube, viele verlegen ihre große Reise in den Winter. Wir haben riesige Zuwachsraten auf der Fernstrecke.

Thailand, USA?

Ja, beides, aber auch Indischer Ozean, Südafrika und die Karibik.

Das Geld sitzt locker.

Das Geld ist bei vielen da. Es auf die Bank zu legen, bringt nichts. Da gönnt man sich lieber schöne Erlebnisse.

Ralf Schiller, 54, ist Geschäftsführer des Reiseveranstalters FTI.

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