Frauenquote in Norwegen : Willkommen im Club

Als Norwegen vor elf Jahren als erstes Land in der Welt eine Frauenquote von 40 Prozent für Verwaltungsräte einführte, war der Aufschrei groß. Doch weder die Ängste der Gegner noch die Hoffnungen der Befürworter wurden wahr.

Karin Bock-Häggmark
Die Führungskräfte von morgen treffen sich bei der alljährlichen „Arena Female Future“-Konferenz für weibliche Führungskräfte, zu der der Dachverband der norwegischen Wirtschaft (NHO) einlädt.
Die Führungskräfte von morgen treffen sich bei der alljährlichen „Arena Female Future“-Konferenz für weibliche Führungskräfte, zu...Foto: Ilja C. Hendel/ Visum

Norwegen war der Vorreiter. Bereits vor elf Jahren führte das Land als erstes in der Welt eine verbindliche Geschlechterquote von 40 Prozent für Verwaltungsräte ein. „Ich habe die Männerherrschaft in der Wirtschaft satt“, verkündete damals ausgerechnet der konservative Wirtschaftsminister Ansgar Gabrielsen und setzte seine eigenen, quotenfeindlichen Parteikollegen unter Zugzwang. Mit Erfolg. Das norwegische Parlament stimmte im Sommer 2003 mit Ausnahme der rechtspopulistischen Fortschrittspartei geschlossen für den Gesetzesentwurf der konservativen Regierung von Ministerpräsident Bondevik.

Das neue Gesetz galt für staatliche und kommunale Unternehmen, Genossenschaften sowie rund 450 private Aktiengesellschaften. Bei Nichtbefolgung drohte die Zwangsauflösung. „Viele haben damals den Untergang der norwegischen Wirtschaft heraufbeschworen“, erzählt Marit Hoel, Gründerin des Center for Corporate Diversity in Oslo, mit einem Lächeln. Seit Jahren erforscht die 50-Jährige die Auswirkungen der Quote, die ihrer Meinung nach eher unspektakulär sind: „Das meiste ist business as usual.“

Weder die schlimmsten Ängste der Gegner noch die größten Hoffnungen der Befürworter wurden wahr. Nach wie vor ist Norwegen eines der reichsten Länder der Welt, nach wie vor gelten aber auch in vielen norwegischen Führungsetagen die alten Geschlechterhierarchien. „Die Frauen in den Verwaltungsräten laufen nicht herum und machen Revolution“, meint Hoel. Dennoch, etwas hat sich radikal verändert: Lag der Frauenanteil in den Verwaltungsräten der betroffenen Unternehmen 2003 noch bei ganzen acht Prozent, so beläuft er sich mittlerweile tatsächlich auf 40 Prozent.

Erhoffte Spillover-Effekte bleiben noch aus

600 Frauen sind das insgesamt; es ist also eine kleine, elitäre Gruppe, die von der Quote profitiert. Diese Frauen zu finden, war nie ein Problem, wie mittlerweile auch der Norwegische Arbeitgeberverband zugibt, der sich mit dem Hinweis auf die mangelnde Qualifikation von Frauen der Quote massiv widersetzt hatte. Doch der Einzug der Frauen in die Verwaltungsräte, erklärt Sissel Jensen von der Norwegian School of Economics in Oslo, habe bislang keinen direkten Einfluss auf die Karrierechancen oder die Gehaltsentwicklung anderer hochausgebildeter Frauen.

Ein Spillover-Effekt sei nicht zu erkennen. Auch in den Verwaltungsräten selbst hätten in 95 Prozent der Fälle nach wie vor Männer den Vorsitz inne, ergänzt Mari Teigen, Professorin am Osloer Institut für Sozialforschung. Ähnlich ist die Situation bei den Geschäftsführern. Nach Recherchen des Online-Wirtschaftsmagazins e24 gibt es bei den knapp 200 an der Osloer Börse notierten Unternehmen gerade einmal fünf weibliche CEOs. Sie sind zuständig für weniger als ein Prozent des totalen Börsenumsatzes.

Zu ihnen gehört Kari Krogstad, Geschäftsführerin des Medizintechnikunternehmens Medistim. „Es wäre wichtig, dass eine Frau die Leitung eines richtig großen Konzerns übernimmt“, sagt sie. „Das brächte Aufmerksamkeit und könnte Frauen inspirieren.“ Doch so weit ist es noch nicht. Reederei-Managerin Irene Waage Basili, mit 47 Jahren die jüngste im Klub der fünf Frauen, hadert mit den Gründen dafür: „Ich bin mir nicht sicher, ob Frauen nicht wollen oder ob sie nicht rangelassen werden.“

Frauenförderung scheitert an der Familienpolitik

Beides sei der Fall, sagt Forscherin Margit Hoel bestimmt. Dennoch ist es ihrer Ansicht nach nur eine Frage der Zeit, bis sich das Geschlechterverhältnis auch bei den Managerposten ausgleiche. Mit Blick auf die aktuelle Quotendiskussion in Deutschland hebt Hoel allerdings einen weiteren Punkt hervor: „Für die Förderung von Frauen in Unternehmen ist eine umfassende Familienpolitik absolut ausschlaggebend.“ Ohne gesetzlich geregelte Elternzeiten für Väter und Mütter, eine umfassende Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten bleibe auch eine Quote wirkungslos.

„Das haben wir in den nordischen Ländern schon vor dreißig Jahren erkannt.“ Heutzutage ist das Quotengesetz in Norwegen akzeptiert und hat international Schule gemacht. In Europa haben mittlerweile Belgien, Frankreich und Italien verbindliche Quoten für staatliche und private Betriebe mit klaren Sanktionen bei Nichterfüllung eingeführt.

Island, die Niederlande und Spanien wiederum versuchen es mit Regelungen ohne Sanktionen. Die norwegische Erfahrung ist diesbezüglich eindeutig: So lange man den privaten Aktiengesellschaften eine freiwillige Übergangsfrist zubilligte, geschah bei vielen nichts. Erst als nach bis zu vier Jahren Untätigkeit die Zwangsauflösung drohte, erfüllten sie die Auflagen. „Die Sanktionen“, sagt die Soziologin Mari Teigen, „waren der Schlüssel zum Erfolg.“

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