Wirtschaft : Geb. 1921

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Diese Frau in stiller Andacht vor dem Herrn? Nein. Sie würde ihn sofort fragen, was er von der Militärseelsorge hält. Das Bundesverdienstkreuz, das ihren Ruhm als streitbare Demokratin mehren sollte, hat sie abgelehnt.

Zuletzt hat sie Unwörter gesammelt. Wörter, die aus Scham vor sich selbst im Duden rot anlaufen müssten. Zum Beispiel das Unwort Militärseelsorge. Für eine christliche Pazifistin der größte anzunehmende Widerspruch. Dabei klingt es eigentlich ganz gut, das Wort. Spricht sich schön hintereinander weg, gar nicht sperrig. Aber das ist ja das Schlimme an Unwörtern: Sie werden so dahingesagt, nachgeplappert. Unwörter verkleben das Denken, versuppen die Vernunft.

Mehr Präzision, meine Herren! Mehr Klarheit! Marianne Regensburger schreibt alles mit und nennt n. Sie erhebt ihre Mikrofonstimme und redet Tacheles. So war es zumindest, bevor sie ihre letzten Worte sprach, auf dem Sterbebett. Dass es jetzt anders sein sollte, können sich ihre Freunde kaum vorstellen. Marianne in stiller Andacht vor dem Herrn? Nein. Sie würde ihn sofort fragen, was er von der Militärseelsorge hält.

Marianne Regensburger war die kritische Stimme des RIAS, sprach Kommentare wider den bleiernen Zeitgeist der sechziger Jahre. Sie lernte Helmut Gollwitzer, Theodor Adorno und Rudi Dutschke kennen, debattierte und interviewte und demonstrierte, wurde stellvertretende Vorsitzende des Republikanischen Clubs, eines APO-Gremiums, forderte: „Enteignet Springer“, hielt sich sonst aber zurück – eben eine Pazifistin, und ihren Job wollte sie auch nicht verlieren.

Dann passierte doch was ganz Dummes. Am Abend nach dem Attentat auf Dutschke fährt sie zum Springer-Hochhaus. Dort hat sich schon eine fahnenschwenkende Menge eingefunden, um Steine zu werfen und den Verleger zu beschimpfen. Der Stellvertretende Polizeipräsident ist auch da, erkennt sie und drückt ihr ein Megafon in die Hand. „Ihre Stimme kennt man. Sie müssen die Leute beruhigen.“ Marianne Regensburger erhebt ihre Stimme. Ruhiger wird es allerdings nicht. Dafür ergibt sich ein schönes Bild für den Springer-Fotografen: Frau mit Megafon in der wogenden Menge der Demonstranten – das kann nur die Rädelsführerin sein. So steht es denn auch zwei Tage später in der Berliner Morgenpost.

Marianne Regensburger gilt fortan als „Sicherheitsrisiko“, wird von Redaktionssitzungen ausgeschlossen und aus ihrem Büro ausquartiert. Einige Jahre hält sie das aus – dann geht sie zum ZDF, zu „Kennzeichen D“.

War sie zu naiv? Dachte sie nicht daran, was für ein Bild sich andere Menschen von ihr machen? Wahrscheinlich fehlte ihr einfach die Angst davor, das zu tun, was sie gerade für richtig hielt. Dazu passt auch die Adorno-Geschichte: Nach einigen Jahren bei der „Neuen Zeitung“ in München kommt sie 1953 an das später berühmte Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Ihre erste Aufgabe ist, einen Artikel von Adorno zu redigieren. Das tut sie, und zwar so, wie sie es bei der Zeitung gelernt hat. Sie streicht unverständliche Fremdwörter heraus und glättet allzu verstiegenen Satzbau. Ein schweres Missverständnis. Sie sollte nicht redigieren, sondern bewundern.

Marianne Regensburger hatte Prinzipien. Bei einigen war sie kompromissbereit, bei vielen blieb sie störrisch. Das Bundesverdienstkreuz, das ihren Ruhm als streitbare Demokratin mehren sollte, lehnte sie ab – wegen der deutschen Beteiligung im Kosovo-Krieg.

Nun muss es endlich heraus: Marianne Regensburger war Jüdin. Zumindest bis 1962. Damals konvertierte sie zum Christentum. Um das alles zu verstehen, müssen wir noch weiter zurückgehen, in das unheilige Jahr 1933, und zwar nach Fürth bei Nürnberg, in eine Grundschule. Dort machte Marianne beim Krippenspiel mit – das war damals nichts Ungewöhnliches für eine jüdische Familie. Die Religion war im Alltag der Regensburgers völlig verblasst. Man feierte Weihnachten und Ostern, weil das zur deutschen Kultur dazugehörte. Marianne spielte also einen Engel – und wurde denunziert. Sie flog von der Schule. Der Direktor, ein Sozialdemokrat, flog ebenfalls. Mariannes Leben begann, in Unordnung zu geraten. Ihr machte das damals nicht viel aus. Sie wollte ohnehin auf keinen Fall so bürgerlich leben wie ihre Eltern. Ein Mädchen wollte sie eigentlich auch nicht sein. Bevor sie das Haus verließ, zog sie das Schürzchen aus, das sie immer umbinden musste, und rollte die langen Kniestrümpfe bis zum Knöchel herunter.

Übrigens wohnte in der Nachbarschaft ein Knirps namens Heinzi Kissinger, der als Petze verpönt war. Heinzi wurde später amerikanischer Außenminister und nannte sich Henry.

Im März 1939 verlässt Marianne Regensburger Deutschland und schwört wiederzukommen. Sie hat einen starken Willen: 1948 ist sie wieder da.

Die Quäker, bei denen sie in den USA Unterschlupf gefunden hatte, hatten ihr ein Stipendium zum Auslandsstudium gewährt. Die Quäker mit ihrem aktiven Christentum haben sie tief beeindruckt. So kam es, dass sie schließlich ihren Glauben wechselte.

Fotos aus dieser Zeit zeigen eine Frau mit großen, klaren Augen, einem geschwungenen Mund und langem dunklen Haar. Ihr Blick ist fordernd. Auf späteren Bildern ist sie mit Rudi Dutschke zu sehen. Ihre Haare sind kürzer geworden. Dutschke beugt sich vor, lacht. Regensburger sitzt gerade im Stuhl, den Kopf nach oben gereckt, eine Zigarette in der Hand. Auf keinem der Fotos ist sie lachend zu sehen. Erst später, als ältere Dame, gönnt sie der Kamera ein Lächeln.

War sie milder geworden, gelassener? Ihre Freunde winken ab. Marianne kämpfte bis zum letzten Tag für eine humane Gesellschaft, gegen das Poltern der braunen Stiefelträger. Sie musste auf die Straße, wenn etwas falsch lief im Lande. Und ihre Freunde von der evangelischen Gemeinde mussten mit. „Sie war immer ernsthaft und angespannt“, erinnert sich Friedrich Schorlemmer, dessen Friedensgruppe die West-Berlinerin regelmäßig in Wittenberg besuchte. „Sie wollte immer über die wichtigen Dinge reden.“ Und die passenden Zitate von Bloch, Horkheimer oder Habermas hatte sie alle im Kopf.

Noch als 80-Jährige marschierte sie zu Ostern für den Frieden, in ihrem ZDF-Parka. Den hatte sie bei jeder Demo an. Am Tag, als ihre Beine endgültig den Dienst versagten, wollte sie ihn gerade anziehen, rausgehen auf die Straße. Da fluchte sie – Fluchen konnte Marianne gut.

Sie starb letztlich an den Folgen eines Leberleidens. „Es reicht“, waren ihre letzten Worte. Heute wird sie beerdigt, auf dem Friedhof der St. Annen-Gemeinde in Dahlem, wo Gollwitzer und Dutschke liegen. Sie wusste: da gehört sie hin. Thomas Loy

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