Wirtschaft : Gertrud Keen

Geb. 1915

Jochen Schmidt

Ihre Schwestern tanzten Charleston, sie ging in den Widerstand. Als Henry Chasanowitsch, ihre große Liebe, 1933 vor den Nazis nach England fliehen muss, lernt er dort eine Trotzkistin kennen, deren Mann in Südafrika im Gefängnis sitzt, weswegen sie sich nicht von ihm scheiden lassen kann, um Henry zu heiraten. Henry nimmt trotzdem ihren Namen an und er heißt jetzt auch Keen.

Gertrud ist in Deutschland geblieben, heiratet einen Freund aus dem Widerstand und bekommt ein Kind. Nach dem Krieg nimmt Henry Kontakt zu Gertrud auf, die sich scheiden lässt, um mit Henry nach England zu gehen, der aber schon vor der Geburt der gemeinsamen Tochter stirbt. Diese Tochter trägt nun, wie das Leben so spielt, den Namen eines südafrikanischen Trotzkisten, den weder sie noch ihre Mutter je gesehen haben. Heute nennt man so etwas Patchworkfamilie, damals war es Schicksal. Und es ist nur menschlich, dass sie auf den Fotos, die Henry in England mit der anderen zeigen, die Frau von Henry mit der Schere trennte. So dachte ihre Tochter lange, ihr Vater habe nur einen Arm gehabt.

Sie war eine Sozialistin aus dem Herzen. Wenn ihr die Männer aus der Widerstandsgruppe Marx’ „Kapital“ oder Lenin zu lesen gaben, bemühte sie sich, aber ihr Widerstand war eher praktischer als theoretischer Natur. In der Nazizeit bedeutete das ständige Angst, und wenn es nur darum ging, zwölf Jahre lang nicht „Heil Hitler“ zu sagen. 1934 wurde sie verhaftet – in Friedrichsfelde hatte sie nach dem Grab von Rosa Luxemburg gefragt, ausgerechnet einen Gestapo-Mann. Der legte ihr die Hand auf die Schulter und nahm sie mit zum Gefängnis am Alex. Was sie bei der Jüdin gewollt habe, wurde sie dort gefragt. Sie sagte, dass sie deren „Briefe aus dem Gefängnis“ beeindruckt hätten. „Dann kannst du ja jetzt selber Briefe aus dem Gefängnis schreiben!“

Sie kam ins Jugend-KZ Mohringen, wo die Gefangenen bei ihrer Ankunft aufstanden und den Hitlergruß machten. Mit den langen, blonden Zöpfen sah sie so deutsch aus, da hielt man sie für eine Aufseherin. Schach hat sie dort gelernt und linke Kampflieder, und die Lesben hielt sie sich vom Leib. Wenn sie später von der Zeit erzählte, klang das alles eher harmlos. Sowieso hat sie die Kinder nie spüren lassen, wie sehr die Angst auch Jahre später noch an ihrer Gesundheit nagte. Alle kannten sie nur als lebensfrohe Frau.

Ihre Haltung war ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Sie kam zwar aus dem Schöneberger Arbeitermilieu, der Vater war Ofensetzer, die Mutter Portiersfrau, schon als Kind musste sie vor der Schule Brötchen austragen, um was dazu zu verdienen. Aber die anderen waren mehr oder weniger typische Mitläufer. Der Bruder, deutscher Jugendboxmeister im Leichtgewicht, versuchte zwar, sie aus dem KZ zu holen, aber die Familie hatte überhaupt kein Verständnis, als sie auch nach ihrer Rückkehr von der illegalen Arbeit nicht lassen wollte. Warum wird ein Mensch so anders? Lag es an den fortschrittlichen Lehrern, bei denen sie Tucholsky und Brecht gelesen hatte? Für die Schwestern, die lieber Charleston tanzen gingen, war sie jedenfalls eine „höhere Tochter“.

Dann kam Henry Chasanowitsch, dessen Großvater eigentlich Schub geheißen hatte, aber im zaristischen Gefängnis seine Identität mit einem Mitgefangenen tauschte, niemand weiß warum. Wieder so ein Name auf Reisen. Er nahm sie mit in die RGO – Rote Gewerkschaftsopposition, so nannten sich die kommunistischen Gewerkschafter. Damals war politisches Engagement für Jugendliche noch ein Weg, sich auszudrücken. So intensiv, dass die Überzeugungen ein Leben vorhielten.

Sie blieb immer engagiert, ob in der Liga für Menschenrechte oder als Zeitzeugin bei Stadtrundfahrten für Schulklassen zu Stätten des Widerstands. Am 1. Mai war bei ihr volles Haus, es gab Erdbeerbowle, und man sang Kampflieder – zum Unwillen der Zehlendorfer Nachbarn.

Dass bei ihrer Beisetzung auf einem christlichen Friedhof „Und als der Rebbe singt“ gesungen wurde, und anschließend „Vorwärts, und nicht vergessen…“, das hätte sie gefreut.

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