Gründerszene : Bei den Esten viel Neues

Estlands Hauptstadt Tallinn gilt als Labor für digitale Geschäftsmodelle. Berliner Start-ups haben sich dort deswegen umgesehen.

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Kreatives Zentrum. Das Areal der Telliskivi Creative City beherbergt mehr als 200 Firmen und NGOs.
Kreatives Zentrum. Das Areal der Telliskivi Creative City beherbergt mehr als 200 Firmen und NGOs.Foto: schmidteisenlohr.com

In den Mektory Labs herrscht rege Betriebsamkeit. Hier, im Start-up-Labor der Tallinn University of Technology, ist gerade eine Wirtschaftsdelegation aus Berlin zu Gast. Einige der Delegationsteilnehmer basteln Mini-Roboter zusammen und programmieren ihren Fahrweg, andere sitzen vor PCs und entwerfen Virtual-Reality-Landschaften. Die Universität bietet ihren Besuchern einen einstündigen Crash-Kurs an – und die sind sichtlich beeindruckt.

Estland ist ein digitaler Vorreiter in Europa. Zwar leben in dem baltischen Staat nur rund 1,3 Millionen Menschen, etwas mehr als ein Drittel der Einwohnerzahl Berlins. Doch Estland setzte – kaum war es 1991 von der Sowjetunion unabhängig geworden – voll auf Digitalisierung. 1998 waren alle Schulen am Netz, 2007 konnten Bürger erstmals online wählen. Die Regierung förderte massiv die Ausbildung von IT-Fachkräften und die Gründung von Start-ups. So kommen etwa die Software-Entwickler von Skype von hier.

Heute ist Estland nicht nur flächendeckend mit Breitband und W-Lan versorgt, sondern auch ein Vorbild in Sachen e-Government. Die Bürger können so ziemlich alles online erledigen: von der Wahl des Parlaments über die Steuererklärung bis hin zur Einsicht in die eigene Patientenakte. Firmen lassen sich in wenigen Minuten online gründen. Seit 2014 gibt es die „e-residency“ für EU-Bürger: eine virtuelle Staatsbürgerschaft, die Vertragsabschlüsse erleichtert.

Ideen und Inspiration sammeln

Kein Wunder, dass Estland für Gründer besonders spannend ist. Um Kontakte zu knüpfen, aber auch, um Ideen und Inspiration zu sammeln. Bei „48 h Tallinn“ besuchte die Berliner Delegation Ende März nicht nur die Mektory Labs, sondern eine ganze Reihe von Start-up-Zentren in der estnischen Hauptstadt. Organisiert wurde die Reise von „media:net berlinbrandenburg“, dem Netzwerk der Medien- und Digitalwirtschaft. Deren internationale Initiative „BerlinBalticNordic.net“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Berliner Gründerszene mit den nordischen Ländern und Ostsee-Anrainer-Staaten zusammenzubringen. „Die Idee dahinter ist, diesen Zugang auch kleinen und mittelständischen Unternehmen zu ermöglichen“, sagt die Netzwerk-Vorsitzende Andrea Peters.

Entwickelt hatte sich die Initiative, die vor einem Jahr startete, aus dem Austausch Berliner und polnischer Computerspiel-Studios. BerlinBalticNordic setzt nun einen größeren Fokus: die gesamte Medien- und Digitalbranche der Hauptstadtregion. Das Programm vor Ort wird von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe gefördert; die Unternehmen tragen die Reise- und Übernachtungskosten selbst.

Bei „48 h Tallinn“ waren denn auch ganz unterschiedliche Firmen an Bord: Die Delegation umfasste Teilnehmer aus den Bereichen Film, Musik, Werbung, Bildung und Finanzen. Benjamin Wüstenhagen beispielsweise ist Mitgründer und Geschäftsführer von „K.lab educmedia“, einem Joint-Venture mit der Klett-Gruppe. Die Firma startete 2011, sitzt in der Karl-Marx-Straße, hat heute 25 Mitarbeiter und betreibt die Plattform „meinunterricht.de“. „Dort helfen wir Lehrerinnen und Lehrern, Unterrichtsmaterialien von verschiedenen Fachverlagen zu finden“, sagt Wüstenhagen. „Mein Hauptinteresse hier ist gar nicht mal so sehr, Business zu betreiben“, sagt Wüstenhagen, „ich will mich eher inspirieren lassen und schauen, was innerhalb der EU in Sachen Digitalisierung möglich ist.“

Am meisten habe ihn in Tallinn der „e-Estonia Showroom“ beeindruckt: Ein Ausstellungs- und Konferenzraum, in dem schon Angela Merkel die Möglichkeiten des estnischen e-Government kennenlernte. Wüstenhagen findet beachtlich, dass Estland schon seit 2011 die Verschlüsselungstechnologie Blockchain nutzt. „Und die Transparenz, dass jeder Bürger jederzeit sieht, wer auf seine Daten zugegriffen hat – die finde ich bahnbrechend.“

Im Oktober geht es nach Warschau

In Tallinn wird die digitale Revolution an vielen Orten vorangetrieben. Der bekannteste ist die Telliskivi Creative City, die auf den 25 000 Quadratmetern eines ehemaligen Fabrikgeländes westlich des Hauptbahnhofs liegt. Das hippe Areal beherbergt mehr als 200 Firmen und NGOs und ist auch bei Tallinns Bürgern beliebt – zur Zeit der Delegationsreise fanden dort auch Konzerte der Tallinn Music Week statt. Zu den Telliskivi-Mietern zählen Firmen wie Funderbeam, die Start-up-Investitionen über digitale Tokens ermöglicht – oder auch Lift99, ein Co-Working- und Event-Hub, der kontinuierlich neue Start-ups anzieht. Insgesamt gibt es im Land derzeit rund 400 junge Tech-Firmen, wie Mari Vavulski von der Organisation Startup Estonia berichtet. Mit unkomplizierten Start-up-Visa will man auch Gründer außerhalb der EU anlocken; für EU-Bürger sind die Hürden ohnehin gering. 2016 nahmen Start-ups in Estland rund 100 Millionen Euro an Investorengeldern ein, sagt Vavulski.

Deutsche Vertreter wie die SolarisBank, Uhura, Interlake oder Lynx Tale trafen sich bei der Reise mit ihren estnischen Counterparts. „Es gibt einen Mehrwert für beide Seiten“, betont Andrea Peters. „Estland ist uns bei der Digitalisierung einen Schritt voraus. Für die estnischen Start-ups wiederum sind die Berliner Start-ups interessant, weil Deutschland ein wirklich großer Markt ist. Über Kooperationen können sie möglicherweise Zugang dazu finden.“

Auch Meike Müller traf sich in Tallinn mit estnischen Gründern. Die Berlinerin gründete ihr Unternehmen bereits 2007 und hat sich mit „One to Smile“ auf personalisiertes E-Mail- und Online-Marketing spezialisiert: Empfängernamen werden in Bildmotive eingebunden, was laut Müller zu einer positiven Grundstimmung führt. „Ich möchte hier Anregungen finden und sehen, was alles möglich ist“, sagt Müller. Die Erfahrungen in Tallinn haben sie in ihrer Auffassung bestätigt: „Am Ende hängt der Erfolg der digitalen Transformation vor allem von der richtigen Haltung ab. Es ist beeindruckend, was Estland in Sachen e-Government seit dem Jahr 2000 geschafft hat.“

Schon bald haben Firmen aus der Hauptstadtregion erneut Gelegenheit, ihren Horizont zu erweitern. Anfang Juli organisiert „BerlinBalticNordic.net“ das Treffen „48 h Berlin“ für Games-Firmen aus Deutschland und den Partnerländern. Im Oktober folgt „48 h Warschau“ mit einem breiteren Spektrum. Auch für 2018 gibt es schon Pläne: Dann sollen Delegationen nach Stockholm und Helsinki reisen.

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