Immobilien : Auf der Lauer nach gütigen Spendern

KATHARINA BECKMANN

Wie der Bauverein Klein-Glienicker Kapelle die Millionen für die Sanierung des Gotteshauses beschafftVON KATHARINA BECKMANNVier Drachen aus Zink klammern sich kopfüber ans Turmdach.Sprungbereit lauern sie ihrem nächsten Opfer auf.Nähert sich der Ausflügler, den es nach Klein-Glienicke verschlug, der denkmalgeschützten Backsteinkapelle deshalb so zögerlich? Die leuchtend gelben Drachen jedenfalls sind weithin sichtbar.Das verdanken sie einem hellen Anstrich, den die Denkmalpflege vorschrieb.Sie überwacht die Restaurierung des Gotteshauses, das so wiederhergestellt werden soll, wie es bei seiner Einweihung 1881 einmal aussah.So will es auch die Unesco, denn die Kapelle gehört zu den Babelsberger Schloß- und Parkanlagen und ist damit Teil des Weltkulturerbes.Die Fassade erstrahlt schon in neuem Glanz, doch im Gebäudenneren bleibt viel zu tun.Obgleich Handwerker manche Rechnung erließen, bleibt die Finanzierung ein Flickwerk.Damit ist auch ungewiß, wann die Drachen aus Zink wieder ihren eigentlichen Zweck erfüllen werden: als Wasserspeier den aufs Turmdach prasselnden Regen zu Boden leiten. Die angrenzenden Wohnhäuser werden kaum vom neugotischen Bauwerk mit seinen grünglasierten Ziegeln überragt.Im Inneren, wo einst Kirchenbänke waren, stehen heute Holzstühle ungeordnet im Raum.Das Originalgestühl ist ausgelagert, weil es vom Schwamm befallen war.Auch nach Altar, Taufstein und Kanzel sieht sich der Besucher vergeblich um."Wir suchen Spezialisten, die die fachgerechte Aufarbeitung der Originale übernehmen", sagt Andreas Kitschke.Er ist Vorsitzender des gemeinnützigen Bauvereins Klein-Glienicker Kapelle, der sich die Restaurierung des Gotteshauses auf die Fahnen geschrieben hat.Der Bauingenieur veranstaltet nach Anmeldung auch Führungen für interessierte Passanten.Kämen die ins Gebäude hinein, entdeckten sie in der Turmwand ein riesiges Loch, das nur provisorisch mit Plastikfolie gestopft ist: Hier stand ursprünglich die Orgel.Das Musikinstrument fiel der Feuchtigkeit zum Opfer, die Jahr um Jahr in das marode Dach eindrang.Im Gottesdienst wird wohl vorerst zu einer geliehenen Kleinorgel gesungen. Durch das zartviolette Antikglas fällt mattes Licht auf die ungestrichenen Wände.Sie wurden mit einem Metallgerüst verstärkt.Das stützt die Fenstergiebel, die im Laufe der Jahre vom Dach nach außen gedrückt wurden.So löste das Architekturbüro Thürigen, Wiedemann und Galler die statischen Probleme und erfüllte damit außerdem den Wunsch der Denkmalpflege, die die Giebelchen erhalten wollte.Bald werden die Wände nach historischen Vorlagen gestrichen und die noch lose aus der Wand hängenden Kabel verlegt.Sie liefern den Strom für eine Beleuchtungsanlage, die das hölzerne Spitztonnendach anstrahlen soll.Zuvor wird aber noch geschreddertes Altpapier auf die Wände gesprüht, als Wärmedämmung - schließlich wurde für teures Geld eine moderne Wandheizung hinter dem Putz versteckt, und die soll keine Energie verschwenden. Die Putzarbeiten führte die Schulze Baudenkmalpflege aus, die - getreu christlicher Tugenden - dem Bauverein die Rechnung um 10 000 DM minderte.Das drückte die Restaurierungskosten allerdings kaum: Sie belaufen sich auf bisher 1 Mill.DM und werden auf geschätzte 2,5 Mill.DM anwachsen. Kein Wunder! Zu DDR-Zeiten verfiel das Kleinod märkischer Neugotik, das Prinz Carl und sein Bruder Kaiser Wilhelm I.für die KleinGlienicker errichten ließen.Zuvor besaßen die Gläubigen keine eigene Kirche, und mußten zum sonntäglichen Gottesdienst einen langen und beschwerlichen Weg auf sich nehmen: quer durch den Berliner Forst bis zur Kirche St.Peter und Paul auf Nikolskoe.Der ersehnte Kapellenneubau schritt nach der Grundsteinlegung 1880 zügig voran.Planung und Bau übernahm Hofbaumeister Reinhold Persius (1835-1912) persönlich.Am Reformationstag, dem 31.Oktober 1881, weihte die Gemeinde die Kapelle ein.Auch Wannseer und Potsdamer pilgerten von nun an nach Klein-Glienicke. Ein jähes Ende nahm das rege Gemeindeleben mit dem Mauerbau 1961.Als Teil von Potsdam-Babelsberg ragte Klein-Glienicke wie eine Insel in West-Berlin hinein, gehörte damit zum streng bewachten Grenzgebiet: Besucher mußten einen Passierschein beantragen, der nur Verwandten von Anliegern ausgehändigt wurde.Wer zuzog, war meist SED-Genosse.Die Gemeinde schrumpfte, die Kapelle litt, und Reparaturen wurden nötig.Die Behörden beauftragten Orgelbauer und Dachdecker, sich des Gebäudes anzunehmen.Doch die nutzten die Gunst der Stunde und flohen über die wenige Schritte entfernte Mauer nach West-Berlin.Kurzerhand untersagten die DDR-Behörden alle weiteren Baumaßnahmen.Die Folge: 1977 feierte die kleine Gemeinde ihren letzten Gottesdienst, bevor das Gebäude gänzlich dem Verfall preisgegeben wurde. Die Rettung kam nach der Wende: 1990 faßten sich engagierte Bürger aus Klein-Glienicke, Potsdam und dem nahe gelegenen Wannsee ein Herz.Sie gründeten den gemeinnützigen Bauverein Klein-Glienicker Kapelle e.V..Das Ziel der vierzig Mitglieder: Restaurierung und Nutzung der kleinen Backsteinkapelle."Wo Ost und West aneinanderstoßen, möchten wir einen Ort der Begegnung schaffen", so der Vorsitzende des Vereins, Andreas Kitschke.Finanziert werden die Baumaßnahmen durch Spenden, vom Groschen bis zur Erbschaft.Bisher kamen so 267 000 DM zusammen.Dazu trug auch ein Benefizkonzert des Jeunesse Musicale Weltorchesters bei, das 1400 DM einspielte. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, doch der Bauverein konnte sich außerdem die Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sichern.Sie stellte einen großen Teil der Mittel für die Sanierung bereit und wird von etwa 40 000 privaten Spendern getragen.So rettete die Stiftung viele kunsthistorisch wertvolle Kirchen ebenso wie baufällige Stadtplätze, Parks und alte Wohnhäuser - meist in den neuen Bundesländern.Den Hilferuf des "Bauvereins Klein-Glienicke e.V." erhörte die Einrichtung 1994.Denn das Finanzierungskonzept für die Klein-Glienicker Kapelle sah vor, daß das Land Brandenburg und die Landeskirche jeweils ein Drittel der Kosten übernahmen.Das letzte Drittel sollte die Gemeinde, die durch den Bauverein vertreten wurde, selbst tragen.Der konnte seinen Anteil jedoch nicht aufbringen.Da sprang die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ein. In den Jahren 1994 und 1995 half sie jeweils mit 100 000 DM, 1996 mit weiteren 90 000 DM.Für die Klein-Glienicker Kapelle trieb sie sogar eine großzügige Spenderin auf.Eine ältere Dame erklärt sich bereit, 100 000 DM fest anzulegen und die Zinsen dem Bauverein zu überlassen.Dadurch kann er mit zusätzlichen Einnahmen von 5000 DM bis 7000 DM pro Jahr rechnen.Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz verwaltet das Geld.Ein solches Konzept nennt man "treuhänderische Stiftung"; dieses Modell wurde inzwischen vierzigmal umgesetzt. Einen herben Rückschlag erlitt der Bauverein Klein-Glienicke allerdings im vergangenem Jahr: Alle öffenlichen Förderungen wurden gestrichen.Das Kulturministerium, das für denkmalgeschützte Gebäude zuständig ist, überweist kein Geld mehr.Und auch die evangelische Kirche steckt in einer Finanzkrise.In ganz Babelsberg kann sie nur noch eine Pfarrstelle besetzen.Bleibt für den Klein-Glienicker Bauverein nur noch die Hoffnung auf private Spenden, um die Restaurierung zu vollenden.Gelingt dies, soll die Kapelle wieder für Gottesdienste und neugierige Spaziergänger offenstehen.Zudem wollen die Vereinsmitglieder Konzerte veranstalten und haben unter der Empore Platz geschaffen für Ausstellungen.Eine echte Gemeindekirche wird Klein-Glienicke wohl nicht mehr werden - aber dafür "ein Ort der Begegnung von Ost und West". Spenden: Bauverein Klein-Glienicker Kapelle e.V., Ev.Darlehnsgenossenschaft eG, Konto-Nr.: 143 308, BLZ: 100 602 37, Verwendungszweck: Spende zur Wiederherstellung der Kapelle; für Spendenquittung vollständige Anschrift angeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben