Ausstellung der Architektenkammer im Stilwerk : Wie aus einer anderen Zeit

Die Jahresausstellung der Architektenkammer zeigt vorbildliche Bauten von Berliner Büros. Die Vorzeigeprojekte scheinen aber wie aus einer anderen Zeit zu stammen. Denn auf die Frage, wie schnell und preisgünstig Wohnraum geschaffen werden kann, geben sie keine Antwort.

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Edel restauriert ist die Saaldecke im Haus Cumberland.
Edel restauriert ist die Saaldecke im Haus Cumberland.Foto: Christian Gahl/Braun Publishing

Berlin wächst alsbald auf vier Millionen Einwohner, Berlin zieht junge Arbeitnehmer an, junge Familien, Berlin beherbergt jetzt bereits 80.000 Flüchtlinge – mit einem Wort, Berlin benötigt Wohnraum. Nicht hier und da ein paar Einfamilienhäuser oder einen Lückenschluss, sondern richtig viele Wohnungen. Wohnungen, die „bezahlbar“ sein sollen, was immer das konkret heißen mag.

Jedenfalls könnte die Ausstellung „da! Architektur in und aus Berlin 2016“ nicht aktueller sein und notwendiger. Die Architektenkammer Berlin, Vertretung von rund 8300 Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplanern, veranstaltet sie zum 13. Mal im Foyer des Stilwerks, begleitet von einem Katalog, der alle 67 ausgewählten Projekte auf jeweils einer Doppelseite vorstellt.

Alle Projekte mussten im Jahr 2015 fertiggestellt worden sein. Das war, so die Erinnerung nicht alles verklärt, das letzte Jahr einer kontinuierlichen, freilich auch schon deutlich nach oben zeigenden Entwicklung auf dem Immobilienmarkt, doch noch ohne die fatalen Ausschläge, die in den zurückliegenden Monaten immer schärfer hervortraten. Und noch ohne die Herausforderung, Abertausende von Flüchtlingen als Zuwanderer auf Dauer zu begreifen und entsprechend für ihre Unterkunft zu sorgen.

Unter diesen Auspizien einer – man darf wohl sagen, krisenhaften – Zuspitzung scheinen die Vorzeigeprojekte wie aus einer anderen, kaum jemals mehr zurückkehrenden Epoche zu stammen.

Wohnkultur des heutigen Mittelstands in der Blüte des Lebens

Da gibt es die Lückenschließungen in den angesagten Wohngebieten von Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. In Hinsicht dieser Bauaufgabe hat sich in Berlin ein bemerkenswerter Qualitätsstandard herausgebildet. Was Schenk Perfler Architekten in der Wrangelstraße, Welter + Welter Architekten in der Libauer Straße oder Zanderroth Architekten in der Christburger Straße entfalten, ist die Wohnkultur des heutigen Mittelstands in der Blüte des Lebens (und des Lebensplans), mit bodentiefen Fenstern oder großflächigen Terrassen, bodengleichen Duschen oder barrierefreiem Zugang, Gemeinschaftsgarage im Keller und eigenem Blockheizkraftwerk auf letztem Stand der Energieeinsparverordnung.

Vorbildlich ergänzt wurde die alte Feuerwache in Niederschöneweide.
Vorbildlich ergänzt wurde die alte Feuerwache in Niederschöneweide.Foto: Werner Huthmacher/Braun Publishing

Ebenso mag man von den Umbauvorhaben schwärmen, etwa von Ingenbleek beim Taut-Haus am Engelbecken, jahrzehntelang Mauersperrgebiet und nun Auslauffläche für wahrlich großzügige Wohnideen. Dass das einstige „Kaiserliche Arbeitshaus“ in Rummelsburg mit seiner noblen Backsteinfassade vom Stadtbaurat Hermann Blankenstein anno 1879 von AFF Architekten teilweise in Maisonettes mit Dachterrassen umgeformt werden konnte, spricht Bände.

Wunderschön der Umbau der Alten Schönhauser 15, einem im Kern barocken Gebäude, durch nps Tchoban Voss in einer Geschichte nicht imitierenden, sondern in ihrem Gehalt aufschließenden Weise. Nur: Die Gentrifizierung dieses Teils von Mitte wird mit solchen Vorhaben aufs Schönste befördert. Über den Luxus einer dreigeschossigen Villa in Pankow des Büros Code of Practice braucht man erst recht kein Wort zu verlieren: Das ist Höchststandard für die happy few.

Im Forschungsministerium genießt die Energieeffizienz höchste Priorität

Auch bei Büroflächen stellt sich die Frage nach der Umnutzung vorhandener Substanz. Ein nüchtern-funktionales Beispiel liefern Klaus Schlosser Architekten mit dem Umbau von DDR-Industriebauten an der Greifswalder Straße. Wie die Sanierung eines Gebäudeinneren gelingen kann, zeigen Maedebach & Redeleit Architekten mit einem denkmalgeschützten Bau des Jahres 1903 – herrlich, wie etwa die befensterten Türen mit ihren Profilen aufgearbeitet wurden.

Ein Neubau ganz im Stil des „Steinernen Berlin“ ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung nahe dem Hauptbahnhof von Heinle, Wischer und Partner, bei dem – dem Nutzer gemäß – die Energieeffizienz höchste Priorität genießt.

Seit jeher bedeutend sind in Berlin die Bereiche Bildung, Wissenschaft und Kultur. Chestnutt Niess, die 1988 mit der Bibliothek am Luisenbad (Gesundbrunnen) ihren Einstand gaben, haben ein ähnlich einladendes Ensemble um die alte Feuerwache in Niederschöneweide als „Mittelpunktbibliothek“ entworfen.

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